Empfingen richtet erstmals das Ringtreffen aus. Bürgermeister Ferdinand Truffner spricht im Interview über gelebte Fasnet, Gemeinschaft und klare Haltungen.
Am kommenden Wochenende wird Empfingen zum Treffpunkt der Narren aus der Region: Erstmals richtet die Gemeinde das Ringtreffen des Närrischen Freundschaftsrings aus. Für die örtliche Kulturgemeinschaft ist es ein organisatorischer Kraftakt, für den Ort ein besonderes Ereignis – und für viele Narren ein Wiedersehen, das weit über Umzüge und Programmpunkte hinausgeht.
Was bedeutet Fasnet heute noch? Wie viel Heimat, wie viel Gemeinschaft und wie viel persönliches Gefühl steckt hinter Masken, Stroh und Narrensprüchen? Darüber hat unsere Redaktion mit Empfingens Bürgermeister Ferdinand Truffner gesprochen. Im Interview erzählt er, warum ihn die Fasnet auch jenseits des Amtes prägt, weshalb er selbst gerne in die Rolle des Strohbären schlüpft und was er sich ganz persönlich für das bevorstehende Ringtreffen wünscht.
Was bedeutet Ihnen die Fasnet ganz persönlich – jenseits von Terminen, Reden und offiziellen Anlässen?
Die Fasnet ist für mich ein Stück Heimatgefühl. Sie riecht in Empfingen nach Ofenruß, Erbsenstroh, klingt nach Narrenmarsch und Hexenrufe und fühlt sich ein bisschen so an, als würde die Zeit kurz stehen bleiben. Da geht es nicht um Protokoll oder Tagesordnung, sondern um Gemeinschaft, um Augenhöhe – und darum, auch mal herzlich über sich selbst lachen zu können. Das können ja mittlerweile nicht mehr viele.
Warum schlüpfen Sie gerne in die Rolle des Strohbären? Was zeichnet diese Figur für Sie aus?
Der Strohbär ist bodenständig, archaisch und ein bisschen wild – also eigentlich alles, was ein Bürgermeister im Alltag eher nicht sein darf oder sollte…vor allem bodenständig (lacht). Genau das macht den Reiz aus. Unter dem Stroh zählt nicht das Amt, sondern der Moment. Da kann man die Last des Amtes abstreifen und die Last des Strohs in Wallung bringen. Außerdem: Wer einmal im Stroh gesteckt hat, weiß Demut neu zu schätzen.
Auch Ihr Sohn ist jetzt in die Rolle geschlüpft. Wie kam es dazu und wie spielt die Fasnet auch bei Ihrer Familie eine Rolle?
Irgendwann kommt der Moment, da schaut der Sohn nicht mehr nur zu, sondern will mittendrin sein. Das war bei uns genauso – und da bin ich jetzt auch sehr stolz. Fasnet ist in unserer Familie kein Pflichttermin, sondern etwas, das man gemeinsam erlebt – mit Vorfreude, mit Müdigkeit am nächsten Tag und mit Geschichten, über die man noch Jahre lacht.
Viele erleben Sie während der närrischen Zeit besonders präsent und nahbar. Was gibt Ihnen die Fasnet, was der politische Alltag nicht leisten kann?
Die Fasnet erlaubt Nähe ohne Agenda. Gespräche entstehen spontan, ehrlich und ohne Filter – entweder an der Bar oder beim Schunkeln. Man begegnet sich nicht als Funktionsträger, sondern als Mensch. Das schafft Vertrauen – und manchmal lösen sich dabei mehr Probleme als in mancher Sitzung.
Empfingen richtet erstmals ein Ringtreffen aus. Wann war für Sie klar, dass die Gemeinde diese Aufgabe übernehmen will – und warum gerade jetzt?
Die Gemeinde hat die Aufgabe nicht übernommen. (grinst) Das macht schon die Kulturgemeinschaft. Aber für mich war klar, wenn der Verein so etwas stemmen möchte, ist die Gemeinde natürlich zu 100 Prozent an der Seite. Ein Ringtreffen stemmt man nicht allein – und genau dieses „Wir schaffen das gemeinsam“ spürt man derzeit in Empfingen sehr stark.
Der Närrische Freundschaftsring steht für Gemeinschaft über Orts- und Vereinsgrenzen hinweg. Was macht diesen Zusammenschluss für Sie so besonders?
Hier zählt nicht, wo man herkommt, sondern dass man dazugehört. Der Ring lebt von Respekt, Freundschaft und der Freude an der gemeinsamen Sache. Es ist ein Netzwerk, das trägt – nicht nur in der Fasnet, sondern oft auch darüber hinaus. Ich freue mich, wenn diese interkommunale Zusammenarbeit auch weiterhin Früchte trägt. (lacht)
Sie sprechen oft davon, dass Fasnet „echt“ sein müsse. Woran merkt man Ihrer Meinung nach, ob eine Fasnet lebt oder nur noch gespielt wird?
