Auch wenn Katja Härle (links) und Bruni Lemperle die Absage der Fasnetsveranstaltungen bedauern: Die Freude lassen sie sich nicht nehmen. Foto: Cools

"i-Dipfele"-Wirtin Bruni Lemperle und Katja Härle lieben die fünfte Jahreszeit. "Zum Narrenmarsch gehören Tränen."

Die Fasnet gehört zu den Lemperles wie wohl zu kaum einer anderen Familie. Zum einen hat sie mit Adolf und Eugen Lemperle gleich zwei Narrenzunftpräsidenten gestellt. Zum anderen ist die Weinstube "i-Dipfele" bis heute eine der wichtigsten Adressen an der Fasnet in Oberndorf. Woran sich Bruni Lemperle nun erinnert und welche Verbindung sie selbst zur Fasnet hat, lesen Sie in unserem SB+Artikel.

 

Oberndorf - Nachdenklich schaut sich Bruni Lemperle im "i-Dipfele" um. Am Schantlesonntag ist die Weinstube 60 Jahre alt geworden. "Da hätten wir ein großes Fest feiern können", sagt sie wehmütig. Der Lockdown verbietet es.

Generell ist es ruhig in der Wirtschaft. Nur hin und wieder kommt jemand, um kleine Masken, Zinnfiguren oder andere Accessoires von der Narrenzunft zu kaufen oder den Hauslikör der Lemperles, das "Haugenlochtröpfle". Das hat Tradition. Ebenso wie Lemperles berühmte Metzelsupp in der Woche vor der Fasnet. Die wird Lemperle auch diesmal machen. Sie kann im "i-Dipfele" bestellt und abgeholt werden. Während der Fasnet bleibt die Küche allerdings dann kalt.

77-Jährige liebt die Fasnet

Ganz kann Bruni Lemperle ihren Kummer nicht verbergen. Die 77-Jährige liebt die Fasnet. Das "i-Dipfele" hat ihr Schwiegervater Eugen Lemperle im Januar 1961 eröffnet. Nur für einen Namen hatte er sich erst nicht so richtig entscheiden können. Vielleicht "Zum Ratskeller", lag das Rathaus damals doch noch gegenüber, andererseits hatte jede Stadt eine solche Gaststätte, erinnert sich Bruni Lemperle an die damaligen Überlegungen.

Als die ersten Gäste kamen, habe in der Wirtschaft noch einiges an Einrichtung gefehlt. Es gab zwar jede Menge Platz, doch das nötige Kleingeld fehlte. "Das i-Tüpfelchen fehlt halt noch", hatte Eugen Lemperle seinen Gästen erklärt, die der Weinstube daraufhin ihren Namen verpasst hatten.

Von Anfang an war die Weinstube einer der Orte, an denen man sich an der Fasnet traf. Das passt, war doch Eugen Lemperle von 1947 bis 1955 Narrenzunftpräsident und trat damit in die Fußstapfen seines Vorfahren Adolf Lemperle, der 1908 als Erster dieses Amt bekleidet hatte.

Nie wieder beim Narrensprung dabei

Bruni Lemperle selbst kam mit 15 Jahren als so genanntes Mäschkerle zur Fasnet. So bezeichnet man verkleidete Frauen, die früher zwischen zwei Hanseln oder Narros beim Sprung dabei waren. Später habe ihr die damalige Gardekommandantin angeboten, für den Nachmittagssprung in ihren Hansel zu schlüpfen, was Lemperle dankend annahm. Ein Narrenkleid sei damals sehr teuer gewesen. Deshalb habe sie sich immer einen Hansel ausgeliehen, bis sie mit 23 Jahren Egon Lemperle heiratete und fortan im "i-Dipfele" half.

Seither war sie auch nie wieder beim Narrensprung in Oberndorf dabei, lediglich bei zwei Narrentreffen 1963 und 1977. An der Fasnet war die Weinstube nur samstags geschlossen.

