Luitgard Ehmsen ist die neue Protektorin der Lörracher Fasnacht - nur ein bisschen wider Willen.
Doch dann wurde beim Neujahrsempfang der Narrengilde – für viele überraschend – doch noch eine Protektorin aus dem Hut gezaubert. Luitgard Ehmsen ist 88 Jahre alt und ein echtes Urgestein der Lörracher Fasnacht.
Entsprechend geehrt fühlte sich die Seniorin, als Oberzunftmeister Michael Lindemer sie anrief und ihr dieses Amt anbot. Sie sagte sofort zu. „Der Garten, die Musik und die Fasnacht sind meine großen Hobbys“, erklärt Ehmsen – „und die beiden letzteren gehören zusammen“. Ein solches Angebot abzulehnen war für sie deshalb keine Option.
Bedenken ausgeräumt
Als sie dann aber erfuhr, dass nur sehr wenige im Vorfeld von dieser Entscheidung wussten und die Sache zunächst streng geheim bleiben sollte, kamen ihr doch noch Zweifel. Zwar hatten vier Gildenmeister und eine Gildenmeisterin für sie gestimmt. Doch alle anderen wussten nichts davon. Protest hatte keinen Zweck. „Michi hat mich einfach überrumpelt“, sagt sie im Gespräch.
Ein solches Amt bringt Erschwernisse mit sich: Das wurde der 88-Jährigen schon beim ersten Vorbereitungstermin klar. Mit zwei Koffern, drei blauen Säcken und anderen Utensilien stattete der Obergildenmeister ihr den ersten Besuch ab. Dazu wurde ihr Markenzeichen aus dem Keller geholt – ein Hut mit Güggeli, Frosch und Schnägge.
Schließlich galt es, das erste Hindernis zu überwinden: Selbst das kleinste Protektorenkostüm erwies sich als nicht klein genug für die begeisterte Fasnächtlerin. Mit viel Elan und reichlich Sicherheitsnadeln zum Abstecken wurde dieses Problem gelöst. „Ich habe mich gefühlt wie ein Kind, das angezogen wird“, blickt die Protektorin amüsiert auf diese Anprobe zurück. Zweieinhalb Stunden später sollte sie dann auch noch freundlich in die Kamera lächeln, was ihr nach einigen Aufmunterungen schließlich gelang.
Beim nächsten Termin ging es um das Grußwort für den Narrenfahrplan. Ehrenobergildenmeister Jörg Roßkopf brauchte diese Zeilen dringend und kam persönlich bei Luitgard Ehmsen vorbei. Dort musste er zunächst weitere Verbesserungen am Kostüm vornehmen. Denn das weiße Hemd schaute noch nicht vorschriftsmäßig einen Zentimeter unter dem blauen hervor. Am Ende befanden die beiden: „Top, das sitzt!“ Und Rosskopf zog mit dem Grußwort zufrieden wieder ab.
Teile dieser Vorgeschichte hat die Protektorin in ihren Schnitzelbangg-Versen verarbeitet, die bei diversen Altennachmittagen bereits zu hören waren. Weitere Interessenten sind zur Schnitzelbangg-Vernissage am Freitag, 23. Januar, ab 19 Uhr im Dreiländermuseum, Basler Straße 143, eingeladen.
Mit Fasnacht aufgewachsen
Ehmsen ist Fasnächtlerin, seit sie denken kann. Ihre erste Saison erlebte sie schon im Bauch ihrer Mutter. Die Familie Kopp, so lautete ihr Mädchenname, hat in der Lörracher Fasnacht viele Spuren hinterlassen. Als Erzieherin im Schulkindergarten St. Fridolin war sie dann maßgeblich an der Gründung der Kinderclique „Die kleinschte Hexe“ beteiligt. Um die Chancen auf einen der begehrten Preise zu erhöhen, wurde das Sujet Jahr für Jahr an das aktuelle Fasnachtsmotto angepasst. „Über 19 Jahre hinweg waren wir Köche, Fischer, Zauberer und vieles mehr“, erinnert sich die Närrin an diese besondere Zeit. Als Schnitzelbangg-Sängerin ist sie nach wie vor aktiv.
Ein wenig Sorgen macht sich Ehmsen dennoch. Sie hat in den vergangenen Jahren einige Brüche erlitten. Einen davon zog sie sich ausgerechnet beim Morgestraich in Basel zu. Nicht alle sind gut verheilt und sie braucht regelmäßig Therapie. „Ich bin nicht sehr standfest und muss aufpassen, dass ich nicht hinfalle“, erklärt sie und gibt zu, ein wenig Bammel zu haben vor den bevorstehenden Auftritten. Die Gildenmeister wüssten das und würden sie nach Kräften unterstützen. Winken könne sie derzeit jedenfalls nur mit dem linken Arm, sagt sie beinahe entschuldigend, lacht dann aber und schiebt nach: „Ich habe schon viel Galgenhumor entwickelt.“
Doch fest steht für Ehmsen auch: „Die fünfte Jahreszeit ist mein zweites Leben.“ Und es ist ein lustiges Leben, wie sie sagt, eines, bei dem man dem Alltag ein wenig entfliehen könne. Beim Neujahrsempfang hat sie einige der ehemaligen Protektoren getroffen und wunderte sich, wie „ernst“ die doch sind.
Luitgard Ehmsen will ihr Amt nun heiterer angehen. „Du hasch das Sage dies Johr“, hat ihr der Obergildenmeister versichert. „Das reibe ich ihm jetzt immer wieder unter die Nase“, sagt sie schelmisch. Ihre ganz besondere Auszeit wird sich die Protektorin wohl von niemandem mehr nehmen lassen.