Echte Fasnet erkennt man daran, dass sie nicht geschniegelt ist. Wenn Menschen mit Herzblut dabei sind, wenn Jung und Alt zusammenkommen und wenn Tradition nicht museal, sondern lebendig ist. Sobald es nur noch Kulisse ist, merkt man das sofort – echte Fasnet hat Ecken, Kanten und Seele. Ich halte nichts von der neuartigen Fasnet, wenn nur noch Bumm-Bumm wummert und neumodische Hexen in Turnschuhen durch die Gassen ziehen. Wichtig ist auch, dass Fasnet im Ort stattfindet. Es macht keinen Sinn, wenn Narrenzünfte wöchentlich auswärts unterwegs sind und dabei vergessen, im Ort selber Fasnet zu leben – also zurück zum Ursprung, nicht ständig auf Narrentreffen unterwegs sein.
Welche Erinnerungen aus früheren Ringtreffen oder närrischen Begegnungen sind Ihnen bis heute besonders im Gedächtnis geblieben?
Oft sind es nicht die großen Umzüge, sondern die kleinen Momente: ein gemeinsames Katerfrühstück nach einer langen Nacht, Gespräche mit Menschen, die man sonst nie getroffen hätte, oder ein Lachen, das ansteckender war als jede Grippewelle.
Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass sich auch jüngere Generationen für die Fasnet begeistern – und was braucht es, damit diese Begeisterung weitergegeben wird?
Ohne Nachwuchs wird jede Tradition irgendwann still. Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche nicht nur zuschauen dürfen, sondern mitmachen, ausprobieren und Verantwortung übernehmen. Begeisterung entsteht nicht durch Vorschriften, sondern durch Vorbilder und gelebte Freude. Genau deshalb haben wir die Narrenfiguren in Empfingen vom Comic-Zeichner Alexander Linke zeichnen lassen. Malbücher, Memorys, Figuren im Ort… all das verbindet und zeigt den Kindern, dass Fasnet vielfältig ist und man keine Angst haben muss.
Als Bürgermeister stehen Sie häufig im Rampenlicht, während der Fasnet aber oft mittendrin. Wie erleben Sie diesen Rollenwechsel?
Sehr befreiend. In der Fasnet darf ich Teil der Menge sein – nicht vorneweg, sondern mittendrin. Das erdet und erinnert daran, warum man dieses Amt überhaupt ausübt: für die Menschen und mit den Menschen. Ich freue mich sehr, wenn ich den Empfinger Narrenmarsch mit dem Musikverein oder den Zottla spielen und wenn ich am Bunten Abend dann mal wieder richtig vom „Leder“ ziehen darf. Sonst darf ich ja nicht immer meine Meinung sagen. (lacht)
Was wünschen Sie sich ganz persönlich für das kommende Ringtreffen in Empfingen – unabhängig von Besucherzahlen und Ablaufplänen?
Ich wünsche mir viele ehrliche Begegnungen, friedliche Tage und Nächte und dieses besondere Gefühl, wenn man am Ende sagt: Es war anstrengend – aber es war genau richtig.
Und zum Schluss: Wenn Sie einem Außenstehenden in wenigen Sätzen erklären müssten, warum die Fasnet und das Ringtreffen mehr sind als Brauchtum, was würden Sie sagen?
Fasnet ist gelebte Gemeinschaft. Sie verbindet Generationen, Orte und Menschen, die sonst vielleicht nie zusammenkämen. Und manchmal zeigt sie uns, wer wir sind – wenn wir Masken tragen, aber dabei erstaunlich echt bleiben.
Das große Festwochenende
Termine
Die Kulturgemeinschaft Empfingen richtet anlässlich des 75-jährigen Bestehens von Freitag, 30. Januar, bis Sonntag, 1. Februar, das Ringtreffen des närrischen Freundschaftsrings Neckar-Gäu in Empfingen aus. Folgende Termine stehen an: Freitag, 30. Januar, ab 18.30 Uhr Freundschaftsabend in der Täleseehalle; Samstag, 31. Januar, ab 13.30 Uhr Kinderumzug durch den Ort mit anschließendem Kindernachmittag, ab 18.30 Uhr Brauchtumsabend mit Zunftvorstellung in der Täleseehalle; Sonntag, 1. Februar, ab 10 Uhr Narrenmesse in der Pfarrkirche St. Georg, 11 Uhr Zunftmeisterempfang im Rathaus (für geladene Gäste), 13.30 Uhr großer Jubiläumsumzug.