Seit Jahren wächst und wächst die Narrozunft Villingen. Immer mehr Hästräger nehmen an den Umzügen teil. Dies stellt die Vereinsführung vor Herausforderungen – und vor die Frage, wie sie gegensteuern kann. Auch die Meinung der Mitglieder ist gefragt.
Angesichts der Massen an Narros, Morbili und Altvillingerinnen beim Umzug am Fasnetmentig, der leidenden Qualität von Häsern und Schemen oder von Narren, die das Brauchtum missachten, fragen sich Zunftmeister Anselm Säger und Zunftarchivar Michael Bohrer zusammen mit ihren Mitstreitern aus dem Rat, ob die Grenzen erreicht sind.
Dass sich etwas ändern muss, habe sich schon länger abgezeichnet, erklärt Säger. Doch im vergangenen Jahr habe sich gezeigt, dass dringender Handlungsbedarf besteht. „Wir hatten 4000 Umzugsabzeichen für den Fasnetmentig, die haben nicht mehr für alle Teilnehmer ausgereicht“, schildert Säger die Situation.
Umzug kam Katzenmusik und Südstadtclowns in die Quere
Und dies zog Konsequenzen für die anderen Narrenvereine mit sich: Der endlos lange Umzug kam der Katzenmusik und den Südstadtclowns in die Quere. Um schnell ein Signal zu senden, dass der Narrozunft am guten Miteinander liegt, habe sie den ersten Schritt schon vollzogen, unterstreicht Bohrer: Der Umzug am Mentig beginnt statt wie bisher um 9 Uhr bereits um 8.45 Uhr. Da hofft er ebenso wie Säger, dass die Maschgere zum einen pünktlich zum Aufstellen kommen und sich zum anderen zügig bewegen, um Verzögerungen für die folgenden Umzüge in der Innenstadt zu vermeiden.
Weitere Änderungen sollen folgen. Die drei Monate nach der Fasnet habe der Rat wie immer genutzt, Ideen zu entwickeln und Aktionen auf den Weg zu bringen, erzählt Säger. Ein schnell umgesetztes Ergebnis sei der Willkommensabend für neue Mitglieder, um sie mit dem Verein und den Traditionen vertraut zu machen.
Verwässerung der Tradition
Denn regelrecht explodiert seien die Mitgliederzahlen in den vergangenen Jahren. Allein 2024 gab es 326 Eintritte, in den ersten drei Januarwochen 2025 kamen weitere 55 Mitglieder dazu. Ihnen Hilfestellung und Informationen zu bieten, um das Brauchtum der Fasnet aufrechtzuerhalten, liegt Bohrer am Herzen. Unermüdlich kämpft er als Sprecher des Brauchtumsausschusses gegen eine Verwässerung der Traditionen und eine „Partykostümfasnet“ an. Zum ersten Mal hat der Ausschuss so Richtlinien für Maschgere und Mäschgerle ausgearbeitet und dem Zunftblättle beigelegt, macht auf die wichtige Rolle der Anonymität der Hästräger und die richtige Kleidung aufmerksam.
Diskussionen im Rat
„Ein Mammutprojekt“ seien jedoch einschneidende Veränderungen, um das Brauchtum zu erhalten, die Einführung von Kontrollen bei den Umzügen oder eine Begrenzung der Hästräger wie in Rottweil. Dass der Rat über Auflagen und Vorschriften diskutiert, geben Bohrer und Säger durchaus zu.
Aber wenn die Zunft solche Pläne in die Tat umsetze, dürfe das nicht allein die Entscheidung der 32 Ratsmänner und -frauen sein. „Wenn wir etwas unternehmen, wollen wir die Rückendeckung der Mitglieder“, stellen die zwei klar.
Fragen zum Erscheinungsbild der Narren und deren Verhalten
Deren Meinung holt die Zunft bei einer Befragung ein, die bis Ende März läuft. Da geht es um die Einschätzung, was den Einzelnen das Brauchtum bedeutet, ob sie ins Häs gehen, um Party zu machen oder beim Umzug mitlaufen möchten. Fragen zum Erscheinungsbild der Narren und deren Verhalten oder dem Häs-Tüv kommen ebenso zur Sprache wie mögliche Reglementierungen, nur noch Mitglieder beim Umzug zuzulassen.
Solche Wege wolle der Rat nur gemeinsam mit den Mitgliedern einschlagen, erklären Bohrer und Säger. Die Umfrage sei gedacht, Fakten zu sammeln und einen Prozess anzustoßen. Ziel sei es, bei der nächsten Hauptversammlung im Januar 2026 die Auswertung vorzustellen und falls erwünscht bis in drei bis fünf Jahren tiefgreifendere Veränderungen in Angriff zu nehmen.
Thema bewegt Narren
Dass das Thema die Narren bewegt, zeige der Rücklauf: 1050 ausgefüllte Fragebögen seien bisher über die verschiedenen Kanälen bei der Zunft gelandet, verdeutlicht Säger. Abzüglich der Kinder unter den rund 5300 Mitgliedern habe sich schon fast ein Viertel an der Befragung beteiligt.
Viel verraten die beiden Ratsherren noch nicht über die Tendenz, nur das: Auch viele Mitglieder scheinen hinter den von der Zunft angedachten Reformen zu stehen.
Vernetzung per App
Und auch der Rat selbst steht Korrekturen offen gegenüber: In der Umfrage geht es ebenso um die Bewertung der Führungsmannschaft und die Kommunikation innerhalb des Vereins. Eine wesentliche Verbesserung versprechen sich Säger und Bohrer von der Narrozunft-App, die in der ersten Jahreshälfte herauskommt, um via Smartphone mit den Mitgliedern vernetzt zu sein und sie mit aktuellen Nachrichten zu versorgen.
Spannend bleibt es für den Zunftmeister und den Zunftarchivar also allemal, vor welchen Umbrüche die Zunft steht und wie die Konsequenzen aus der Umfrage aussehen. „Wir werden einiges ausprobieren“, gibt Säger die Devise vor.
Mitgliederbefragung
Teilnahme
Den Fragebogen hat die Narrozunft zusammen mit dem Zunftblättle an die Mitglieder verschickt. Wenn mehrere Familienmitglieder an der Umfrage teilnehmen möchten, ist er auf der Homepage unter www. narrozunft.de/downloads zum Ausdrucken zu finden. Wer will, kann die Fragen in Papierform ausfüllen und per Post an die Adresse Historische Narrozunft Villingen, Rietgasse 11/1 in 78050 Villingen-Schwenningen einsenden oder in den Briefkasten einwerfen. Zudem ist es möglich, auf der Homepage der Narrozunft oder über einen QR-Code auf dem Anschreiben direkt zur Umfrage zu kommen, um sie – wie von der Zunft favorisiert – online auszufüllen. Wer keinen Wert auf Anonymität legt, kann den Fragebogen auch per E-Mail an info@narrzunft.de senden. Teilnahmeschluss ist Montag, 31. März.