Seit einem knappen Monat ist Daniel Siegler Torwarttrainer des FC 08 Villingen. Der 39-jährige Stuttgarter spricht in unserem Interview über die Unterschiede in Südbaden, erklärt, was einen modernen Torwart auszeichnet und gibt Einblicke in seine Trainingsmethoden.
Plötzlich stand Daniel Siegler wieder im Tor. Mit 38, vier Jahre nachdem er mit dem Fußball aufgehört hatte. Landesligist TSV Heimerdingen hatte sich gemeldet. Alle drei Torhüter waren verhindert.
Siegler sprang ein, absolvierte mit dem Team die komplette Vorbereitung sowie die ersten Spiele.
Die Karriere
Die ganz große Fußballer-Karriere war Siegler zuvor verwehrt geblieben. Aus der Jugend der TSF Ditzingen schaffte er mit 18 Jahren bei der SpVgg Ludwigsburg den Sprung in den Oberliga-Kader.
„Ich habe mich von Liga zu Liga nach unten entwickelt, da ich mich in meinem Berufsleben nach oben entwickeln konnte und sich dadurch meine Prioritäten veränderten“, sagt er.
In unserem Interview erzählt der neue Torwart-Trainer des FC 08 Villingen, wer ihn überredete zum Fußball zurückzukehren, warum die 08-Torhüter immer anspielbar sein sollen und warum es ihm wichtig ist, auch die U21-Torhüter zu trainieren.
Herr Siegler, Sie sind seit einem knappen Monat beim FC 08 Villingen. Was sind Ihre ersten Eindrücke von Stadt und Verein?
Für mich ist es eine ganz spannende Geschichte hier in Villingen, weil ich aus meinem normalen Umfeld herauskomme. Die Kultur der Menschen ist anders. Sehr offen, sehr nett. Den Stuttgartern, den Schwaben, sagt man ja immer so ein bisschen „Brudlerei“ nach. Also erst einmal sich bedeckt halten, gucken und abwarten. Das ist hier absolut gar nicht so, die Leute sind völlig offen und herzlich.
Auch der Verein ist top: Erste Mannschaft Oberliga, U21 Verbandsliga, die ganzen Jugendmannschaften hochkarätig vertreten, eine Top-Infrastruktur mit diesem Stadion, dem Presseraum und vieles mehr.
Der erste Eindruck
Ich kann mit Überzeugung sagen, dass ich vom ersten Eindruck an sehr angetan war und dass ich gespannt bin, was der Verein in den nächsten Jahren aufbauen wird.
Als einen Grund für Ihren Wechsel nannten Sie die Möglichkeit, „ ambitionierte sportliche Ziele zu verfolgen“. Sind Sie jemand, der groß denkt?
Natürlich, der Verein hat große Ziele. Diese zu erreichen, ist eine sehr reizvolle Aufgabe. Ja – wir wollen oben dran bleiben und den maximalen Erfolg erzielen. Meine Aufgabe und Beitrag dazu ist es, dafür Sorge zu tragen, dass die Torhüter fit sind und sich stetig verbessern.
Bereits in der Jugend spielten Sie bei den TSF Ditzingen mit Mario Klotz zusammen. In Backnang waren Sie sein Torwart-Trainer. Welche Rolle hat Klotz bei Ihrem Wechsel zum FC 08 gespielt?
Eine tragende Rolle (lacht). Ohne Mario Klotz wäre ich nicht in Villingen gelandet. Mario ist ein langjähriger guter Freund von mir. Er hat letztes Jahr die Chance ergriffen und mit mir intensive Gespräche geführt. In diesen konnte er mich überzeugen, zur TSG Backnang in sein Trainerteam zu kommen.
Als Mario dann im Winter zum FC 08 wechselte, war für mich klar, dass dieser Schritt mit ihm logistisch ambitioniert wird. Er war beharrlich, wie er immer ist (grinst) und konnte mich erneut davon überzeugen, an seiner Seite zu bleiben.
Sie pendeln zum Training?!
Ja, ich fahre jedes Training von Stuttgart aus an.
Für die Trainingsarbeit ist es sicherlich von Vorteil, dass Sie sich sehr gut kennen.
Es herrscht ein hohes Vertrauen, als auch eine hohe Loyalität zwischen uns. Mittlerweile verstehen wir uns auch ohne Worte. Diese enge und gute Bindung ist mir sehr wichtig.
