Das närrische Gericht fällt ein Urteil gegen den Ex-Lehrer aus Blumberg. Der Obernarr Werner Waimer überbrachte die Anklageschrift für die Verhandlung im Gemeinschaftshaus in Zollhaus.
Im Alter von über 70 Jahren wird der seit 2013 pensionierte Realschullehrer Gerhard Scherer vom traditionellen Pfetzergericht der Pfetzerzunft Blumberg-Zollhaus auf die Anklagebank gerufen.
Im Hause Scherer war die Überraschung groß, als sich eine erlesene Abordnung der Pfetzerzunft vorstellte und die Anklageschrift übergab. Nachdem die selbst ernannten Gesetzesvertreter bei fastnächtlichen Klängen ihre strenge Vorladung vorgetragen hatten, verschlug es dem Angeklagten Gerhard Scherer fast die Sprache.
Obernarranwalt Werner Waimer überbringt Anklage
Mit markanten Worten und vorgeschriebenem Diktat überbrachte der erfahrene und schlitzohrige Gerichtsvertreter, Obernarranwalt Werner Waimer, die Anklage zum diesjährigen Prozess am Fastnachtsdienstag, 4. März, ab 10.11 Uhr im altehrwürdigen Narrennest der Zollhauser Fastnacht im Gemeinschaftshaus. Wegen grober Verstöße gegen den närrischen Alefanz muss der bisher unbescholtene Bürger Gerhard Scherer vor diesem aristokratischen Gericht erscheinen.
Schwierige Indiziensuche
Für den Vertreter der Anklage, Silvio Waimer, wird es bei dieser Gerichtsverhandlung nicht einfach werden, für die begangenen oder nicht begangenen Verstöße im Leben von Gerhard Scherer die nötigen Indizien zu finden. Als Vorbild vieler Jugendlicher und früher als selbst ernannter Anwalt der Blumberger Realschule ist sich der Pädagoge im Ruhestand keiner Schuld bewusst. Ob als erfolgreicher Handballtrainer oder auch Leadsänger der Lehrerband Alsaba, mit seltsam rauchiger Stimme, trug er viel zum Gemeinwohl bei. Mit pfiffigem Blick hinter seinen Brillengläsern war und ist er immer ein Vertreter und Garant für viel Sympathie und seine Meinung wird überall geschätzt.
Doch wer das närrische Pfetzergericht kennt, der weiß, dass die Oberankläger mit ihren scharfen Narrenaugen immer etwas für ihre Anklage finden. Den Spürhunden der Rechtsvertreter bleibt nichts verborgen, und so wird Gerhard Scherer ganz neue Seiten von sich kennenlernen. Mit Maulkorb und am Holzpranger angekettet, darf er am Gerichtstag auch selbst nichts zu seiner Verteidigung sagen. Sein Fürsprecher Tim Wölfe hat aber Hoffnung, dass von einer lebenslangen Gefängnisstrafe abgesehen wird.
Die symbolischen Urteile haben es aber immer in sich und dürften Gerhard Scherer schon jetzt schlaflose Nächte bereiten. Seit fast 30 Jahren gehört dieser Schauprozess zu den gefürchtetsten Ritualen der Blumberger Fastnacht. Bei dem Urteil ist jedoch mit mildernden Umständen zu rechnen. Mit seinem sozialen Engagement, wie bei ehrenamtlichen Einsätzen mit seiner Rentnergruppe Aktivis, oder seinem Rot-Kreuz-Service mit der Zustellung des täglichen Mittagstisches, kann Scherer punkten. Vielleicht drücken die Schöffen um Richter Simon Blank ein Auge zu und lassen Gnade vor Recht walten.
Fastnächtlicher Beistand
Das öffentliche Pfetzergericht, bei dem neutrale Besucher aus der Bevölkerung immer willkommen sind, verspricht einiges an Brisanz, und der Angeklagte darf sich auf keinen Fall sicher fühlen. Er kann aber auf fastnächtliche Unterstützung bauen. Tochter Alexandra schlüpft seit Jahrzehnten in das Burghexen-Häs, und Schwiegersohn Helmut Bouillon treibt als ein echtes Original der Kultgruppe Burgpfeifer sein Unwesen.
Anklagen seit 1993
Der Brauch
Seit der frühere Zunftmeister der Pfetzer, Werner Waimer, diese etwas andere Rechtssprechung des Pfetzergerichts 1993 ins Leben rief, mussten sich schon zahlreiche bekannte Blumberger Bürger diesem Brauch stellen. Die Urteile haben es immer in sich und treffen des Pudels Kern. Von den Bürgermeistern Helmut Stahl oder Markus Keller über Gemeinderäte, Künstler und Journalisten wurden schon vielen Angeklagten dieser Narrenspiegel vors Gesicht gehalten. Nicht nur für die Pfetzerzunft in Zollhaus, sondern für die ganze Stadt gehört diese Veranstaltung zu den Höhepunkten der heimischen Fastnacht.