Die Einführung von Tempo 30 auf der B 415 – hier der Doler Platz in Lahr – ist genau ein Jahr her. Die Meinungen gehen nach wie vor auseinander. Foto: Köhler

Seit genau einem Jahr gilt auf der B 415 in Lahr, Kuhbach und Reichenbach Tempo 30. Während die Stadt eine positive Bilanz zieht, ist die Kritik noch nicht ganz verstummt.

Es war 2024 das wohl am emotionalsten diskutierte Thema in Lahr: die Umsetzung von Tempo 30 auf der B 415. Obwohl die Stadt mehrfach betonte, dass kritische Lärmgrenzen überschritten würden und diese Tatsache der Verwaltung keine andere Wahl gelassen habe, als das neue Limit einzuführen, gab es heftige Kritik.

 

Anwohner befürchteten eine Mehrbelastung, Gewerbetreibende sorgten sich vor ausbleibender Kundschaft und die Seelbacher und Schuttertäler hatten Angst, noch weiter ins Abseits zu rutschen, wenn die Fahrt in die Stadt und Richtung Autobahn länger dauert. Seit dem 12. November 2024 stehen die neuen 30er-Schilder.

Hatte die Einführung den seitens der Verwaltung erhofften Effekt? Haben sich die Befürchtungen bestätigt? Unsere Redaktion hat nachgehakt.

Rathaus erhält positive Rückmeldungen

Das Rathaus: Seit der Einführung von Tempo 30 hat es laut stätischer Pressestelle keine weiteren Untersuchungen oder Messungen gegeben. Die Auswirkungen auf Verkehr und Lärm seien dennoch beobacht- und wahrnehmbar. Der Verkehr sei auf den Abschnitten außerhalb der Kernstadt und in der Kernstadt abseits der Stoßzeiten nicht stockender geworden, sondern eher gleichmäßiger. Die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen Fahrzeugen seien geringer geworden, sodass sie sich wie eine Perlenkette fortbewegen. „Zudem haben wir aus der Bevölkerung oft die Rückmeldung bekommen, dass es sich nun leichter und entspannter auf die B 415 einbiegen lässt“, wie die Verwaltung mitteilt. Vor der Einführung war in einer verkehrs- und schalltechnischen Untersuchung berechnet worden, was eine Reduzierung auf Tempo 30 bewirken würde. Man gehe davon aus, dass die prognostizierten Lärmpegeleinsparungen tatsächlich eingetreten seien, teilt das Rathaus mit: „Dafür spricht, dass wir zur Lärmminderung ebenfalls positive Rückmeldungen aus Kuhbach, Reichenbach und der Kernstadt erhalten.“

Und wie steht es um die lautstarke Kritik, die sich rund um die Einführung von Tempo 30 auf die Stadtverwaltung entlud? „Bei der Straßenverkehrsbehörde sind in der Anfangszeit etliche Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern eingegangen“, berichtet die Stadtverwaltung. Zwischenzeitlich sei dies nur noch sehr vereinzelt der Fall.

Polizei erkennt keine signifikante Verbesserung

Die Polizei: Viel spekuliert wurde über die Auswirkungen des neuen Tempolimits auf die Verkehrssicherheit. Während eine geringere Geschwindigkeit normalerweise die Verkehrssicherheit erhöht, wurden nach der Einführung von Tempo 30 Stimmen laut, dass durch die Ungeduld der Autofahrer mehr Unfälle entstehen. Laut Polizei kam es zwischen dem 12. November 2024 und dem 30. September 2025 in diesem Bereich zu 30 „statistisch relevanten und auswertbaren“ Verkehrsunfällen, davon drei mit Fußgängern und sieben Mal mit Fahrradfahrern. Hinzu kamen 31 einfach gelagerte sogenannte Verwarngeldunfälle.

Das sind tatsächlich weniger als ein Jahr zuvor im gleichen Zeitraum (40 und 37), aber mehr als wiederum im Jahr davor (16 und 48). Die Einordnung des Polizeipräsidiums: „Die sprunghafte Entwicklung innerhalb der drei Vergleichszeiträume lässt unseres Erachtens zum jetzigen Zeitpunkt noch keine valide Aussage über die Auswirkungen des Tempolimits auf die Verkehrssicherheit zu.“ Tendenziell, heißt es weiter, habe sich die Lage „zumindest nicht durchschlagend verbessert“.

