Berühmte Fastenklinik am Bodensee Chefärztin: „Wer nicht ständig nascht, tut schon viel für seinen Körper“

Bettina Hartmann , aktualisiert am 30.04.2025 - 11:08 Uhr
Verena Buchinger-Kähler ist die neue Chefärztin der Buchinger-Wilhelmi-Klinik. Leonard Wilhelmi ist seit 2019 Geschäftsführer. Foto: Buchinger Wilhelmi/KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle

Fasten ist im Trend. Was es mit dem Körper macht und wie man einen gesünderen Lebensstil pflegt, erklärt Verena Buchinger-Kähler, neue Chefärztin der Buchinger-Wilhelmi-Klinik am Bodensee. Ihr Wechsel ist zudem eine Geschichte der Versöhnung.

Eigentlich ist sie an Ostern zu Ende gegangen, doch in der berühmten Buchinger-Wilhelmi-Klinik am Bodensee ist immer Fastenzeit. Bei den Gästen, die an dem exklusiven Ort in Überlingen nach den Regeln des Arztes Otto Buchinger (1878–1966) heilfasten, sprich: unter ärztlicher Aufsicht für gewisse Zeit auf feste Nahrung verzichten, geht es zwar unter anderem ums Abnehmen, im Mittelpunkt steht aber „ein bewussterer Umgang mit dem eigenen Körper“, sagt Verena Buchinger-Kähler (39).

 

Vor Kurzem hat sie die ärztliche Leitung der Klinik übernommen. Ihr Großcousin Leonard Wilhelmi (37) ist dort seit 2019 Geschäftsführer, in dritter Generation. Nachdem die Familie viele Jahre zerstritten war, arbeiten die beiden Buchinger-Urenkel nun eng und einträchtig zusammen - und zeigen so auch, wie Versöhnung gelingt.

Frau Buchinger, Sie und Ihr Großcousin Leonard Wilhelmi waren lang Konkurrenten: Sie haben die Buchinger-Klinik in Bad Pyrmont geleitet, er die Buchinger-Wilhelmi-Klinik in Überlingen. Wie kam es zu Ihrem Wechsel an den Bodensee?

Buchinger: Es war genau die richtige Zeit für eine Veränderung. Also bin ich zum Jahresende mit meinem Mann und unseren drei Kindern nach Überlingen gezogen und habe zunächst einige Monate alle Bereiche der Klinik durchlaufen. Die Umorientierung war für mich durchweg ein Gewinn.

Woran machen Sie das fest?

Buchinger: Schon an den Arbeitsbedingungen. In Überlingen sind wir inklusive mir 11 Ärzte, über 60 Therapeuten und weiteres Fachpersonal. Damit ist schon die medizinische Abteilung so groß wie die ganze Klinik im Norden. Dazu kommt das Zwischenmenschliche. Leonard und ich standen zwar mit unseren Unternehmen im Wettbewerb, haben uns über die Jahre aber immer besser kennengelernt und Vertrauen aufgebaut. Wir haben beide gespürt: das passt.

Ihr Urgroßvater Otto Buchinger gilt als Begründer des Heilfastens. Er eröffnete die erste Fastenklinik. Seine Nachkommen allerdings waren jahrzehntelang zerstritten, heißt es.

Buchinger: Das ist lang her.

Wilhelmi: Die Kriegs- und Nachkriegswirrungen haben so manche Familie auseinander gebracht, so auch die unsere. Dazu kam, dass unser Urgroßvater vier Kinder hatte – mit unterschiedlichen Vorstellungen zur Weiterentwicklung der Klinik in Bad Pyrmont.

Meine Großeltern zogen schließlich vom ursprünglichen Sitz nach Überlingen. Hier starteten sie 1953 mit der Eröffnung unserer Klink neu, später kam in Marbella in Spanien unsere zweite Klinik hinzu. Verenas Familie hingegen blieb in Niedersachsen. Somit gab es zwei konkurrierende Unternehmen.

