Auftakt zum Schömberger Bolanes Foto: Schweizer

Wer sie einmal gesehen hat, kommt immer wieder: Der Bolanes in Schömberg macht süchtig – denn so ein schönes, altüberliefertes Brauchtum erlebt man nur selten.

Obwohl das Wetter mehr als trostlos war, lockte der Tanz, den die unzähligen Maskierten auf dem „Lalle“, wie die Schömberger ihren Marktplatz nennen, vollführten, aufs Neue eine unzählbare Menge an Menschen ins „Städtle“. Die meisten hatten vorgesorgt, sich in dicke Jacken gemümmelt und Mützen aufgesetzt. Warm, und zwar ums Herz, wurde es sicher den Einheimischen, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht mitjucken konnten, schließlich bedeutet die Fasnet für sie Heimat.​

 

Belege von vor 1750 verbrannt

Die Narretei in Schömberg fußt auf einer jahrhundertealten Tradition. Bevor sich der ellenlange Lindwurm aus Fransennarren und Fuchswadeln in Bewegung setzte und schon beim Umzug durch die Schweizer Straße für massiv viele Farbtupfer im Einheitsgrau sorgte, erläuterte Zunftschriftführer Marc-Oliver Schwarz – für die Uneingeweihten – die geschichtlichen Gründe des „großen Tages“. In einem alten Ratsprotokoll aus dem Jahr 1796 werde die Fasnet schon erwähnt, ihr Ursprung liege jedoch deutlich früher. Ältere Belege existierten nicht, da beim großen Stadtbrand von 1750 viele Unterlagen zerstört wurden.

Angeführt wurde der bunte Zug von den 20ern und der Stadtkapelle in ihren historischen Uniformen. Unter den Teilnehmern war Diakon Oliver Pfaff, der, wie auch der stellvertretende Zunftmeister Roland Wuhrer, der die Zunftfahne präsentierte, das Fasnetsgefühl sichtlich genoss. Im Zentrum angekommen, sperrten die Feuerwehrleute flugs die Straßen für die nicht enden wollende Polonaise ab. Und nur kurze Zeit später schellten im Herzen der Narrenhochburg die Glocken der Häser – darunter auch uralte, die nur dann aus dem Schrank kommen, wenn’s nicht schüttet – im Takt. In Schömberg wissen schon die Kleinsten, wie beim „Bolanes“ der Schritt geht. Wenn’s tatsächlich mal hakte, waren die Husaren mit ihren Holzgewehren zur Stelle, sie sorgten in dem augenscheinlich unauflöslichen Gewimmel für Ordnung.

Viel Kondition wurde nicht nur von den Hästrägern abverlangt, sondern auch von den Musikanten, die unermüdlich den Narrenmarsch wieder und wieder spielten. Deshalb bekamen sie auch Verstärkung, nicht nur vom Nachwuchs, sondern auch aus der Nachbarschaft. Die Musikvereine aus Ratshausen und Zimmern u.d.B. sind schon seit Jahrzehnten unverzichtbare Begleiter der Schömberger Narrenzunft.

Vermisst hat sie wohl niemand, aber verwunderlich war schon, dass sich drei Wochen vor der Wahl die Politprominenz nicht blicken ließ. Übersehen hätte man sie nicht können, denn die Tribüne stand gegenüber der Sparkasse, also mitten im Geschehen. Die vielen Zuschauer erblickten trotzdem bekannte Köpfe – unter anderem (Fasnetsfernseh-)Professor Werner Mezger aus Rottweil, Zollern-Alb-Ringpräsident Walter Sieber aus Benzingen, Bürgermeister Karl-Josef Sprenger und den Schörzinger Ortsvorsteher und Ratshausener Bürgermeister Tommy Geiger samt Familie.

Eingeläutet wurde der Fasnetsonntag mit einem Gottesdienst in St. Peter und Paul, den Pfarrer Shibu Pusphpam zelebrierte. Für viele Lacher sorgte seine Predigt auf schwäbisch. Kaum war das letzte Lied verklungen, erschallte vor der Kirche eine Trompete, und die 20er machten mit dem Spruch „Narrenblättle, ‘s neischd vom Städtle“ auf sich aufmerksam. Die Zeitung soll ziemlich gut sein – und das, wie zu hören war, obwohl es dieses Jahr nur wenige Jahrgänger sind.

Auch bunte Laufgruppen nahmen teil

Auch am Fasnetsmedig wurde getanzt – der zweiten Polonaise ging zuerst der historische Narrensprung voraus. Und das schon in aller Herrgottsfrühe, wo die Schömberger meist noch unter sich sind. Danach erklang das Narrenlied, dessen Strophen von der Schönheit der Fasnet erzählen. Es ist heute um 10 Uhr nochmals zu hören. Ab 11 Uhr geht’s auf dem Marktplatz wieder rund. Neben den historischen Masken und Häsern nehmen am Narrentreiben auch bunte Laufgruppen teil. Schluss ist hinterher noch lange nicht. Auf der Internetseite der Zunft steht: „Gegen 23.30 Uhr versammeln sich noch einige Unkaputtbare, Fasnetsliebhaber, Musikanten und Jahrgänge zur Mitternachtsbolanes … Nicht selten fließen Tränen.“ Aber ein Trost bleibt: Ab morgen geht’s schon wieder „dagega“.