Ein Jahr Pause. Ruth Daubitz, Inge Spange und Sybille Müller rocken das Kult-Café. Erinnerungen leben auf.
Der erste Rausch, die erste Knutscherei – das hat so mancher Oberndorfer nirgendwo anders als zur Fasnetszeit im Café Pfanner erlebt. Genauso legendär wie die Partylocation sind ihre Inhaberinnen, die "Pfanner-Mädle". Ihre besten Erinnerungen und Geschichten lesen Sie in unserem (SB+)Artikel.
Oberndorf - "Das sind drei absolute Fasnetsspinner", sagt Peter Müller über Ruth Daubitz (89), Inge Spange (86) und Sybille Müller (79). Im nächsten Moment bezeichnet er sie liebevoll als seine drei Mütter. Mit ihnen macht er das Café Pfanner jedes Jahr zum Fasnet-Hotspot in Oberndorf und sorgt dafür, dass der Laden läuft.
Soweit die drei betagten Damen zurückblicken können, haben sie immer im Café Pfanner geholfen. Sie sind nicht nur absolute Partykracher, sondern auch tüchtig. Seit 1919 ist das Gebäude in der Hauptstraße in Besitz der Familie Pfanner. 1939 übernahm es der Vater der Oberndorferinnen. 1972 lösten diese ihn ab. Schon 1948 in der "Nachkriegsfasnet" war das "Pfanner" ein beliebter Treffpunkt der Narren.
Schon früh eingebunden
In den Familienbetrieb eingebunden waren die Schwestern aber schon lange vorher. "Ich weiß noch wie ich jeden Morgen bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad runter zum Bahnhof fahren musste", erinnert sich Ruth Daubitz. Damals gehörte zum Café Pfanner auch noch eine Bäckerei.
Besonders an der Fasnet wurden die "Pfanner-Mädle" eingespannt. Das ist noch heute so. "Jeder, der zur Familie gehört, muss mitarbeiten", sagt Spange. Ruth Daubitz bewältigt den Trubel seit mehr als 70 Jahren.
"Ich wollte schon als kleiner Junge mit dabei sein, wenn da gefeiert wurde", sagt Peter Müller. Erst als Jugendlicher durfte er endlich mithelfen und musste so manches Mal den Kopf schütteln, wenn er die drei Damen auf den Tischen tanzen sah.
"Die Fasnet war für mich eigentlich ein Graus"
"Die Fasnet war für mich eigentlich ein Graus, weil es hieß, dass man bis 6 Uhr morgens arbeiten muss", meint Inge Spange. Die Arbeitszeiten seien schon Geschmackssache gewesen, sagt Peter Müller. "Da schleppt man sich am Freitagmorgen nach dem Schmotzigen völlig fertig um 9 Uhr ins Bett, und die Tante springt mit 85 Jahren noch auf dem Bürgerball herum", sagt er kopfschüttelnd.
Und nicht nur einmal kam man nach dem Bürgerball auch noch ins "Pfanner", um die Nacht oder den Morgen ausklingen zu lassen.
Ein eigenes Narrenkleid haben die Schwestern noch nie besessen. "Für einen Kinderhansel hat man sich die Hose bei dem einen und den Kittel bei einem anderen geliehen", erzählt Sybille Müller, die sich manches Mal zum Narrensprung für kurze Zeit herausgeschlichen hat, um dabei zu sein, später aber wieder im Café helfen zu können.
Müller und Spange waren zudem in der Garde. "Rote Stiefel waren damals in Oberndorf nicht zu bekommen. Dafür musste man extra nach Rottweil fahren", erinnert sich Müller. Deshalb lieh sie sich Stiefel, die aber mit Größe 43 viel zu groß waren.
Inge Spange zog derweil einmal als Schantle los, trug aber noch die weißen Handschuhe der Gardeuniform – ein Fauxpas. Geschichten wie diese haben die Frauen einige auf Lager.
Zehn-Liter-Eimer Kakao
Einige haben sich auch in der legendären Mehlwurm-Bar ereignet. 1973 wurde diese zum ersten Mal in der früheren Backstube eingerichtet. Der Name entstand, als Inge Spange ihr Gesicht mit Creme bedeckte, danach in Mehl tauchte und als Mehlwurm ging. "In der Mehlwurmbar war die Musik so laut, dass die Gläser geklirrt haben", erinnert sich Müller lachend. "Und in dem Kabuff war es so klein, dass man weder richtig rein noch raus kam, aber jeder wollte mal reingeschaut haben", ergänzt Peter Müller.
Er weiß noch, wie er hektisch Kakao in einem Zehn-Liter-Eimer anrührte, um die nächsten Lumumbas, eine Mischung aus Kakao und Rum, an den Mann zu bringen. "Das war eine Riesensauerei."
Seit etwa zehn Jahren spielt sich das Fasnetsgeschehen im großen Gastraum ab, den Inge Spange dekoriert. Bis auf den Samstag, an dem der Bürgerball stattfinden, ist immer Halligalli im "Pfanner". "Ruth ist übrigens immer die Erste und die Letzte auf der Party", sagt Neffe Peter.
Respekt vor den Frauen
Da kann es schon mal chaotisch und vor allem laut werden. "Spätestens am Fasnetsmontag hatten die Damen keine Stimmen mehr", meint er. So wild es aber auch zuging: Den Schwestern war stets der Respekt der Gäste gewiss. "Einmal wollten zwei Typen schlägern, da hab ich gesagt: Passt auf, ich hole Inge oder Ruth. Da war Ruhe."
An der Fasnet seien die Schwestern schon fast so etwas wie Promis, weiß Peter Müller. Immer kämen Gäste rein, die mit ihnen ein Foto machen wollen, so kultig sind die Oberndorferinnen. Das hat genauso Tradition wie der Nikolaschka, ein Cognac mit Zitrone, Zucker und Kaffeepulver. "Keiner mag ihn, aber jeder muss einen trinken", meint Peter Müller lachend.
Humor spielt bei den "Pfanner-Mädle" überhaupt eine große Rolle. So wurde Ruth Daubitz beispielsweise mal als gebärende "Mamaconda" verkleidet. Zehn Gummischlangen hatten die Schwestern ihr am Körper versteckt. Immer wieder "gebar" sie eine – neun an der Zahl. Nur die letzte blieb unauffindbar, erzählen die Frauen lachend.
Als "Fidele Bäsle" waren die Schwestern zudem jährlich beim "Frohsinn"-Ball aktiv. "Ach, Fasnet ist immer schön, auch wenn es anstrengend ist", sagt Sybille Müller. "Vorher hat man immer Angst vor dem Schaffen, aber wenn es soweit ist, macht es Spaß", stimmt Peter ihr zu. Dass alle Fasnetsveranstaltungen nun ausfallen, bedauern sie alle sehr.
Für Peter Müller, seine Mutter und die Tanten ist das Schönste, dass man an der Fasnet Menschen trifft, die man sonst das ganze Jahr nicht sieht. Und auch wenn mancher die Damen schon als "Giftspritzen" bezeichnete, weil sie ihn ob des fehlenden "Grüßgotts" zurechtgewiesen hatten – über so etwas können die Frauen übrigens nur lachen – so sagt Peter Müller: "Der Tag, an dem die Drei hier nicht mehr die Bude aufmischen, wird für viele Menschen ein sehr trauriger sein."