In Meßstetten war Schultes Frank Schroft als Kardinal ans Rednerpult getreten. Der ersuchte Beistand von oben half wenig, er musste den Rathausschlüssel abgeben. Foto: Stadt Messstetten/Volker Bitzer

Überall auf dem Großen Heuberg stürmten die Narren am Schmotzigen Donnerstag die Rathäuser und Schulen.

In der Heuberg-Metropole Meßstetten stand natürlich am Schmotzigen Donnerstag der Rathaussturm an. Wer in der Dämmerung am Meßstetter Rathaus vorbeiging und einen Blick in Richtung des Amtsgebäudes warf, wunderte sich nicht schlecht: Aus dem modernen Verwaltungskomplex war eine Kirche geworden. Wenige Stunden später sollte laut einer städtischen Pressemitteilung Klarheit herrschen. Am fortschreitenden Vormittag bahnte sich das Unheil für den Bürgermeister Frank Schroft und seine Stadtbeschäftigten langsam an, denn immer mehr Narren, Hästräger, Guggamusiker und weitere kurios verkleidete Gestalten umlagerten das Rathaus oder kamen sogar mutig ins Foyer. Pünktlich um 11.11 Uhr war es schließlich soweit.

 

Der „Kardinal“ gält den Sturm nicht auf

Die närrische Übermacht blies zum Sturm. Aber nicht auf das Rathaus, sondern auf die Wallfahrtsstätte, in die sich die Amtsstuben verwandelt hatten. Und heraus kam der Bürgermeister, aber gewandet als „Kardinal Rotkäppchen zu Heuberg“. Aber selbst das noch so Respekt einflößende, hochwürdenhafte Gewand des Stadtoberhaupts und seine pfiffig-präzisen Reden zum Volk schützten ihn nicht vor der Entmachtung durch die Narren. Er hatte keine Wahl: Frank Schroft übergab den Rathausschlüssel stellvertretend für alle angetretenen Zünfte an Volker Knaus von den Hartheimer Michele. So obsiegten in der fünften Jahreszeit einmal mehr die Fasnets-Freunde aus Hartheim, Heinstetten und Unterdigisheim samt Burladinger Verstärkung und sogar unter Mitwirkung der Frauengemeinschaft Hartheim/Heinstetten über die Obrigkeit. Und aus unzähligen Kehlen hallten unüberhörbar die Siegesrufe über den Meßstetter Erwin-Gomeringer-Platz hinweg.

„Schmotziger“ mit hohem Stellenwert

Auch in Nusplingen waren die Narren los. Wenn auch bei eher launischem Wetter. Aber ein echter Narr kennt kein schlechtes Wetter – noch dazu, wenn der „Narrensomen“ in den Boden muss. Der „Schmotzige“ genießt in Nusplingen einfach einen hohen Stellenwert, auch wenn es aus Kübeln schüttet. Die Westerbergteufel, Hansele und der Hannes waren in ihrem Element. Die Kitakinder und Schüler wurden befreit. Auf dem Rathaus nahm Oberteufel Jürgen Decker den überdimensionalen Schlüssel von Bürgermeister Jörg Alisch entgegen, der jetzt offiziell in den Fasnetsurlaub gehen kann. Damit ist nun Zunftmeister Richard Braun der erste Herr im Narrenstaate. Mittags wurde in einem kleinen Umzug der „Narrensomen“ gesät. Bollenverhauer und Sämannen taten ihr Bestes und warfen Spelzen aus. Dahinter gruppierten sich Fanfarenzug, Hemadglonker, Musikverein und zahlreiche ausgelassene Narren. Begonnen hatte der närrische Tag mit Böllerschüssen und dem Tagwachtspielen des Fanfarenzugs. Den ganzen Tag über wurde in den Nusplinger Firmen und Gaststätten fröhlich weitergefeiert.

Ähnliche Szenen in Winterlingen: Schlag 10 Uhr stürmten die Narren am „Schmotzigen“ mit Hästrägern, Rittern, Garde-Mädle und den Germanen-Pfetzer unter lautem „Heiaso, mir lebat no“ das Winterlinger Rathaus. Die gesamte Verwaltung erwartete im alten Sitzungssaal in Kostümierung und in bester Stimmung die Narren aus Benzingen und alle juckten mit, als die ohrenbetäubend aufspielenden Pfetzer mit ihren schrillen Guggen den Saal zum Beben brachten. In seiner Rede stellte Noch-Bürgermeister Michael Maier klar, dass er sich auf den Ruhestand freue. In gereimter Versform sparte er dabei auch nicht an Lobesworten für die Benzinger Narren und er rühmte das stets gute Verhältnis zu allen drei Präsidenten der Germanen, obwohl sie als Anführer an seiner Entmachtung über viele Jahre hinweg beteiligt gewesen seien. Die versammelte Rathausgesellschaft zeigte sich begeistert und der Vortrag des Rathauschefs wurde immer wieder von lautem Beifall und kräftigem Pfetzer-Tusch unterbrochen. Doch alles half nichts: Am Ende musste der Schultes unter wildem Getrommel den großen Rathausschlüssel an den Zunftpräsidenten Torsten Ledabil abgeben.

Die Hästräger befreien die Schüler

Traditionell haben die Narren am Schmotzigen „Doschdeg“ auch in Straßberg die Macht übernommen. Es herrscht wieder närrischer Ausnahmezustand in der Schmeientalgemeinde. Am Morgen stürmten die von den Kindern sehnsüchtig erwarteten Narren die Schlossgartenschule und befreiten Schüler und Lehrerinnen von der Schulpflicht. Mit dabei natürlich die Burgfalken, Burgnarren und die Schmeienhexen. Bald stand an allen Klassentafeln „Schule aus!“.

Nach der Schülerbefreiung stürmten Musiker und Narren das Rathaus. Bürgermeister Markus Zeiser hieß alle willkommen. Noch durfte er den Rathausschlüssel behalten, die Schlüsselübergabe erfolgte erst am Abend beim großen Empfang. Der Schultes und sein Rathausteam bewirteten die Narren mit Sekt und Butterbrezeln und schunkelten zu den Klängen der Musiker. Danach zog der Musikverein durch den Ort und verkündete überall mit zünftiger Fasnetsmusik den Beginn der Ortsfasnet.