Da gestaltete Bruni-Lemperle mit ihrer Gruppe "Die fidelen Bäsle" von 1965 bis 1994 jährlich einen Auftritt beim "Frohsinn"-Ball. Die sechs bis acht Frauen machten sich immer bereits kurz nach Weihnachten Gedanken zu ihrem Auftritt. "Damals musste man die Kostüme noch selbst machen. Wir haben sie oft bei der Mutter von Alt-Bürgermeister Klaus Laufer nähen lassen", erinnert sich Lemperle. Für ihren letzten Auftritt als Haremsdamen hatte Bruni sogar acht Kaftans aus dem Tunesien-Urlaub am Zoll vorbei nach Deutschland geschmuggelt.

1971 brachten Gäste ihr Vesper mit

Besonders in Erinnerung ist der Oberndorferin 1971 geblieben, als sie am Samstag vor der Fasnet ihren Sohn Steffen zur Welt gebracht hatte und erst am Aschermittwoch heim durfte, weil ihr Egon sonst keine Zeit gehabt hätte, sich um sie und das Neugeborene zu kümmern. So blieb an jener Fasnet die Küche kalt. Stattdessen brachten die Gäste ihr eigenes Vesper mit und tischten ordentlich auf.

"An der Fasnet ist es hier so voll, dass man kaum Platz hat", sagt Tochter Katja Härle und schaut sich in der Wirtsstube um. "Da kann es auch schnell ganz schön warm werden. So warm, dass mancher plötzlich nur noch in Unterwäsche am Tisch saß", erinnert sich die 52-Jährige lachend. Seit sie ein Kind war, hilft sie in der Wirtschaft mit.

Das erste Mal in einen Kinderhansel geschlüpft ist sie kurz vor ihrem dritten Geburtstag. Fortan war sie immer beim Dienstagssprung dabei. Später, als sie älter wurde, klinkte sie sich nach der morgendlichen Runde aus, um danach im "i-Dipfele" zu helfen.

Seit den 90er-Jahren ist Härle zudem Teil des "lebenden Bildes" beim Bürgerball, bei dem die Narren unbewegt dastehen und erst zu den Klängen des Narrenmarsches zu springen beginnen.

Narrenmarsch am Dreikönigstag aufgelegt

Dass die Fasnetsveranstaltungen dieses Jahr ausfallen werden, damit haben Härle und Lemperle bereits gerechnet. "1991 war es ja schon einmal so. Damals fand aber ein kleiner, freiwilliger Umzug von "Im Teich" bis zum "i-Dipfele" statt mit einer Handvoll Narren und Musiker. Ich war damals als Hansel dabei", erzählt Katja Härle.

Am Dreikönigstag haben Lemperle und Härle um 11.11 Uhr den Narrenmarsch aufgelegt und die Fenster weit geöffnet, um den Platz zu beschallen. Außerdem haben sie den Narrenbrunnen mit Masken dekoriert.

Der Narrenmarsch habe bei ihr schon immer ein besonderes Gefühl ausgelöst, sagt Bruni Lemperle. Dann bricht ihre Stimme weg. Der Wirtin ist anzusehen, wie sie mit der Beherrschung kämpft. "Man kann den Narrenmarsch einfach nicht singen, ohne dass man dazu heult. Das ist eine Kopfsache", sagt sie traurig lächelnd.

Es sind harte Zeiten für die, denen die Fasnet mindestens genauso heilig ist wie das Weihnachtsfest. Die Fasnetsveranstaltungen sind abgesagt, die Kontaktbeschränkungen dauern an. Doch die fünfte Jahreszeit muss nicht ganz ausfallen. Schließlich kann man auch zu Hause für sich der Tradition nachgehen und das Brauchtum lebendig erhalten. In unserer Serie "Gesichter der Fasnet" stellen wir Fasnetsfans und -akteure, ihre ersten Berührungspunkte mit der Fasnet und ihre Pläne für die Fasnet 2021 vor. Auf dass man 2022 wieder feiern kann wie eh und je.