Jürgen Ott fertigt Saublodern für die Rottenburger Fasnet. Bald schon werden die Rottenburger Ahlande mit ihnen wieder durch die Gassen ziehen.
Wenn Jürgen Ott das Garagentor öffnet, schlägt ihm ein beißender Geruch entgegen. Einen Moment lang weicht er zurück, dann lächelt er zufrieden.
Von Wand zu Wand spannt sich ein dickes Seil, daran hängen rund 80 Saublodern. Sie glänzen fettig im grellen Licht, riechen noch leicht nach Urin – deutlich weniger als vor einigen Wochen. Bald schon werden die Rottenburger Ahlande mit ihnen wieder durch die Gassen ziehen und Zuschauer necken.
Seit 18 Jahren stellt Ott dieses ungewöhnliche Fasnetsutensil selbst her – in seiner Garage in Rottenburg. Der 55-Jährige ist gelernter Metzger, arbeitet heute beim Bauhof in Pfullingen und war zuvor unter anderem als Hausmeister sowie zehn Jahre als Metzgergeselle tätig.
Gehört fest zur schwäbisch-alemannischen Fasnet
Was auf den ersten Blick wie ein kurioser Krachmacher wirkt, ist für ihn gelebte Tradition: Die Saubloder, eine ausgekochte und aufgeblasene Schweinsblase, gehört fest zur schwäbisch-alemannischen Fasnet.
Die Rohware erhält Ott direkt vom Rottenburger Schlachthof. Bis in den Sommer hinein sammelt er immer wieder Blasen, wie sie anfallen. „Angenehm ist das Geschäft nicht“, sagt er offen. Zunächst müsse der restliche Urin entfernt werden, anschließend das Fett – sonst entstünden Risse, und die Bloder gehe schnell kaputt. Die Herstellung hat er von Metzger Wolfgang Igel gelernt. „Er hat mir alles gezeigt.“
Seine Methode ist ebenso speziell wie bewährt: Die Blasen lagern mehrere Monate in Salzwasser, werden anschließend mit einer Fahrradluftpumpe aufgeblasen und mit einer Schnur abgebunden. Danach hängen sie am Seil, werden regelmäßig geschüttelt, damit sie nicht verkleben. Otts Saublodern sind weiß und nicht durchsichtig. „Durch das Salz bekommen sie mehr Stabilität“, erklärt er.
Rückhalt erhält Ott von seiner Familie – mit klaren Regeln. Nach der Arbeit wandern Kleidung und Schuhe sofort auf den Balkon und getrennt in die Wäsche. Reich wird er mit seinem Hobby nicht: Drei Euro kostet eine Saubloder, zuvor waren es 2,50 Euro. Die Bestellungen sammelt die Rottenburger Narrenzunft, jährlich sind es zwischen 70 und 100 Stück. Mehr möchte Ott bewusst nicht herstellen. „Das passt“, sagt er – auch wenn andere Zünfte anfragen.
Selbst schon einige Treffer kassiert
Während der Fasnet dienen die Saublodern als Schlag- und Neckinstrument. Sie werden auf den Boden gedonnert oder mit Maß auf andere Narren und Zuschauer. Ott selbst hat dabei schon einige Treffer kassiert. „Wenn sie mich erkennen, bekomme ich meine eigenen Blodern ab“, sagt er lachend. Zwar ist er kein Zunftmitglied, fühlt sich der Fasnet aber eng verbunden. „Ich bin ein echter Rottenburger – die Fasnet gehört für mich einfach dazu.“
Mehr als Lärm: Die Saubloder als Symbol der Narrenfreiheit
Die Saubloder
ist weit mehr als ein lautes Fasnetsutensil. Historisch lässt sie sich klar einordnen: Vor Beginn der Fastenzeit wurde traditionell viel geschlachtet, um verderbliche Lebensmittel zu verwerten. Dabei fielen zahlreiche tierische Nebenprodukte an – darunter auch Schweinsblasen. Sie wurden nicht entsorgt, sondern aufgeblasen und von den Narren genutzt.
Mit der Zeit
erhielt die Saubloder eine tiefere symbolische Bedeutung. Sie stand für Völlerei vor der Fastenzeit, für Fruchtbarkeit und Lebenskraft – oft mit bewusst derber Anspielung. Gleichzeitig wurde sie zum Werkzeug der Narrenfreiheit: Mit ihr darf Lärm gemacht, provoziert und verspottet werden. Der Schlag der Bloder markiert die Umkehr der Ordnung, für die die Fasnet steht.
Auch heute ist die Saubloder
fester Bestandteil vieler schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte. Obwohl hygienischere und langlebigere Materialien längst verfügbar wären, halten viele bewusst an dem traditionellen Naturprodukt fest.
Gerade ihre Vergänglichkeit
gehört zur Symbolik: Große Blodern wirken imposant, sind aber besonders anfällig – ein Bild, das nicht selten auf den Narren selbst übertragen wird.
Für Hersteller wie Jürgen Ott
ist die Saubloder deshalb eine Rarität, die bewahrt werden muss. Der Aufwand ist hoch, der Ertrag gering, der Geruch gewöhnungsbedürftig. Dennoch steht er Jahr für Jahr in seiner Garage, um ein Stück gelebter Fasnetskultur weiterzugeben. „Nicht, dass in 40 Jahren nur noch Plastik und Schaumstoff verwendet werden“, sagt er.
So bleibt die Saubloder
das, was sie seit Jahrhunderten ist: laut, roh, vergänglich – und ein unverzichtbares Zeichen närrischer Freiheit.