Strahlemann: Trainer Ludovic Magnin freut sich auf das Duell mit seinem Ex-Club VfB Stuttgart. Foto: /Steinsiek.ch

Für Ludovic Magnin ist es ein besonderes Spiel: Mit dem FC Basel trifft der Trainer in der Europa League auf den VfB – mit dem er 2007 Meister wurde.

Ludovic Magnin beruft das Videogespräch aus einer Kabine des FC Basel selbst ein. Pünktlich um 9 Uhr geht es los. Der Coach des Schweizer Meisters strahlt in den Bildschirm – und ist vor dem Europa-League-Duell gegen seinen Ex-Club VfB Stuttgart an diesem Donnerstag (21 Uhr/RTL) in Plauderlaune.

 

Herr Magnin, was haben Sie gedacht, als Sie nach der Auslosung vor ein paar Wochen von Ihrem Europa-League-Gegner namens VfB Stuttgart gehört haben?

Das war lustig. Wir hatten während der Auslosung Training, und hinterher in der Kabine habe ich als Erstes eine Nachricht von Christian Gentner auf dem Handy gesehen. Da wusste ich, dass irgendwas in diese Richtung passiert ist. Das Spiel ist natürlich etwas ganz Besonderes für mich.

Mit dem heutigen VfB-Sportdirektor sind Sie 2007 zusammen Deutscher Meister geworden.

Genau, noch heute sind wir immer mal wieder im Austausch, privat und beruflich. Ich war ja zu meiner Trainerzeit beim FC Lausanne (2022 bis Sommer 2025, d. Red.) irgendwann auch Sportdirektor, da habe ich mit Christian zum Beispiel auch über Spieler, mögliche Leihgeschäfte und solche Dinge gesprochen.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ihre Zeit als Profi in Stuttgart von 2005 bis 2009 denken?

Natürlich der Gewinn der Meisterschaft 2007 und viele wunderbare Erinnerungen an diesen Tag. Der Autokorso, die Ankunft auf dem Schlossplatz mit den „Fanta 4“ – und davor das Hammertor von Thomas Hitzlsperger. Und auch der Gedanke daran, dass wir alle kurz die Hosen voll hatten, als Energie Cottbus am letzten Spieltag mit 1:0 bei uns in Führung gegangen ist (lacht).

Deutscher Meister 2007: Mario Gomez (li.) und Ludovic Magnin Foto: imago/Sportfoto Rudel

Dann ist ja alles nochmal gutgegangen mit dem 2:1-Sieg – auch der heutige Vorstandschef Alexander Wehrle feierte damals im Mai 2007 mit, er war ja Referent des Vorstands. Wie haben Sie ihn damals wahrgenommen und wie tun Sie es heute?

Alex Wehrle hatte ja damals mit Erwin Staudt einen perfekten Lehrmeister. Er war einer der größten Präsidenten, die ich in meiner Karriere erlebt habe. Eine große Persönlichkeit, ein toller Mensch – ich habe viel von Erwin Staudt mitgenommen, auch in der Menschenführung. Das hat mir sehr imponiert. Es hat mich also nicht überrascht, dass Alex danach in eine ähnliche Richtung gegangen ist, mit so einem Lehrmeister. Es freut mich total zu sehen, dass der VfB gerade in so guten Händen ist.

Also werden die alten Bekannten Wehrle und Gentner den alten Spezi Magnin irgendwann mal als Trainer nach Stuttgart holen?

Oh je, so weit möchte ich nicht denken. Ich will und muss beim FC Basel abliefern – und da fehlen mir aktuell ein paar Punkte, um da jetzt womöglich irgendeinen lustigen Spruch in diese Richtung raushauen zu können (lacht).

Nach sieben Spielen in der Schweizer Super League haben Sie als amtierender Doublesieger zwölf Punkte, nur drei Punkte Rückstand auf den Tabellenführer FC St. Gallen.

Der Weg, den wir mit unserer jungen Mannschaft eingeschlagen haben, ist der richtige. Wir spielen einen sehr guten Ball und sind oft dominant – aber die Effizienz fehlt bisweilen. Die Ergebnisse fehlen noch, aber unsere Ziele sind klar: Wir wollen das Double verteidigen und in der Europa League weiterkommen.

Nach dem 1:2 zum Auftakt beim SC Freiburg stehen Sie jetzt gegen den VfB schon unter einem gewissen Druck. Was kommt da am Donnerstagabend auf Ihr Team zu?

Ich schätze den VfB eine Stufe höher ein als den SC Freiburg, mit anderen Fähigkeiten, Fußball zu spielen. Sie sind technisch sehr stark, haben gute Dribbler im Team, einen großen Offensivdrang und eine brutale Wucht. Also eigentlich alles, was wir auch in Basel auf einem anderen Niveau erreichen wollen. Klar ist: Der VfB ist gegen uns der Favorit und wir sind der Außenseiter.