Mein Vater Raimund Wilhelmi hat allerdings immer Wert darauf gelegt, dass wir zwar eigenständige Kliniken waren, aber eine Buchinger-Familie.

Und Sie beide kannten sich?

Wilhelmi: Wir haben uns bei Familienfeiern gesehen. Unsere Eltern, also die dritte Generation, hatten sich bereits wieder angenähert.

Buchinger: Und wir zwei haben uns von Anfang an gut verstanden. Generell haben wir Nachkommen der vierten Generation ein gutes Verhältnis.

Bis zur Zusammenarbeit hat es gedauert.

Wilhelmi: Es gibt in jeder Familie Probleme. Und oft sind Trennungen von Familienstämmen endgültig. Wenn man sich aber nach einer Entfremdung wieder findet, ist das eine große Freude. Für uns ist es in gewisser Weise auch ein Minizeichen fürs große Ganze: Man kann Konflikte überwinden, Versöhnung ist möglich - sofern man den Blick auf die Zukunft richtet und dranbleibt.

Bei uns fiel das zugegebenermaßen nicht schwer, denn die Basis stimmt. Das fängt schon bei der Liebe zum Menschen an, die man für die Arbeit in unserem Haus mitbringen muss. Auch Verena hat diesen ganz besonderen Buchinger-Spirit mit der Muttermilch aufgesogen. Zudem wurden unsere Kliniken schon immer von einem männlichen und einem weiblichen Part geleitet - ob bei meinen Großeltern, bei meinen Eltern oder in Marbella bei meiner Cousine und meinem Bruder.

Dr. Verena Buchinger und Leonard Wilhelmi. Foto: Buchinger Wilhelmi

Frau Buchinger, was passiert nun mit dem Standort in Bad Pyrmont?

Buchinger: Wir haben die Klinik, die in die Jahre gekommen war, inzwischen geschlossen - keine Insolvenz, sondern ein geordneter Rückzug. Eigentlich hatten wir Pläne für einen Neubau. Doch die Pandemie und ihre Folgen, etwa die explodierten Baukosten, haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ihnen, Herr Wilhelmi, hat die Pandemie weniger zugesetzt.

Wilhelmi: Wir haben die Auswirkungen ebenfalls gespürt. Aber wir haben hier ganz andere Bedingungen. Wir sind ein größeres Haus und punkten etwa mit gehobeneren Zimmerstandards, einem umfangreicheren Angebot, dem Bodensee, der Nähe zur Schweiz und mit unserer internationalen Ausrichtung.

Frau Buchinger, was ist für Sie der entscheidende Unterschied zu Ihrer alten Wirkungsstätte?

Buchinger: Unsere Philosophie ist identisch. Doch die Forschungsabteilung, die Françoise Wilhelmi de Toledo, Leonards Mutter, über die Jahre aufgebaut hat, beeindruckt mich sehr. Hier steht unsere Arbeit, das System Heilfasten, ständig auf dem Prüfstand. Das ist einzigartig auf der Welt. So sind wir raus aus der Erfahrungsheilkunde – und mittendrin in der evidenzbasierten Fastenmedizin.

Sie machen seit Jahren große Studien. Auch um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen?

Buchinger: Zum Fasten wurde und wird inzwischen viel geforscht. Heutzutage kann keiner mehr leugnen, dass die Methode den Stoffwechsel wirkungsvoll beeinflusst und auf chronische Krankheiten einen positiven Effekt hat. So normalisieren sich beim zeitweiligen Verzicht auf feste Nahrung der Blutdruck und die Blutzuckerwerte. Heilfasten hilft zudem auch bei psychischen Beschwerden, etwa bei Burnout und Erschöpfungszuständen.

Was sind Ihre Pläne als neue Chefärztin?

Buchinger: Ich möchte unter anderem unsere Angebote individualisieren. Wir arbeiten dabei etwa mit der Universität Alméra in Spanien zusammen, um zu schauen, welche Bewegungsprogramme für welchen Typ am besten geeignet sind. Zudem werden wir den wissenschaftlichen Bereich weiter stärken und mit der ganzheitlichen Betreuung unserer Gäste verzahnen.

