Auf dem Höhepunkt der tollen Tage schlagen die Narren Alarm: Es gibt immer weniger Büttenredner. Ein Profi in der Bütt ist der Frommerner Günther Meinhold.
Sie gehört zur närrischen Zeit wie Luftschlangen und Konfetti: die Büttenrede. Kein Bunter Abend, kein Ball und keine Prunksitzung ohne die Redner, die die (politische) Obrigkeit humorvoll aufs Korn nehmen und ihr sozusagen mit Worten den Marsch blasen.
Just in diesen Tagen lässt nun eine Meldung aufhorchen, die die närrische Welt in ihren Grundfesten erschüttert: Es gibt immer weniger Büttenredner. Und der Nachwuchs – der bleibt aus. Im Rheinland ist gar von Karnevalskrise die Rede. Doch warum wollen eigentlich immer weniger Männer und Frauen in die Bütt steigen? Liegt es am Publikum, das statt zu lauschen lieber Party machen möchte?
Seit 2010 schreibt er Büttenreden
Einer, der sich in der Materie auskennt, ist Günther Meinhold. Seit 2010 schreibt er Büttenreden und trägt diese während der heimischen Fasnet bei der Frommerner Narrenzunft vor. In dieser Saison zusätzlich noch bei mehreren evangelischen Gemeindenachmittagen in Balinger Stadtteilen.
Dass die Zahl der Büttenredner kontinuierlich sinkt, kommt für ihn nicht allzu überraschend. Denn eine solche Rede macht, wie er aus eigener Erfahrung weiß, in erster Linie eines: „Eine Menge Arbeit.“
Mal schnell etwas aus dem Ärmel schütteln, ist hier nicht. Stattdessen ist sie ein anspruchsvolles Handwerk, das jede Menge Hintergrundwissen erfordert. Nicht zuletzt muss der Redenschreiber auch gut darüber informiert sein, was sich im Jahreslauf so alles zugetragen hat.
Alljährlich kauft er sich die „Spiegel-Chronik“
Obwohl er täglich intensiv die heimischen Tageszeitungen studiert, seien Ereignisse aus dem Frühjahr im Dezember oftmals nicht mehr in bester Erinnerung, sagt Günther Meinhold. Alljährlich im Dezember kauft er sich deshalb die „Spiegel-Chronik“, „Stern-Extra“ und „Das Jahr im Bild.“ Danach ist er mit reichlich Stoff versorgt, um sich ans Werk zu machen. Der Startschuss fällt für ihn dabei traditionell an einem ganz bestimmten Datum. „Ich fange immer am zweiten Weihnachtsfeiertag an“, lässt der Frommerner wissen. Und während andere noch in Weihnachtsstimmung schwelgen, hat er die tollen Tage bereits fest im Blick.
Schwerpunktmäßig widmet er sich in seinen Reden der Politik – ein Bereich, den man mit Fug und Recht als Steckenpferd des langjährigen Kreis-, Stadt- und Ortschaftsrats bezeichnen darf. Da Balingen nicht mit Großstädten wie Köln oder Mainz vergleichbar ist, in denen der politische Stoff wie eine unermüdliche Quelle sprudelt, blickt Günther Meinhold stets auch über den Tellerrand hinaus und bezieht neben der Kommunalpolitik die Bundes- und Landespolitik mit ein.
Landtagswahl wird ein Thema sein
„Die Themen“, sagt er, „liegen immer auf der Straße.“ Aber natürlich hat auch er seine speziellen Kandidaten, die ihm quasi in die Hand arbeiten. „Donald Trump etwa ist für mich – wie für Karikaturisten – ein besonders dankbares Objekt“, verrät er. Ebenfalls gerne inspirieren lasse er sich unter anderem von Alice Weidel.
2026 bekommen, so viel sei verraten, neben dem US-Präsidenten auch Olaf Scholz, Angela Merkel und Friedrich Merz ihr Fett weg. Ferner wird Günther Meinhold von der Bütt aus auf die kommende Landtagswahl blicken.
Nachdem die Fakten gesammelt sind, müssen sie den sogenannten Tauglichkeitstest bestehen, sprich es wird geprüft, ob sie sich „humorvoll verpacken“ lassen. „Bisweilen werden sie auch mit Witzen ausgeschmückt“, erklärt Meinhold – und nimmt damit schon die Gretchenfrage vorweg, was für ihn eine gute Büttenrede ausmacht: „Sie muss die Zuhörer zum Lachen bringen, gut unterhalten und die Schwächen der Politik ansprechen.“
Büttenredner ist ein Erklärer
Mitunter nicht leicht sei, das Ganze in Reimform zu bringen. „Manchmal flutscht es, manchmal weniger“, berichtet aus der Praxis.
Neben dem Bestreben zu unterhalten, zeichnet sich der Büttenredner aber auch durch folgendes aus: Er ist ein Erklärer, der politische Zusammenhänge humorvoll erläutert. Und nicht zuletzt ist er Mahner.
Mit Sätzen wie „Die Wahlentscheidung sollte man aus Überzeugung treffen auf jeden Fall und nicht aus Protest – sonst folgt ein unerwünschter Knall“, hebt Günther Meinhold den Wert der Demokratie hervor.
Um die Botschaften wirkungsvoll zu vermitteln und die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln, kommt es nicht zuletzt darauf an, wie die Rede vorgetragen wird. „Mimik und Gestik müssen ebenfalls passen“, sagt der Frommerner, der auch stimmlich auf der Höhe sein muss. Gilt es doch nicht selten, 300, 400 Leute auf seine Seite zu ziehen.
Mit einem Grußwort bei der Frommerner Narrenzunft hat alles angefangen
Angefangen hat übrigens alles einst mit einem Grußwort bei der Frommerner Narrenzunft, das Günther Meinhold in Reimform hielt. „Da fehlt nicht mehr viel zur Büttenrede“, lautete damals der allgemeine Tenor. Und so kam zu seinen Hobbys noch ein weiteres hinzu.
Mittlerweile ist er ein waschechter Bütten-Profi. Doch Hand aufs Herz: Kommt nach all den Jahren nicht trotzdem noch Nervosität auf? „Eigentlich nur noch in den ersten zwei, drei Sekunden. Dann läuft es“, verrät Günther Meinhold, der die Früchte seiner Arbeit am Ende in Form von begeistertem Applaus ernten darf.