Ortsvorsteher aus Kuhbach und Reichenbach sind gegensätzlicher Meinung

Die Ortsvorsteher: Kuhbachs Ortsvorsteher Norbert Bühler ist nach wie vor davon überzeugt, dass Tempo 30 eine „schlechte Idee“ war. „Es nervt die Leute immer noch“, meint er. Dort, wo die Blitzer stehen, werde Tempo 30 gefahren – „teilweise nur 25“ –, danach werde wieder beschleunigt. „Es ist wahnsinnig schwierig, von den Seitenstraßen auf die B 415 abzubiegen. Es lässt einen fast niemand raus. Das Miteinander fehlt“, bemängelt der Ortsvorsteher zudem. Trotz aller Kritik glaubt Bühler allerdings nicht, dass es noch einen Weg zurück zu Tempo 40 gibt. Und: „Mit der Zeit wird sich jeder dran gewöhnen. Die Zeit heilt ja bekanntlich alle Wunden.“

Reichenbachs Ortsvorsteher Klaus Girstl sieht die Lage etwas anders: „Das Thema hat sich zwischenzeitlich beruhigt. Es schlägt zwar immer mal wieder auf, aber ich denke, die Menschen haben sich daran gewöhnt, wenn auch noch nicht ganz verinnerlicht.“ Er erkenne, sagt Girstl, dass es „vom Lärm her besser geworden ist. Und es ist ein entspannteres Fahren durch den Ort. Ich selbst stelle den Tempomat ein und lasse mich treiben“. Anders als sein Amtskollege aus Kuhbach findet er, dass das Abbiegen auf die B 415 einfacher geworden ist, da die Autos langsamer unterwegs sind.

Petitionsstarter will Tempo 30 weiterhin rückgängig machen

Der Petitionsstarter: Mehr als 7800 Unterschriften hat seit einem knappen Jahr eine Online-Petition gegen Tempo 30 auf der B 415 erreicht. Ins Leben gerufen hatte sie der Reichenbacher Arsenio Teles da Silva. Sein Ziel damals: Die Einführung rückgängig machen. Wie sieht es heute aus? „Wir sind immer noch an der Sache dran“, erklärt der 20-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion. Zurzeit lote er aus, welche Möglichkeiten es gibt, aktiv zu werden.

„Viele nehmen Tempo 30 jetzt hin, aber man merkt immer noch die Unzufriedenheit“, beschreibt er die Stimmung im Dorf. Ein Nachteil aus seiner Sicht: „Lahr ist als Einkaufsstadt mit Tempo 30 nicht mehr attraktiv“. Er selbst kenne viele Reichenbacher, die lieber über den Schönberg nach Offenburg fahren, um shoppen zu gehen.

Im Schuttertal herrscht weiterhin Unzufriedenheit

Die Nachbargemeinde: Im Schuttertal, erklärt Seelbachs Bürgermeister Michael Moser auf Nachfrage unserer Redaktion, „ist das Thema nach wie vor sehr präsent“. Viele Bürger würden die Maßnahme kritisch sehen und Unverständnis sowie Unmut äußern. „Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung sind seither nicht weniger geworden, im Gegenteil: Die Befürchtungen, die im Vorfeld geäußert wurden, haben sich aus Sicht sehr vieler bestätigt“, so der Rathauschef, der ausdrücklich auch für seinen Amtskollegen Matthias Litterst aus Schuttertal spricht.

Die Gemeinden, so Moser weiter, hätten sich frühzeitig und mit klarer Haltung gegen die Maßnahme positioniert. „An dieser Haltung hat sich bis heute nichts geändert.“ Allerdings gelte es anzuerkennen, dass die Stadt Lahr „nach allem was wir wissen keinen wirklichen Ermessensspielraum hatte“. Regelmäßig bekämen die beiden Rathauschefs zu hören, dass Bürger aus dem Schuttertal inzwischen andere Routen nehmen oder zum Einkaufen ins Kinzigtal fahren.

Das Unternehmernetzwerk Seelbach hatte sich bereits im Jahr 2023 mit einem offenen Brief an OB Markus Ibert gewandt, mit der Bitte, die Einführung genau zu überdenken. Die Sorgen der Gewerbetreibenden im Schuttertal: Die Arbeitgeber verlieren an Attraktivität, wenn die Anfahrt aus Lahr durch Tempo 30 länger dauert. Vorsitzender Marius Hacker bilanziert nach einem Jahr Erfahrungen: „Würde heute das Thema aufkommen, würden wir den offenen Brief noch einmal genauso schreiben. Es ist nicht so, dass wir sagen: Es war alles nicht so schlimm.“

Die Sorgen, dass sich der Arbeitsweg zeitlich verlängere, hätten sich bestätigt. „Es wird immer noch darüber geredet“, sagt Hacker. Da die Lage jedoch als alternativlos dargestellt werde, halte das Unternehmernetzwerk die Füße still.

Die Blitzerzahlen

Laut Rathaus wurde auf der B 415 seit der Einführung von Tempo 30 in circa 10 000 Fällen geblitzt. Die Zahl der tatsächlich eingeleiteten Ordnungswidrigkeitenverfahren liege aber niedriger, da beispielsweise keine Verfahren bei Fahrten von Rettungsdiensten eingeleitet wurden. Der Spitzenreiter war mit 95 Stundenkilometern unterwegs, abzüglich Toleranz waren es hier immer noch 92 Stundenkilometer.