Valentin (Christopher Gordon) ist von Faust im Duell tödlich verletzt worden. Sein Kumpel Siebel (Rebecca Herter) ist verzweifelt. Foto: Ungureanu

„Faust“ auf Französisch: Beeindruckende Premiere der wohl bekanntesten Oper des französischen Romantikers Charles Gounod.

Der „Faust“ auf Französisch? Noch dazu als Oper? „Es kostet in der Tat Überwindung, diesen verwaschenen Abklatsch von Goethes Dichtung ruhig an sich vorüberziehen zu lassen“, schrieb „Die Gartenlaube“ zum Tod des Tondichters Charles Gounod (1818 – 1893). Gemeint war damit diese Oper, die als Meisterwerk des französischen Romantikers gilt. Dass es keinerlei Überwindung braucht und die abendfüllende Inszenierung heute noch so aktuell ist wie eh und je, das ist bei der nunmehr 20. Eigenproduktion der Balinger Stadthalle deutlich geworden.

 

Für diesen Faust (interpretiert vom Tenor David Esteban) ist es nicht das Streben nach dem All-Wissen, nach dem „Gesamtzusammenhang“, nach „des Pudels Kern“, sondern die Sehnsucht nach der verlorenen Jugend, nach Leben, Liebe und Lust. All das verspricht ihm sein Gegenspieler (oder sein Alter Ego) Mephisto (Liangliang Zhao, Bass). Der Gelehrte und der Verführer sind aus Sicht von Regisseurin Natalie Karl „zwei Hälften derselben Persönlichkeit“. Ihre Schlussfolgerung: „Faust und Mephisto gehören zusammen.“

Ein Schauspiel

In der ersten Szene liegt die Welt hinter einem Schleier. „Wo fass’ ich dich, unendliche Natur?“, fragt der alte Gelehrte, der zwischen Stapeln von Büchern sitzt und seinem unerfüllten Leben ein Ende setzen will. Denn: Ein Schauspiel sei das alles, schlussfolgert er, „aber ach, ein Schauspiel nur“. Aber Hilfe naht in schwarzem Pelz, mit knallroter Perücke, bekannt auch als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Und dieser „Geist, der stets verneint“ verspricht Linderung, zeigt dem geplagten Wissenschaftler eine Projektion von Marguerite (Esther Schneider, Sopran), gibt ihm, nachdem der Vertrag unterzeichnet ist, neben einem Jugendtrank etwas „Nachhilfe“ in Sachen Liebe, ködert die naive Schöne mit schickem Geschmeide – und der verjüngte Doktor bringt sie zu Fall.

Komödiantische Einlagen

Eine Liebestragödie? Nicht wirklich: Geradezu komödiantischen Einlagen gibt es etwa, wenn Mephisto Faust und Marguerite in ihrem Liebestaumel bespitzelt, wenn der Teufel als Bischof in der Kirche auftritt, wenn er mit Marthe (Olga Slatvinska) herumflirtet, nachdem er ihr kund getan hat, dass ihr Mann im Krieg gefallen sei und „grüßen lässt“, und wenn er im Goldregen beim Rondo ums Goldene Kalb tanzt. Bedrückend wird es – von dissonanten Tönen und Lichtern begleitet –, als Marguerite, vom Bruder verflucht und von Faust verlassen, ihr Kind getötet hat, als sie in Wahnsinn verfallen ist und im Kerker auf ihre Hinrichtung wartet. Als Faust sie dort findet, keimt Hoffnung auf – aber die wird von Mephisto zunichte gemacht. „Sie ist gerichtet!“ ruft er, als die beiden wieder vereinten Liebenden leblos auf dem Boden liegen. „Sie ist gerettet!“, verkündet der Engelschor aus der Höhe.

Verspiegelte Stellwände

Landleute, Soldaten, Irrlichter, Zauberer, Kurtisanen und Dämonen bieten einen bunten Reigen, dazwischen kommen die ernsten, dunklen Einlagen des religiösen Chors. Hilfreich – nicht nur für die Zuschauer, die in ihrer Schulzeit Französisch geschwänzt haben – ist die Übertitelung in Deutsch. Hilfreich auch für die, die an Goethe festhalten, die Sprecheinlagen von Matthias Klink.

Mit großen Stimmen, einem modernen und kargen Bühnenbild, das auf drei verspiegelten Stellwänden die Interpreten in vielen Facetten zeigt, das mit wenigen Requisiten und passender Videomontage auskommt, mit schillernden Kostümen und opulenter Choreografie, mit perfekt abgestimmten Einsätzen der arcademia sinfonica von Dietrich Schöller-Manno im Graben und mit dem Opernchor der Stadthalle unter der Leitung von Lennart Faustmann, ist Natalie Karl bei ihrem Regiedebüt eine Aufführung gelungen, die in Erinnerung bleibt. Eigentlich schade, dass am Premiere-Abend viele Plätze unbesetzt geblieben sind. Immerhin haben – grob geschätzt – 400 bis 450 Zuschauer, die sich die Premiere nicht entgehen ließen, am Ende die Interpreten und Musiker minutenlang bejubelt. Das haben sie verdient.

Eine weitere Aufführung ist am Dienstag, 11. November.