Regenbogenfarben liegen im Trend bei allen, die sich weltoffen geben wollen. Foto: stockphoto-graf/stock.adobe.co

Jedes Jahr werden Trendfarben ausgerufen, die unser Leben bunter machen wollen. Interessant wird es erst, wenn Konzerne sich neu erfinden. Dann erstrahlt plötzlich alles grün oder in toleranten Regenbogenfarben. Ein bisschen durchsichtig, oder?

Stuttgart - Wie wäre es mit einem Tapetenwechsel? Ein neuer Job vielleicht? Oder wenigstens eineandere Couch bestellt? Die Zeit ist reif für eine kreative Veränderung, den Mutigen gehört ja bekanntlich die Welt. Und wer sich als schöpferischer Geist begreift, dem wird die aktuelle Trendfarbe womöglich gefallen: Very Peri.

 

Ein ebenso ausgefallener wie sinnfreier Name. Doch genau so heißt der Farbton, den das Farbforschungsinstitut Pantone als neue Trendfarbe fürs Jahr 2022 vorgestellt hat. Very Peri hätte man früher mal leicht ironisch mit einem kräftigen Lilablassblau umschrieben, und schon solche modisch klingenden Fantasiebezeichnungen ziehen alljährlich Kritik nach sich.

Mögen die Möbel- oder Make-up- Hersteller diesen Begriff auch sofort in ihr Marketingvokabular aufnehmen und Produkte in der jeweiligen Trendfarbe anbieten, so zucken die meisten doch mit den Schultern, wenn sie lesen, was etwa die geschäftsführende Direktorin des Pantone-Instituts zur diesjährigen Wahl behauptet: „Very Peri zeigt uns eine lebhafte, fröhliche Sicht auf die Welt und dynamische Präsenz, die zu mutiger Kreativität und fantasievollem Ausdruck inspiriert“, findet Leatrice Eiseman.

Farbpsychologen recherchieren Trendfarben

Farbe wird zum Ausdruck des – recherchierten – Zeitgeistes, so heißt es bei Pantone. Eisemans Mitarbeiter aus Carlstadt im US-Bundesstaat New Jersey hätten diesen Zeitgeist nicht einfach in die Welt gesetzt. Die Farbpsychologen waren über viele Monate hinweg auf dem ganzen Erdball unterwegs.

Sie besuchten Modeschauen und Konsummessen und unterhielten sich mit Menschen aus der Kreativwirtschaft, um schließlich die elementaren Trends und Sehnsüchte der zurückliegenden Monate zu kondensieren und in einen einzigen Farbton zu übersetzen. Very Peri soll Zuversicht ausdrücken – trotz Corona, trotz aller Katastrophenmeldungen der letzten Zeit.

Ob eine Farbe irgendwann einmal für ein besonderes Jahr oder eine ganze Dekade steht, ist allerdings äußerst fraglich. Vergangenes Jahr hatte Pantone Ultimate Gray, einen zwischen Sichtbeton und Loriots Steinlaus changierenden Grauton, als Trendfarbe geadelt, was die meisten wahrscheinlich vergessen oder übersehen haben.

Farben prägen unsere Wahrnehmung

Und dennoch denken wir in Farben, ordnen unsere Erinnerungen anhand von Farbtönen. Ob beim Warten vor einer roten Ampel, bei der panischen Suche nach einem Fluchtweg oder unmittelbar vor dem Kauf neuer Kleidung für das erste Date: Farben prägen unsere Selbst- und Umweltwahrnehmung und steuern unser Verhalten.

„Mit Farben lassen sich Produkte auch zeitlich identifizieren. Denkt man an die 70er Jahre, kommen einem zum Beispiel Möbel und Accessoires in Grün und Sonnengelb in den Sinn“, erklärt die hochdekorierte Berliner Produktdesignerin Hanne Willmann, die für namhafte Möbelhersteller entwirft, unter anderem für Schönbuch. „Sollte sich die von Pantone ausgerufene Fliederfarbe als Trendfarbe durchsetzen, wird man damit die 2020er in Verbindung bringen“, sagt die 34-Jährige.

Neben all den Trendfarben, die von Designern, Künstlern oder Instituten wie Pantone mehr oder weniger nachvollziehbar mit Sinn und Zeitgeist aufgeladen werden, kommen aber noch ganz andere hinzu, die tatsächlich eine politisch-gesellschaftliche Aussage tragen.

