Für den „Schmotzigen“ haben sich die Gruppen einiges einfallen lassen. Szenisch, musikalisch, spitz, vollmundig wird in den Rottweiler Lokalen das Stadtleben aufgearbeitet.
Zwei Verse aus dem Rottweiler Narrenmarsch könnten als Motto für den Schmotzigenabend herhalten – wenn man denn eins bräuchte: „Heut’ wie vor altem; so wird’s gehalten.“
Das soll beileibe nicht bedeuten, dass die Schmotzigengruppen hingebungsvoll alte Zöpfe flechten und sich nach der Vergangenheit verzehren. Sie halten vielmehr zunehmend nüchtern fest, dass sich an einer Rottweiler Grundeinstellung kaum etwas geändert hat: Brillante Selbstgenügsamkeit scharf an oder kurz über der Klippe zum Narzissmus kann man schon als Tugend interpretieren – wenn man selbst ein bisschen so drauf ist.
Sich selbst genug
Damit haben die beiden Spitzen – nein, nicht der OB und die Beigeordnete, sondern der OB auf der einen mit der Beigeordneten, die Spitze der Narrenzunft auf der anderen Seite, erschreckend viel gemein. Doch während die Stadtspitze dies mit einem Spatenstich- und Selfie-Bombardement über sämtliche Social-Media-Kanäle Tag für Tag neu erkämpfen muss – da kommt übers Jahr schon eine prachtvolle Galerie zustande – reicht der Zunftspitze der schicke neue Leitspruch „I Larv’ You“. Spitzenintern heißt das übersetzt dann „We Love Us“ – und bedeutet: Wir sind so super, da ist uns der Rest einfach egal.
Aber, hey, auf die Idee kann man schon kommen, wenn man in der Stadt der Türme, der Landesgartenschau, des Weins, der Brücken, des Parkens und der Fasnet ein bisschen was zu sagen hat.
Mit eigener Weinkönigin
Auf jeden Fall richtig viel zu sagen, mitunter zu singen und manchmal auch zu spielen, haben die Schmotzigengruppen. Gerade für die Motivwahl besticht natürlich das Thema Wein. Hat entfernt ja auch mit der Fasnet zu tun, wie man mutmaßt – und am Schmotzigenabend darin bestätigt wird. Die „Männerstimmen“ sind samt Redner gleich als Winzer durch die Nacht marschiert, eine Rolle, die ihnen zuzusagen scheint. Auch, weil man da ja eine Königin krönen darf.
Die Premiere gebührt natürlich der Beigeordneten. „Ines I.“ als Weinkönigin? Andere Würden dürfen die Winzer nicht verleihen, dafür haben sie auch sonst ganz genau hingeschaut und kennen sich natürlich mit Klima, Terroir und Co. bestens aus. Weswegen das Dissenhorn – nach Turm, Brücke... – zum nächsten Highlight der Narrenstadt werden kann. Früher Rottweiler Wintersport-Zentrum könnte es, mit erklärendem Hinweis auf den Klimawandel, künftig komplett zum Weinmuseum werden.
Prozedere wie seit jeher
Dafür wird es dann eine lange Planung brauchen, einen Spatenstich und irgendwann ein ausgeklügeltes Parkkonzept, das der Gemeinderat nicht versteht, aber einmütig auf den Weg bringt. Die Abläufe wiederholen sich, „heut’ wie vor altem“ eben, sogar der Sturm auf die Zukunft mit all ihren Leuchtturmprojekten wirkt hier ein bisschen wie seit jeher geübter Brauch: Man darf sich selbst genug sein, solange man brillant ist. Und das ist man hier ja gewissermaßen automatisch. Vorsichtshalber sind am Donnerstagabend mit Blick auf die Strahlkraft „Bschd... a Grubb!“ als echte „Fahnenswinger“ unterwegs. Sie beerben die Fahnenschwinger und punkten unter anderem mit BDSM-Equipment. Und die „Schbruchbeidl“ verlegen das ganze Geschehen ins Kino: Da hat Rottweil auf jeden Fall den großen Auftritt.
