In der neuen Spielzeit mit Stürmerstar Harry Kane soll beim FC Bayern alles besser werden. Der Trainer Thomas Tuchel weiß, dass er kritischer beurteilt werden wird. Und das merkt man ihm vor dem Start gegen den SC Werder Bremen auch an.
Es ist noch gar nicht lange her, dass es um Thomas Tuchels Herz geschehen war. „Schockverliebt“ hatte sich der Trainer des FC Bayern nach eigenem Bekunden in seine neue Mannschaft nur zweieinhalb Wochen nach seinem Amtsantritt Ende März als Nachfolger des beurlaubten Julian Nagelsmann. Damit überraschte er auch deshalb, weil er seine Zuneigung nach der 0:3-Niederlage bei Manchester City im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League offenbarte. Und trotz jenes Kabineneklats, bei dem der inzwischen nach Saudi-Arabien verabschiedete Sadio Mané seinem damaligen Münchner Teamkollegen Leroy Sané ins Gesicht geschlagen hatte.
Wer Tuchel in diesem Sommer in der Vorbereitung und vor allem nach dem bitteren 0:3 gegen RB Leipzig im Supercup zuhörte, konnte bezweifeln, dass das dieselbe Person ist, die vor gut vier Monaten hin und weg war.
Längst legt Tuchel einen völlig anderen Ton an den Tag. Der 49-Jährige klingt nun wie ein strenger Fußballlehrer, der nicht nur fordernd und unnachgiebig gegenüber seiner Belegschaft auftritt, sondern auch gegenüber der Chefetage. Das bekam sogar Ehrenpräsident Uli Hoeneß zu spüren, mit dem man es sich nach wie vor besser nicht verscherzen sollte.
Tuchel weiß das. Er ließ zu Beginn seines Engagements keine Gelegenheit aus, Hoeneß seinen Respekt zu erweisen und diesem öffentlich zu schmeicheln. Doch Tuchel weiß eben auch, dass er in der kommenden Spielzeit besonders beäugt werden wird. Der Trainer kann nicht mehr auf schwierige Umstände verweisen wie in der Endphase der vergangenen Chaos-Saison. Eine verunsicherte Mannschaft hatte er damals übernommen und diese nicht vernünftig auf die entscheidenden Wochen vorbereiten können.
Diskussionen um die Sechser-Position
Den damaligen Kader hatte Sportvorstand Hasan Salihamidzic hauptverantwortlich zusammengestellt. Nach dessen Beurlaubung und der des ehemaligen Vorstandschefs Oliver Kahn im Mai hatte Tuchel quasi eine Doppelrolle inne. Teilweise agierte er wie ein Sportdirektor, in Absprache mit jenem insgesamt siebenköpfigen Rat, der die Kaderplanung übernommen hat. In sportlichen Fragen hat vor allem das Wort von Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge Gewicht. Die langjährigen Macher des FC Bayern gestalten seit dem Abschied von Kahn und Salihamidzic vorerst wieder aktiv mit.
Das führt auch zu Reibung mit Tuchel. Der Trainer erlaubte sich sogar eine Widerrede in der Debatte ums defensive Mittelfeld. Er hält eine Holding Six für nötig, also einen Sechser, der sich als dauerhafte Absicherung versteht. Weder Joshua Kimmich noch der aus Leipzig ablösefrei verpflichtete Konrad Laimer, 26, oder der ins Hintertreffen geratene Leon Goretzka hätten ein solches Profil, erklärte der Trainer. Das gilt auch für den aus Dortmund ablösefrei geholten Raphaël Guerreiro (29), der Linksverteidiger ebenso spielen kann wie im Zentrum. Zudem kam Innenverteidiger Min-jae Kim, 26, für 50 Millionen Euro Ablöse vom italienischen Meister SSC Neapel als Ersatz für Lucas Hernández, der sich zu Paris Saint-Germain verabschiedet hatte.
Tuchel ist inzwischen auch gegenüber seiner Mannschaft ins Risiko gegangen. Dass sein Befund zur Holding Six im Team nicht auf Gegenliebe stieß, zeigte sich an Kimmichs Reaktion. „Ich bin ein Sechser“, sagte der deutsche Nationalspieler. Er sieht es offenbar anders als Tuchel, der Kimmich zwar als „strategischen Typ“ mit „viel Qualität“ bezeichnete, wegen dessen Tatendrang überall auf dem Feld aber feststelle, dass dieser „nicht die DNA eines defensiven Sechsers“ habe. Dass Hoeneß Tuchels Forderung nach einer Holding Six als unnötig zurückgewiesen hatte, hielt den Trainer nicht ab, seine konträre Sicht der Dinge kundzutun. „Die Frage auf der Sechs stellt sich mir gar nicht, weil Laimer ein Transfer ist, an dem wir sehr, sehr viel Spaß haben werden“, hatte Hoeneß gesagt. „Es ist nicht nötig, immer die gleiche Meinung zu haben. Es ist nur wichtig, dass wir einen guten Austausch haben und dass er meinen Standpunkt kennt“, erwiderte Tuchel.
Viele Hoffnungen ruhen auf Harry Kane
Diese Debatte war deutlich aufschlussreicher als der zähe Poker um Tottenhams Mittelstürmer Harry Kane, 30, der für mehr als 100 Millionen Euro Ablöse zum FC Bayern kam und dort als Heilsbringer gehypt wird. Dessen Verpflichtung galt als Schlüssel für eine erfolgreichere Zukunft, da der FC Bayern seit dem Abgang von Robert Lewandowski ganz vorne ein Vakuum zu beklagen hatte – vor allem, da Sadio Mané die Erwartungen nicht erfüllen konnte.
Für Kane legten sich die Münchner mächtig ins Zeug. Am Ende erfolgreich, Rechtsverteidiger Kyle Walker (33) von Manchester City dagegen entschied sich gegen die Bayern. Schwierig gestaltete sich auch die Torwartfrage, weil Manuel Neuer, 37, vorerst nicht zurückkehren kann nach seinem Beinbruch im Dezember 2022 – Alexander Nübel und Yann Sommer haben den Club aber bereits verlassen.
Bei all diesen Personalfragen kämpfte Tuchel um die aus seiner Sicht beste Lösung. Er weiß ja, dass er nun kritischer beurteilt werden wird, in seiner ersten Saison beim FC Bayern mit einer vollständigen Vorbereitung und seinem Einfluss auf die Kaderarchitektur. Tuchel hat zudem den exzellenten Ruf von seiner vorherigen Station FC Chelsea zu verteidigen, den er nach seinem Amtsantritt 2021 innerhalb von vier Monaten zum Titelgewinn in der Champions League gecoacht hatte. Nun will und muss er beim FC Bayern sehr erfolgreich sein, in seinem Tuchel-Jahr. Sein Ton macht das deutlich. Die Phase der Verliebtheit ist vorüber.