Fasnachtsexpertin Saray Paredes Zavala gibt im Interview Auskunft über die jüngste Auszeichnung der Weiler Narren.
Die Kulturwissenschaftlerin Saray Paredes Zavala ist Expertin für die schwäbisch-alemannische Fasnacht. Sie ordnet ein, was die Auszeichnung der Wiler Buurefasnacht als immaterielles Kulturerbe für eine Bedeutung hat.
Die Weiler Narrenzunft Wiler Zipfel hat stolz ihre Aufnahme in das immaterielle Kulturerbe der deutschen Unesco-Kommission verkündet. Was bedeutet das konkret?
Konkret bedeutet das, dass die Narrenzunft, wie auch viele andere, in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Man muss aber aufpassen: Das ist nicht gleichzusetzen mit dem Unesco-Weltkulturerbe.
Welchem Ziel dient die Aufnahme in diese Liste?
Das allerwichtigste Ziel der Aufnahme in die Liste ist die Sichtbarmachung des Kulturerbes in der Öffentlichkeit. Das eine Narrenzunft in das Kulturerbe aufgenommen wurde, wird offiziell mit einem Logo bescheinigt, mit dem sich die Zunft nun schmücken darf.
Sind damit Fördergelder oder die Einladung zu besonderen Veranstaltungen verbunden?
Es gibt keine direkten Fördergelder, aber es hilft natürlich dabei, öffentliche Gelder oder Spenden einzuwerben.
Die Auszeichnung hat in erster Linie einen ideellen Wert. Für Politiker, die Entscheidungen treffen, ist das ein wichtiges Zeichen.
Die schwäbisch-alemannische Fasnacht als solche steht schon länger in der Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland, warum folgen nun weitere Zünfte eine nach der anderen?
Um die Aufnahme ins immaterielle Kulturerbe in Deutschland hat sich als erster der Verband schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte beworben. Er wurde 2014 aufgenommen, einschließlich seiner 68 Mitgliedszünfte. Nun bewerben sich immer wieder auch andere Zünfte. Es ist meine Aufgabe, zu prüfen, ob bei den Bewerbern Merkmale vorliegen, die dazu berechtigen, das Logo zu führen. Zu fast 400 Anträge habe ich schon Gutachten verfasst, über 350 davon tragen bereits das Logo.
Sind dafür bestimmte Kriterien festgelegt? Welche?
Die Kriterien sind nicht so rigide. Kultur darf sich verändern! Es ist wichtig, dass sie dynamisch bleibt. Es muss aber im Kern erkennbar sein, dass die Zunft zur schwäbisch-alemannischen Fasnacht zählt. Ein Beispiel: Die Fasnacht dauert üblicherweise vom 6. Januar bis Aschermittwoch und es werden Häser (Kostüme) getragen.
Sie haben sich als Kulturwissenschaftlerin lange wissenschaftlich mit dem Thema Fasnacht befasst. Bitte erklären Sie uns: Was ist das besondere an der schwäbisch-alemannischen Fasnacht? Wodurch zeichnet sie sich aus?
Das ist wirklich ein ganz besonderes Phänomen. Sie ist Teil einer uralten, europaweiten Tradition, die jedes Jahr Hunderttausende Menschen auf die Beine bringt. Die Menschen sind sehr stark emotional an die Fasnacht gebunden. Sie ist die größte menschliche Kulturform, die ins immaterielle Kulturerbe aufgenommen wurde. Ganz typisch sind die Holzmasken.
Während etwa im rheinischen Karneval das Ich verändert wird – nach dem Motto: „Ich verkleide mit als jemand anderer“ – verschwindet hier das Individuum hinter einer Maske und verschmilzt mit der Gemeinschaft. Was auch besonders ist: Die schwäbisch-alemannische Fasnacht hat ihren Ursprung bei den Bauern und Handwerkern, sprich, den „einfachen Leuten“.
Die Buurefasnacht folgt eine Woche nach dem „normalen“ Fasnachtstermin und nimmt damit eine Sonderrolle in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht ein? Wo überall gibt es sie und warum?
Das hat kalendarische Gründe. Auf der Synode von Benevent wurden im Jahr 1091 die Sonntage vom Fastengebot ausgenommen, wodurch sich der Beginn der 40 Tage dauernden Fastenzeit vor Ostern kalendarisch nach vorne verschoben hat. Deshalb endet die Fasnacht, mit der ursprünglich der Abend vor der ersten „Fastnacht“ gefeiert wurde, seitdem früher. Mit Ausnahmen: In Vorarlberg, der Schweiz und Südwestdeutschland (Wiiler Buurefasnacht, Sulzburg), besteht die alte Fastnacht im bäuerlichen Brauchtum weiter, im Gegensatz zur „Herrenfastnacht“ am offiziellen Fastnachtstermin. In anderen Gegenden, etwa nördlich des Bodensees und in Liechtenstein, lebt sie nur noch bei Bräuchen wie dem Funken- oder Scheibenfeuer fort.
Von den Engagierten der Fasnacht wird oft die Pflege des Brauchtums als bedeutende Motivation genannt. Wie alt ist dieses Brauchtum? Bis in welche Zeit reicht es zurück?
Es reicht zurück bis ins Mittelalter. In kirchlichen Chroniken gibt es dazu Quellen aus dem 11. und 12. Jahrhundert.
Die Fasnacht wird über die Generationen hinweg immer wieder von neuen Akteuren gestaltet. Sie wandelt ihr Gesicht. Welche Weiterentwicklungen beobachten Sie in jüngster Zeit?
Ganz früher war der Teufel eine typische Maske. So haben die Menschen sichtbar den Gegensatz gottgefällig und gottlos aufgebaut. Später kam der in der Commedia del arte beheimatete Narr hinzu. In der schwäbisch-alemannischen Fasnacht spielten dörfliche Sagengestalten eine zentrale Rolle.
Wir beobachten, dass bei neuen Zunftgründungen ganz stark auf diese Sagengestalten gesetzt wird, einfach weil es eine örtliche Besonderheit ist. All diese Figuren existieren heute nebeneinander. Der Wandel zeigt sich auch in fasnächtlichen Formen wie Schnitzelbänken oder Büttenreden.
Sicher sind sie in den Fasnachtstagen viel unterwegs. Wo werden Sie als nächstes einen Fasnachtsumzug besuchen?
Aufgewachsen bin ich, wo es keine Fasnachtstradition gibt. Jetzt gucke mir aber jedes Jahr Fasnachtsumzüge an. Als nächstes habe ich vor, die Schönberger Fasnacht zu besuchen und den „Brunnensprung“ in Munderkingen.
Zur Person:
Saray Paredes Zalava (37) ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Sie hat in Freiburg Kulturwissenschaft studiert und ist Kulturbeauftragte der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN). Sie leitet ein Projekt, in dem es um das immaterielle Kulturerbe geht. Sie wohnt in Freiburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder.