Wie fühlt es sich an, zum allerersten Mal bei einem Fasnetsumzug nicht als Zuschauer am Rand zu stehen, sondern selbst in den Reihen einer Narrenzunft mitzulaufen, noch dazu im Häs, mit Maske und Geschell?
Es ist Sonntagmittag. Noch eine halbe Stunde, dann geht es los. Es wird Zeit, das Häs anzuziehen und die Maske aufzusetzen. Stolz und dankbar hole ich die Holzhutzel aus der Tasche.
Maske und Häs
Die Larve, ein freundliches Faltengesicht in Birnenform, hat die Nummer 64. Ich weiß, die hat Paul Held, der „Vater der Hutzeln“, eigenhändig geschnitzt. Und ich, ein Auswärtiger, darf sie heute tragen.
Das Häs ist blütenweiß und in kräftigen Farben filigran bemalt. Auf dem Rücken prangt das Bild des Rathauses. Schon als dieses Gebäude vor mehr als 100 Jahren errichtet wurde, hatte Binsdorf eine lange Fasnetstradition.
Pünktlichkeit
Durch die Reihen in Vorfreude wartender Zuschauer links und rechts der Straße strebe ich dem Sammelpunkt für die Aufstellung in der Neuen Gasse zu. Das Geschell, zwei breite Ledergurte mit fast faustgroßen Kupferglocken, wiegt weniger als ich gedacht habe. Dafür macht es bei jedem Schritt einen Heidenlärm und zieht neugierige Blicke auf mich.
Pünktlich muss man als Narr sein und ich schaffe es rechtzeitig. Viele Stadthexen sind schon da und gut zwei Dutzend meiner Mit-Hutzeln, auch viele Kinder im Häs.
Musik
Die als „Lumpen“ gekleideten Musiker der Stadtkapelle stehen auch bereit. Dann bahnen die Baura der Alt-Beisdorfer Fasnet dem imposanten Strohbär einen Weg an die Spitze. Joachim Schädle steckt heute in der Figur, erfahre ich.
Ein dumpfer, lauter Knall hallt durch die schmale Straße, dann noch einer: Die Geislinger Böllerschützen geben weithin hörbar das Zeichen, dass es jetzt losgeht. Zunftschreiber Eugen Merz im Hutzelhäs ordnet uns in zwei Reihen, rechts und links, immer in Paaren. Ich merke mir meinen Widerpart auf der rechten Straßenseite.
Takt
Zeit, mir weiter Gedanken zu machen, ob ich das alles hinbekomme, habe ich keine mehr. Die Lumpenkapelle stimmt zum ersten Mal den Binsdorfer Narrenmarsch an, dann setzen wir uns alle in Bewegung.
Erst etwas unsicher und verlegen versuche ich die tänzelnden Hopser mitzumachen, in denen sich die altgedienten Narren um mich herum bewegen. Das klappt zunehmend besser und bald bin ich so im Takt der Musik, dass ich gar nicht mehr groß darüber nachdenke. Es erkennt mich eh niemand, denke und vergesse ich.
Durch Augen, Mund und Nasenlöcher der Maske sieht man erstaunlich gut, nur der Blickwinkel nach unten ist etwas eingeschränkt. Im Tempo, in dem ich mich mit dem Umzug voran bewege, ziehen Gesichter an mir vorüber – fröhliche, aufmerksame, ein paar nachdenkliche. Ein kleines Kind blickt mich skeptisch an. Ich winke ihm mit der weiß behandschuhten Hand zu und Lächeln ersetzt die Skepsis.
Freude
Die gleichmäßige Marschmusik, die klirrenden Schellen, die Stimmen – das alles hüllt mich ein wie weiche, angenehme Kissen. Wir passieren das Binsdorfer Rathaus – das echte, nicht das gemalte. Aus dessen erstem Stock, bekomme ich nur halb mit, werden wir Holzhutzeln begrüßt, wie auch alle anderen Gruppen des Binsdorfer Fasnetsumzugs.
Ich verliere das Zeitgefühl, kann die Strecke nicht mehr einschätzen, die wir bereits zurückgelegt haben, und ich spüre zunehmend, wie Glückshormone durch meinen Körper strömen: Ja, es macht wirklich Spaß, denke ich nicht nur, sondern spüre es.
Ausdauer
Was ich aber auch spüre: Fast ohne Unterbrechung im Takt zu bleiben, im Rhythmus zu jucken, nicht zu schnell und nicht zu langsam zu laufen, das erfordert Kondition. Unter dem dünnen Häs trage ich nicht nur einen Pullover, sondern auch eine Jacke – das war bei mehr als zehn Grad ein Fehler: Bald bin ich gehörig verschwitzt.
Je länger der Umzug dauert, umso mehr merke ich zudem meine Unterschenkelmuskeln. Zum Tanzen bin ich schon lange nicht mehr gekommen, doch genau dieses Training wäre als Vorbereitung gut gewesen. Ob ich morgen Muskelkater haben werde? Egal, dieses Erlebnis wäre es wert.
Gemeinschaftsgefühl
Als die Lumpenkapelle den Stadtplatz mit der Katharinenlinde erreicht, endet die Musik. Unsere Laufgruppe, die bis hierhin diszipliniert marschiert und gehopst ist, löst sich auf. Eine Mit-Hutzel schiebt ihre Maske in den Nacken und strahlt übers verschwitzte Gesicht: „Ich könnt’ grad umdrehen und nochmal laufen!“.
Ich kann das jetzt nachempfinden, doch die Pflicht ruft. Doch so schnell ist der Umzug nicht zuende: Erst muss ich mich noch von all meinen Bekannten verabschieden: „Nächstes Jahr läufst du aber bei uns mit!“, laden mich gleich zwei Zünfte ein. Ich sage nicht nein – doch innerlich ja.
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Der Autor
Wolf-Ulrich Schnurr
ist im protestantisch geprägten Nordschwarzwald aufgewachsen. Eine Fasnetstradition gab es dort nicht, nur den Kinderfasching des Wintersportvereins. In Häs und Maske als Narr bei einem Umzug mitzulaufen und über dieses Erlebnis zu berichten, war schon lange eine Idee gewesen. Dank Simone Eissler und Daniela Ritter von der Narrenzunft Binsdorf hat das nun geklappt.