Da braucht es die ganzen Spatenstiche, die einigen Gruppen überdeutlich aufgestoßen sind, gar nicht. Zumal, auch das treibt die Narren um, ja alles Geld kostet. Viel Geld. Solange das sonstwo herkommt, würde das ja keine Rolle spielen. Doch jetzt scheidet sich Bürgerschaft von Obrigkeit. Die kneift, so sind manche überzeugt, nämlich jeden und findet Wege, immer noch einmal einen Euro rauszupressen. So empfinden es zumindest die Bürger, finden die Gruppen. Und mit ihnen ganz besonders die Vereine, die, so die Befürchtung, ihre Aufgaben bald nicht mehr erledigen können. Was dann auch wieder die Bürger betrifft: Sie bleiben die Gekniffenen. Und damit bleiben sie nicht alleine.
Geldquelle Tourismus
Wie das Stadtgezwitscher herausarbeitet, folgt natürlich auch der Treppenbau vor dem Münster einem höheren Plan. Neben dem urbanen Flair kann sich die sportliche Herausforderung demnach mit berühmten Stiegen aus den Kulturmetropolen Europas messen. Ah ja. Da sind wir einmal mehr: Rottweil auf Augenhöhe mit Rom und Paris. So viel muss schon sein. Und dann der Tourismus: Geld lacht.
Denn natürlich werden nicht nur die eigenen Bürger zur Ader gelassen, sondern auch der Gast, der Turm, Brücke... besichtigt, vielleicht irgendwann Rottweiler Wein trinkt – und vielleicht nie wieder hierher kommt. Schon wegen der Parkerei, was kein Schaden ist, wenn er bei seinem Besuch nur genügend hier zurückgelassen hat.
Doch wie noch mal war das mit dem Parken neuerdings? Wenn es ohnehin keiner so recht weiß, könnte es ja eigentlich egal sein. Wären da nicht die Knöllchen. Und die stoßen nicht nur den Bürgern bitter auf.
Kleines Raubtier
Auch die Kirche bereitet den Gruppen Kopfzerbrechen. Zwar sähe deren Finanzpolster nicht so durchgesessen aus wie das der Stadt – was zum Beispiel Pfarrer Jürgen Rieger laut vernehmlich bestreitet –, doch braucht auch sie Geld. Mit Blick auf Besucherzahl und Aufgaben-Kosten müssen Gebäude aus dem Bestand verschwinden. Aus ganz unterschiedlichen Gründen haben verschiedene Gruppen da die „Auferstehung Christi“ auf der Vorschlagsliste. Sei’s, weil Deutschlands bekanntester Marder dort olfaktorisch Maßstäbe setzte, oder die Alternative Hausen keine ist – wie die beiden Schwarzwälder Damen aus eben jenem Ort überzeugt sind.
Apropos Schwarzwälder: Ziemt es sich, in Rottweil damit anzugeben? Weshalb dann der Run auf die Spielzeug- „Schwarzwaldmarie“? Es gibt Mysterien, die können auch die Schmotzigengruppen nur teilweise erklären.
Besonderer Zauber
Unsere beiden Damen versuchen’s mit einem Song über den Narrensprung: Die musikalische Folie liefert die Arie „Zum Leiden bin ich auserkoren“, bekannt als „Königin der Nacht“ aus Mozarts „Die Zauberflöte“. Und damit ist auch alles gesagt: Man leidet schon beim Narrensprung und sucht sich dann noch eine musikalische Herausforderung, an der man fast nur Scheitern kann, die aber als so ziemlich einzige der Rottweiler Fasnet angemessen ist. Weil sie so besonders ist. Weil sie die höchsten Töne verdient. Eine größere Liebeserklärung als solche eine Motzerei kann es fast nicht geben.