Agenturen beraten Firmen in Farbfragen

Weil große Unternehmen sich heute nach außen hin gerne weltoffen, klimafreundlich, frauenfördernd und divers geben, verändern sie auch ihren Auftritt in der Öffentlichkeit, in den sozialen Medien. Wenn Veränderungen anstehen, lassen sie sich zu diesem Zweck von speziellen Agenturen beraten.

Zum Beispiel Bosch: Der Weltkonzern aus dem Schwäbischen hat ein bekanntes, recht einleuchtendes Namenslogo: signalrote Buchstaben auf weißem Grund. Einfach und gut, denkt man. Doch die digitale Transformation der Technologiefirma macht sich spätestens seit 2016 auch optisch bemerkbar.

Dienstleistungen im Internet müssen anders beworben werden als Zündkerzen und Waschmaschinen. Vielfalt verspricht Bosch seit dieser Neuerfindung mittels einer deutlich ausgeweiteten Farbpalette im Markenauftritt. Eine „Supergraphic“ – von Rot über Blau bis hin zu Grün – ist das neue Stilelement.

Farben sollen Toleranz suggerieren

Fehlt nur noch ein sattes Gelb und man hätte einen Regenbogen. Der Firmenslogan „Technik fürs Leben“ wird in diesen Farbverlauf getaucht, jeder Buchstabe in eine andere Farbe. Seit den 70er Jahren ist der Regenbogen ein internationales schwul-lesbisches Symbol, andere Varianten der Regenbogenfahne stehen unter anderem für die Friedensbewegung.

Ähnliche Farbverläufe finden sich beim Eigenmarketing auch bei Google oder beim sozialen Netzwerk Instagram. Ob diese Firmen tatsächlich so tolerant und weltoffen sind, wie die Farbverläufe suggerieren, sei dahingestellt. Man gibt sich achtsam, Wokeness ist im Trend.

Und damit auch das Woke-Washing, die Strategie, sich als Firma oder Institution mit Werbemaßnahmen als besonders tolerant darzustellen. „Farbe kann einem Produkt oder einem Unternehmen eine eigene Sprache verleihen, dem Kunden Orientierung geben oder bestimmte Emotionen hervorrufen“, erklären Livia Baum und Jutta Werner von der Trendagentur Zukunftstil in Hannover, die Unternehmen und Gründer beim Farbmarketing berät. „Es ist sehr wichtig, die Zielgruppe mit einer vielfältigen, aber auch stimmigen Farbkollektion anzusprechen. Der richtige Farbton kann auch ein Erfolgsfaktor sein. Es ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, die sich dann über die Farbgestaltung verstanden fühlt.“

Grüntöne liegen im Trend

Zur auffallenden Regenbogenpalette kommen dann auch noch allerlei Grüntöne, mit denen sich Firmen immer häufiger schmücken. Energieversorger, Banken, Lebensmittelkonzerne – ihre Produkte, Logos und Broschüren leuchten immer öfter in Salbei- und Olivegrüntönen.

Grün ist die Megatrendfarbe, da kann man nichts falsch machen, wenn man sich als nachhaltig und umweltbewusst verkaufen möchte. Oder doch? „Grün steht für Naturbezug, Nachhaltigkeit und Entschleunigung oder Wellness“, lautet die bestätigende Antwort von Livia Baum und Jutta Werner von der Trendagentur Zukunftstil.

Aber klar, wenn alle konformistisch grün sind, dann ist keiner mehr grün. „Dabei sind wir aber nun an einem Punkt angekommen, an dem Nachhaltigkeit nicht mehr nur grün oder – auch gern in den letzten Jahren – blau sein muss. Vielmehr können nun auch intensive und ungewöhnliche Farben nachhaltig sein. Produkten muss man heute Nachhaltigkeit nicht mehr direkt ansehen. In diesem Kontext sagen wir sagen gern: Nachhaltigkeit kann auch pink sein“, erläutern Livia Baum und Jutta Werner.

Warum also nicht mal wieder etwas in Pink, der Lieblingsfarbe der 80er? Mehr Mut zur etwas anderen Farbe wäre jedenfalls gar nicht schlecht.

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