Wie kommunizieren Sie und um welche Themen geht es vor allem?
Wir kommunizieren täglich, reflektieren Spiele zusammen am Telefon oder die Trainingseinheiten, tauschen Eindrücke aus.
Kahn und Lehmann
Der Fußball verändert sich rasant. Welche Veränderungen sind beim Torwartspiel zu erkennen?
Das Torwartspiel hat sich dramatisch verändert. Oliver Kahn und Jens Lehmann waren extrem stark auf der Linie. Beim Rauslaufen gab es schon erste Defizite. Manchmal sind sie an den Ball rangekommen, manchmal nicht. Sie waren brutal aggressiv, brutal extrovertiert, total lautstark. So war die damalige Generation. Dann kam irgendwann die Generation um Manuel Neuer und René Adler.
Sie haben angefangen mitzuspielen. Sie standen viel höher, viel enger an der Kette. Das waren gute Fußballer, die mitgespielt haben und das Spiel antizipiert haben. Trotzdem waren sie auf der Linie extrem gut – und auch beim Rauskommen sicher. Die Torwartqualität hat sich enorm verbessert im Profibereich – und das ist selbstverständlich auch der Anspruch in den Amateurligen. Wer redet heute von Oliver Kahn oder Jens Lehmann? Alle reden von Manuel Neuer, Ederson oder Alison Becker.
Sie haben die fußballerische Weiterentwicklung angesprochen. Ist es wichtig, dass die 08-Torhüter ins Passspiel eingebunden werden?
Es ist absolut notwendig! Die Spielstrategie des FC 08 war ja schon in der Vorrunde darauf ausgelegt, spielerisch stark zu sein und schnell nach vorne zu spielen. Und wenn es dann auch mal hinten rum gehen muss, ist es natürlich notwendig, dass die Torhüter anspielbar sind und die Bälle souverän verarbeiten können.
Bereits bei ihrer Verpflichtung wurde angekündigt, dass sie in gewissen zeitlichen Abständen die Keeper der U21 trainieren werden. Warum ist Ihnen das wichtig, wie fallen Ihre ersten Eindrücke aus?
Ich habe jetzt schon zwei Einheiten mit der U21 hinter mir.
Es ist aus meiner Sicht selbstverständlich, dass ich Daniel Miletic, der als alleiniger Trainer in der U21 fungiert, unterstütze. So kann ich mir auch ein gutes Bild über die Leistungsstärke der Torhüter aus der U21 machen und gegebenenfalls, sofern benötigt, Mario als Cheftrainer der Oberligamannschaft, als auch Daniel als Cheftrainer der U21, beratend zur Seite stehen.
Charakterköpfe
Torhüter gelten als ganz besondere Charaktere. Benötigen Sie deshalb eine ganz besondere Ansprache vom Trainer?
Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Torhüter spezielle Spielercharaktere sind. Genauso bin ich davon überzeugt, dass sie dies auch sein müssen, weil man als Torhüter nun mal die letzte Instanz auf dem Feld ist. Fehler werden zumeist mit einem Gegentor bestraft. Deswegen muss ein ganz anderer Fokus, eine ganz andere Konzentration und auch Kommunikation innerhalb des Teams von dieser Person ausgehen.
Von da her sollte, nach meiner Überzeugung, ein Torwart immer ein spezieller Charakterkopf sein. Aber natürlich rede ich mit den Torhütern ganz normal. Letztendlich sind es ganz normale Menschen (grinst).
Aus Spielerkreisen ist zu hören, dass Sie mit modernen Methoden arbeiten.
Ich kann das schwer selbst bewerten, weil ich die tagtägliche Arbeit von anderen Torwart-Trainern nicht sehen kann. Früher wurde ich immer konservativ trainiert. Ganz getreu dem Motto, jedes Training ist der Medizinball dein bester Freund (grinst). Mein Auftrag ist es, die Entwicklungsfelder der Torhüter zu definieren und daraufhin zu trainieren. Um die Motivation dabei bestmöglich hochzuhalten, versuche ich so gut als möglich Spiel und Spaß mit einzubauen. Nach dem Training sollen die Jungs ein gutes Gefühl haben. Mein Wunsch wäre es, dass Sie nach dem Training denken, „Cooles Training! Es war hart, aber es hat Spaß gemacht.“