Manuel Hagel am Wahlabend Foto: Marijan Murat/dpa

Inhaltslos, stocksteif, unbeholfen und ohne Charisma: hart geht der Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung im Südwesten mit dem Spitzenkandidaten ins Gericht.

Mitten in den grün-schwarzen Sondierungsgesprächen wird der gescheiterte CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel aus den eigenen Reihen massiv kritisiert. Der Landeschef der CDU-Mittelstandsvereinigung (MIT) Baden-Württemberg, Bastian Atzger, geht mit Hagels Wahlkampf und seinem persönlichen Auftreten scharf ins Gericht. In einem Meinungsbeitrag für die aktuelle Ausgabe der MIT-Mitgliederzeitschrift („Wirtschaftsforum“) gibt Atzger dem CDU-Landeschef und dessen Team die Schuld dafür, dass der sicher geglaubte Sieg am Ende verspielt worden sei. Ein „schlecht geplanter und ungeschickt ausgeführter Wahlkampf“ habe den ursprünglich großen Vorsprung dahinschmelzen lassen. Nun stehe die Südwest-CDU „vor den Trümmern einer Strategie“, der es an „jeder Form von Angriffslust“ gefehlt habe. Die Kampagne der Partei habe zunächst einer „Fahrt im Schlafwagen“ geglichen, „die in kollektive Panik mündete und schließlich in Depression endete“.

 

Aus Atzgers Sicht war der 37-jährige Hagel dem Grünen-Spitzenkandidaten Cem Özdemir (60) von Anfang an nicht gewachsen; das Duell sei vielmehr stets eine „asymmetrische Begegnung“ gewesen. Özdemir habe seine breite Bekanntheit genutzt und es „meisterhaft“ verstanden, sich in den digitalen Medien als authentisch zu präsentieren. „Er holte die Menschen durch eine geschickte Selbstpräsentation ab, wirkte nahbar und – trotz aller politischen Altlasten – integer“. Mögliche Angriffspunkte „wie die Bonusmeilen-Affäre, Sponsoring-Fragen oder steuerliche Ungereimtheiten“ habe die CDU ungenutzt gelassen.

„Fatale Inhaltslosigkeit, fehlende Spontanität“

Bei Manuel Hagel sieht der MIT-Landeschef dagegen massive Defizite. Das „Rehaugen-Video“, in dem sich der CDU-Chef vor acht Jahren über eine Schülerin äußerte, sei „zum Symbolbild einer gescheiterten Kampagne“ geworden. Polit- und Kommunikationsprofis hätten dieses schnell abräumen können, meint Atzger. Hagels „unbeholfene Reaktion“ habe jedoch „eine fatale Inhaltslosigkeit und eine fehlende Spontaneität“ entlarvt. Da habe auch der Versuch nichts geholfen, „die Ehefrau als moralischen Kompass zu inszenieren“. „Wer möchte denn schon einen politischen Leader, dem seine Frau erst ,den Kopf waschen‘ muss?“, fragt Atzger. Entgegen dem „Sunnyboy-Image“ seiner Bilder habe sich Hagel „als der biedere Familienvater vom Land verkauft“. Einem Sunnyboy „hätte man die Aussage zur Mädchenklasse verziehen, einem biederen Familienvater nicht“.

Özdemir „meisterhaft“, Hagel „stocksteif“: Die Kritik der CDU-Mittelstandsvereinigung an der Kampagne ist massiv. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Allgemein wirkte Hagel für den MIT-Landeschef „in all seinen Auftritten zu kontrolliert, mit auswendig gelernten Statements, ohne Authentizität“. Während Özdemir die Menschen emotional gebunden habe, sei der CDU-Vormann „im stocksteifen und künstlichen Markenbild“ stecken geblieben. Als „schmerzhafte Erkenntnis“ formuliert Atzger: „charismatische Führungsstärke lässt sich nicht simulieren“. Auf die Mobilisierung der Grünen hätten die CDU-Strategen keine Antwort gefunden, sondern sich für die „Opferrolle“ entschieden.

„Die Boygroup hat sich selbst besiegt“

Schon unmittelbar nach der Wahl, am 9. März, hatte Atzger auf X eine vernichtende Bilanz gezogen. Alles, wovor die Mittelstandsvereinigung die CDU gewarnt habe, sei eingetreten: „Unklare Inhalte, feige Kampagne und wirre Botschaften – die Boygroup hat sich mit ihrem Wahlkampf selbst besiegt.“ Als „Boygroup“ wurde parteiintern Hagels Umfeld vor allem aus jüngeren Männern bezeichnet. Nach dem CDU-Sieg in Rheinland-Pfalz kommentierte Atzger, dort wisse die Partei, „wie man einen Wahlkampf organisiert“. Die Mittelstandsvereinigung ist offiziell eine Untergliederung der CDU, deren Mitglieder nicht zwingend der Partei angehören müssen. Ihr Landeschef Atzger war früher Kreisgeschäftsführer der CDU in Stuttgart. Die Führungsgremien der Südwest-CDU hatten sich nach einem Rücktrittsangebot geschlossen hinter Hagel gestellt.