Wilhelmi: Wir sind inzwischen quasi das größte Fastenlabor der Welt mit mehr als 7000 Patienten pro Jahr. Als die einstigen Pioniere möchten wir durch die Forschung weiterhin unseren Beitrag zu einer modernen Fastenmedizin leisten.

Wer kann eigentlich nach Ihrer Methode fasten?

Buchinger: Fast jeder. Nicht gefastet werden sollte lediglich in der Schwangerschaft und Stillzeit, bei Diabetes Typ 1, bei Essstörungen und bei schweren Erkrankungen der inneren Organe. Ansonsten ist der Verzicht auf feste Nahrung, wir empfehlen mindestens zehn Tage nur mit Gemüsebrühe, frisch gepressten Säften, Kräutertees und Mineralwasser, für die meisten eine heilsame Körper- und Seelenreise.


Das geht auch daheim. Oder?

Buchinger: Ja, aber wir merken, dass die Menschen in der Klinik mehr Zeit für sich haben, unter ärztlicher Aufsicht Verantwortung abgeben, reflektieren und durchatmen können. Es ist wichtig, über den eigenen Lebensstil in Ruhe nachzudenken, etwa darüber, warum man bei Stress stets zu Süßem greift. Beim Fasten geht es auch um einen bewussteren Umgang mit dem eigenen Körper. Menschen finden bei uns zu einer gewissen Klarheit. Das braucht es, um langfristig gesünder zu leben.

Was ist Ihr Einstiegstipp dafür?

Buchinger: Mit Essenspausen anfangen! Wer nicht ständig nascht, sondern sich bewusst auf die Hauptmahlzeiten konzentriert, tut schon viel für seinen Körper. Durch Snacken geraten wir nämlich in eine Art Insulin-Resistenz-Falle - und sind binnen kurzer Zeit wieder hungrig. Auf dem Speiseplan sollten Hülsenfrüchte als tolle Proteinquelle stehen. Dazu Nüsse als kleine Energiebomben und Beeren, die von Natur aus zuckerarm und reich an Antioxidatien sind. Und Bewegung muss ebenfalls sein.

Vor Ihrer Zeit an den Fastenkliniken haben Sie in Krankenhäusern gearbeitet . . .

Buchinger: . . . und nach sieben Jahren war mir klar, dass ich dort vor die Hunde gehe. Diese Massenabfertigungsmedizin ist nichts für mich. Es geht nach dem Prinzip: Laborwerte anschauen - und Pflaster drauf. Mir hingegen ist ein ganzheitlicher Ansatz wichtig. Dafür gibt es im heutigen medizinischen System aber weder die Zeit noch das Geld.

Apropos Geld. Ein Aufenthalt bei Ihnen ist nicht günstig.

Wilhelmi: In der normalen Basisversion kostet ein Fastenaufenthalt etwa 5000 Euro. Je nach Anspruch und Leistung variieren die Preise.

Buchinger: Die Gesundheit ist essenziell und unwiederbringlich. Körper und Seele gibt es nur einmal, deswegen sollten wir uns auch um sie kümmern – und in sie investieren.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Wilhelmi: Wir wollen unsere Position als weltweite Nummer eins der Fastenmedizin festigen. Dafür planen wir bis 2030 Investitionen von rund 50 Millionen Euro. Wir wollen natürlich kein Wellnes-Hotel werden, aber unser medizinisches, diagnostisches und therapeutisches Angebot verbessern und vergrößern. Und dafür bauen wir unter anderem ein moderneres Fitnesscenter und eine neue Wellnesslandschaft. Die Wünsche der Gäste ändern sich nun mal. Und wir sehen uns in der Pflicht, ihnen ein qualitativ hochwertiges Gesamtpaket zu bieten.

Buchinger: Es gibt räumliche und inhaltliche Erweiterungen. Wir bieten inzwischen etwa Hautpflege an und machen Schlafanalysen. An unserem Konzept ändert das jedoch nichts: Das Fasten steht für uns immer im Mittelpunkt.