Für Unterhaltung beim Fastenbrechen in der Neckarhalle sorgte unter anderem der Chor der Schwenninger Vesperkirche. Foto: Jochen Schwillo

Das interkulturelle Fastenbrechen in der Schwenninger Neckarhalle hat am Samstag mehr als 450 Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammengeführt.

Den Abend hatte der Jugend- und Elternverein Schwarzwald-Baar (JESEV) mit Unterstützung der evangelischen Kirchengemeinde Schwenningen und der Hochschule für Musik Trossingen organisiert.

 

Vor sieben Jahren gab es das erste Fastenbrechen im Gemeindehaus der Pauluskirche – damals mit rund 45 Gästen. Heute hat sich die Zahl verzehnfacht. Für JESEV-Vorsitzenden Cengiz Tastan war das diesjährige Treffen besonders, da christliche Fastenzeit und Ramadan zeitgleich begonnen haben – ein seltenes Zusammentreffen, das nur alle 30 bis 33 Jahre vorkommt.

Zudem erinnerte er daran, dass das Fastenbrechen 2023 in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen wurde. Tastan betonte, das gemeinsame Mahl sei weit mehr als ein Essen. Es stehe für Dankbarkeit, Achtsamkeit und spirituelle Reflexion und verbinde Menschen weltweit. Der Fastenmonat lehre Mitgefühl und Selbstdisziplin.

„Beim Fastenbrechen verbinden wir die innere Einkehr des Ramadan mit dem äußeren Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Glaubensrichtungen“, sagte er. Gemeinsame Rituale bauten Brücken und ließen Respekt und Freundschaft wachsen.

Funktionierendes Miteinander braucht Einsatz vieler Menschen

Pfarrerin Brigitte Günther hob hervor, dass ein funktionierendes Miteinander den Einsatz vieler brauche. In Schwenningen gebe es seit Langem Orte der Begegnung, an denen Menschen verschiedener Religionen zusammenarbeiten – in Gemeinden ebenso wie in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Dort seien Gebetsräume eingerichtet, und Patientinnen und Patienten erhielten Seelsorge in ihrer Muttersprache.

„Auch unsere Schulen sind längst ein multireligiöser Kosmos“, sagte sie. Schulfeiern würden heute religiös sensibel gestaltet. Sie wünsche sich, dass das Fastenbrechen künftig noch breiter verankert wird – als sichtbares Zeichen gelebter Geschwisterlichkeit.

Für Professorin Linde Brunmayr-Tutz von der Musikhochschule Trossingen war die Teilnahme mit Studierenden ein besonderes Erlebnis. Musik könne Menschen verbinden und beleben. Die Musikhochschule und der JESEV verfolgten ein gemeinsames Anliegen: sich mit den Menschen in der Region zu vernetzen.

Ein Zeichen des Friedens

Ulrich Merz, Vorsitzender des evangelischen Kirchengemeinderats, freute sich darüber, dass das Fastenbrechen jedes Jahr mehr Gäste aus der christlichen Gemeinschaft anzieht. Es sei ein Moment der Freude, der Dankbarkeit und der religiösen Verbundenheit.

„Wir wollen diese Zeit gemeinsam verbringen – wie es seit Abraham Brauch ist, auch Gäste einzuladen“, sagte er. Das Fastenbrechen sei ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung. „In beiden Religionen ist der Friede ein zentraler Auftrag.“ Das gemeinsame Essen erinnere daran, miteinander zu teilen. „In einer Welt, die oft von Misstrauen und Spaltung geprägt ist, setzen wir heute ein Zeichen.“

Gemeinschaft in der Gesellschaft verankert

Auch Engagement und Integration standen im Mittelpunkt. „Der Jugend- und Elternverein steht auf den drei starken Säulen Bildung, Dialog und Integration“, sagte Moderator Esved Tastan, der gemeinsam mit seiner Frau Hatun durch den Abend führte. Die Veranstaltung sei ein Zeichen dafür, „dass unsere Gemeinschaft fest in der Gesellschaft verankert ist“.

Mit dem Integrationspreis des JESEV-Vereins wurden in diesem Jahr Demet Salcioglu und Serdar Aktas ausgezeichnet. Salcioglu kam 2018 nach Deutschland, lernte schnell Deutsch und arbeitet seit 2022 als Integrationsdozentin an der Volkshochschule in Schwenningen. Zuvor war sie mehr als 17 Jahre als Lehrerin in der Türkei tätig. Aktas, der an der renommierten Cerrahpasa-Medizinischen Fakultät studierte und in seinem Heimatland tausende Operationen machte, zog 2022 mit seiner Familie nach Deutschland. Nach erfolgreicher Anerkennung seiner Qualifikation arbeitet er seit rund einem Jahr in der Schwarzwald-Augenklinik.

Gelungene Integration

Die Preise überreichte Oberbürgermeister Jürgen Roth. „Beide Geschichten zeigen, dass Integration gelingt, wenn Leistungsbereitschaft, Offenheit und Unterstützung zusammenkommen“, sagte er. Vielfalt sei „keine Randnotiz, sondern Teil unserer Identität und Wettbewerbsfähigkeit“. Wer hier ankomme, sich anpasse und Verantwortung übernehme, gehöre zur Mitte der Stadtgesellschaft.

Für ihren langjährigen Einsatz im interreligiösen Dialog und bei den „Abrahamstöchtern“ ehrte die Landtagsabgeordnete Martina Braun Sonja Hoffmann und Ihsan Kumas. „Es ist mir eine große Freude, heute hier zu sein“, sagte die Grünen-Politikerin.

Chor der Schwenninger Vesperkirche wirkt mit

Das Rahmenprogramm gestalteten der Chor der Schwenninger Vesperkirche, ein Ensemble der Trossinger Musikhochschule sowie ein Auftritt kleiner Derwische. Da Gläubige während des Ramadan tagsüber keine Speisen und Getränke zu sich nehmen dürfen, war das Fastenbrechen in der Neckarhalle nach Sonnenuntergang. In diesem Jahr hatte die Küche des türkischen Lokals Bosporus die Verpflegung der Gäste übernommen. Unter anderem wurden Rindfleisch mit Reis und weitere traditionelle Speisen gereicht.