Die Straßburger Ultras zünden im Pokalspiel gegen Angers Pyrotechnik. Doch die Unterstützung für die Fangruppen ist im Block gering. Foto: Haller

Bei der Haltung zum Investor sprechen die Zuschauer im Elsass nicht mit einer Stimme. Die Atmosphäre im Stadion des französischen Erstligisten ist befremdlich.

Dass es am Ende eine 1:3-Niederlage gegen Angers gibt und Racing Straßburg aus dem Pokal ausscheidet, ist an diesem kühlen Mittwochabend eine Randerscheinung. Beim Abpfiff wird lediglich vereinzelt das Missfallen darüber deutlich, was die Mannschaft auf dem Platz gezeigt hat. Wer auf der Westtribüne das Spiel erlebt hat, weiß auch warum: Die Emotionen der Straßburger Anhänger kanalisieren sich nicht auf den Fußball – sondern auf die Investorengruppe, die die Geschicke bei den Elsässern lenkt.

 

Seit 2023 hat die BlueCo-Gruppe mit deren Anteilseigner Todd Boehly nahe der deutschen Grenze das Sagen. Wie zu erwarten war, gefällt das den Ultras von Racing gar nicht. Was jedoch beim Stadionbesuch verwundert: Viele Anhänger, die nicht gerade in den ersten Reihen Fahnen schwenken oder Pyrotechnik zünden, haben eine ganz andere Meinung zum Investor – und machen diese auch deutlich. Als der Vorsänger der Ultras vor dem Anpfiff dazu aufruft, die ersten 15 Minuten aus Protest gegen den Investor zu schweigen, gibt es ein Pfeifkonzert jener Zuschauer auf der Tribüne, die nicht den Ultras angehören. RCS-Fans pfeifen gegen RCS-Fans – als neutraler Beobachter, der auch schon einige andere Stadien besucht hat, fühlt man sich wie im falschen Film.

Nur ein Trauerbanner sorgt für Geschlossenheit auf der Tribüne

Während die Ultras ein Banner enthüllen, um gegen das Multibesitzertum zu demonstrieren – Boehly ist auch Chef beim FC Chelsea – brechen viele Fans mit dem Schweigegelübde und feuern Racing an. Das Spiel gibt dies auch her: Straßburg liegt schon nach zwei Minuten zurück, kommt nach 13 Minuten zum Ausgleich und kassiert schon nach 15 Minuten das 1:2. Drei der vier Tore im Spiel fallen während dem Schweigeprotest. Viel bekommt man akustisch davon nicht mit.

Erst nach rund 20 Minuten stimmen auch die Ultras ihre gewohnten Gesänge an. Als nach knapp einer Stunde ein Trauerbanner für einen verstorbenen ehemaligen Spieler enthüllt wird, ist dies der einzige Moment, der die Fans vereint: Mit geschlossenem Applaus wird dem Ex-Kicker die letzte Ehre erwiesen.

Mitten auf der Westtribüne steht auch Mathias Schmid. Der 58-jährige Sulzer ist schon seit 1981 Fan von Racing Straßburg. Er schlägt sich im Konflikt mit dem Investor nicht aktiv auf eine Seite. Auf die Frage, worum es in der langen Ansprache des Vorsängers, die der direkt nach Anpfiff hält, geht, fasst er kurz und allgemein zusammen: „Um Politik.“

Schmid hat schon viele Investoren kommen und gehen sehen. Mit dem amerikanischen Investor IMG McCormack kam 2011 der Zwangsabstieg bis in die vierte Liga. „Als sich das Team in den Folgejahren nach diesem Schock wieder hochgearbeitet hat, gab es eine große Euphorie im Umfeld. Ich habe über die Jahre auch schon Saisons gehabt, wo ich nur drei Spiele im Stadion war. Aber bei der Euphorie war mir klar, dass ich eine Dauerkarte brauche“, sagt Schmid.

Ein Klassenkamerad im Scheffel-Gymnasium hatte einen französischen Vater und hat Schmid zu den Spielen mitgenommen. Mit dem Mofa ging es über die Grenze ins Stade de la Meinau. „Fan des SC Freiburg zu werden, stand für mich nie zur Debatte“, sagt der treue Racing-Anhänger.

Wann der Sulzer die Fans wieder geschlossen hinter der Mannschaft stehend erleben wird, steht in den Sternen. Mit Todd Boehly wird das wohl nichts werden.

Schreiben der Ultras
Vor dem Spiel gegen Angers bekommen die Besucher auf der Westtribüne einen Zettel von den Ultras in die Hand gedrückt. „Racing gehört unsichtbaren Eigentümern. Die Entscheidungen werden in London getroffen. Die Identität des Klubs ist bedroht. Die Situation spaltet, aber Respektlosigkeit wird nur dazu führen, dass die Kluft zwischen den Anhängern noch größer wird. Wer singen möchte, soll das tun. Es liegt an jeden Einzelnen, sein Verhalten zu hinterfragen“, heißt es dort.