Ihr Ex-Coach Armin Veh, mit dem Sie 2007 in Stuttgart Meister wurden, verfolgt Ihren Weg als Trainer aufmerksam – und sagt über Sie: „Er ist ein sehr intelligenter Bursche. Er kann sein Charisma, seinen Witz und seinen Ehrgeiz jetzt an seine Mannschaften weitergeben.“ Wie bekommt man diesen Spagat aus Ehrgeiz und Witz als Coach hin?

Man muss immer bei sich selbst bleiben. Schon als Profi war ich am Wochenende kein Spaßvogel mehr – da konnte ich sehr gut in den Angriffsmodus wechseln und zur Kampfmaschine werden. Jetzt als Trainer ist der Großteil meiner Einheiten hart und intensiv. Aber in der Presse und im Fernsehen meine gute, nette Seite zu zeigen, ist im Zweifel natürlich schöner, da kommt die andere Seite nicht so oft vor. Aber glauben Sie mir: Ich kann knallhart sein, wenn es nicht läuft. Eines ist allerdings immer wichtig.

Bitte!

Du kannst so ein Drei- oder Vierjahresprojekt, wie wir es jetzt in Basel vorhaben, nicht nur mit der Peitsche durchführen. Denn wenn du die Kabine verlierst, wirst du auch deinen Job verlieren als Trainer. Das Wichtigste ist das Zwischenmenschliche – ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener für mich.

Eher nicht zum Lachen zumute war im Laufe Ihrer bisherigen Trainerkarriere so manchem Schiedsrichter mit dem Blick auf Ihre Aktivitäten an der Seitenlinie. Trifft die so oberflächliche wie abgedroschene Begrifflichkeit des „Trainervulkans“ auf Sie zu?

Als junger Trainer bin ich ab und zu über das Ziel hinausgeschossen. Da waren sicher ein paar Aktionen an der Seitenlinie dabei, die so nicht in Ordnung waren. Das Etikett klebt dann natürlich an mir. Aber in der vergangenen Saison in Lausanne war es zum Beispiel so, dass ich noch vier Gelbe Karten hatte, aber keine Rote mehr. In dieser Saison habe ich bisher eine Gelbe Karte wettbewerbsübergreifend bekommen.

Also…

…ist der Begriff „Vulkan“ mittlerweile übertrieben. Ich habe mich anders entwickelt, lebe aber mit ihm. Der FC Basel hat mich vor der Verpflichtung jetzt im Sommer ja intensiv beobachtet und schnell gemerkt, dass es lange nicht mehr so schlimm ist wie am Anfang meiner Trainerkarriere. Aber es wird immer so sein, dass ich mich aufrege, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle. Andere Trainer wie Diego Simeone, Antonio Conte oder auch Jürgen Klopp sind immer authentisch geblieben und auch deshalb Vorbilder für mich. Wenn man also eher einen Trainertypen sehen will wie Carlo Ancelotti, der immer cool bleibt an der Seitenlinie mit seinem Kaugummi im Mund, bin ich eher nicht der richtige (lacht).

Julian Schuster, ein anderer Trainerkollege, hat vor dem Duell beim SC Freiburg vor einer Woche eine Anekdote aus gemeinsamen Spielerzeiten mit Ihnen beim VfB erzählt. Trapattoni, Mittelfeld, Übergewicht und Übersetzung sind die Stichworte.

Oh ja, das war was. Ich war der einzige Spieler im Kader, der damals unter Giovanni Trapattoni (von Juni 2005 bis Februar 2006 VfB-Trainer, d. Red.) italienisch verstanden hat. Der damalige Co-Trainer Andreas Brehme spielte ja unter dem Mister einst bei Inter Mailand und hat bei unseren Einheiten immer übersetzt. Trap hat uns dann einmal gesagt, dass wir im Mittelfeld auf unser Gleichgewicht zwischen den Linien achten und eine gute Balance im Spiel haben müssen.

Trapattoni (Mitte) erklärt, Magnin (Zweiter v.li.), Soldo und Brehme (re.) hören zu. Foto: imago

Und dann?

Hat Brehme übersetzt – und zwei Mittelfeldspielern auf Deutsch gesagt, dass sie ein bisschen Übergewicht haben und abnehmen sollen. Das war natürlich zum Totlachen. Ich konnte mich nicht mehr halten und habe mir fast in die Hose gemacht. Das haben die anderen dann natürlich gemerkt.

Trapattoni auch?

Klar. Der Mister ist nach dem Training zu mir gekommen und hat mich gefragt, warum ich so gelacht habe. Dann habe ich gesagt: „Mister, was der Andi da übersetzt hat, war nicht so ganz genau das, was Sie gesagt haben“. Danach wurde ich nach und nach Trapattonis Übersetzer.

Und Brehme war beleidigt?

Nein, gar nicht. Andi war als Mensch auch ein bisschen wie ich. Der konnte austeilen, aber auch einstecken – auch, was den Humor angeht. Er war ja wie ich als Profi ein Linksverteidiger, und so sind wir halt: Zumindest damals waren wir noch alle verrückt.