Beeindruckende Choreographie zu Spielbeginn: Die SC-Fans sendeten mit ihrer Aussage ein klares Signal in Richtung des "Konstrukts" RB Leipzig. Foto: Woitas

Freiburger Fans haben beim DFB-Pokalfinale in Berlin gegen RB Leipzig klar die Oberhand. Selbst nach der knappen Niederlage im Elfmeterschießen.

Berlin - Es ist 23.01 Uhr im Olympiastadion. Wenige Minuten zuvor hat RB Leipzig den DFB-Pokal gewonnen. Im weiten Rund und an den Fernseh-Geräten zu Hause hört man jedoch nicht etwa jubelnde RB-Fans. Nein, es sind die Freiburger Anhänger, deren Team im Elfmeterschießen knapp gescheitert ist, die den Ton angeben. "Ohne Freiburg wär’ hier gar nichts los", skandieren die gut 30.000 SC-Fans, die den Weg in die Hauptstadt – zum größten Spiel der Vereinsgeschichte – mitgemacht haben.

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Viele sind schon im Laufe des Freitags angereist, die Hauptstadt färbt sich zum Beginn des Wochenendes immer mehr in Rot. Am Brandburger Tor erklingt Freitagabend das Badnerlied, auch am Samstagmorgen herrscht hier Hochbetrieb – der Platz vor einem der deutschen Wahrzeichen ist fest in der Hand der angereisten Südbadener. "Was hier los ist, ist irre", sagt Marc Rebstock aus Wellendingen bei Rottweil. Er ist zweiter Stadionsprecher beim SC Freiburg, in Berlin gehört er zur Delegation des Sportclubs und ist begeistert von der Stimmung in der Hauptstadt, die SC-Sportvorstand Jochen Saier am Abend als "Hauptstadt Südbadens", bezeichnete.

Schon zur Mittagszeit ist die Stimmung auf dem Fanfest finalwürdig

Gelegentliche Regenschauer ändern nichts an der guten Laune. Schon zu diesem Zeitpunkt lässt sich erahnen, dass die Freiburger wohl zumindest im Fan-Duell die klaren Favoriten sind. "Wisst ihr was ich noch gar nicht gesehen habe? Leipzig-Fans. Gibt’s die überhaupt?", fragt ein junger Mann im Freiburg-Trikot seine Begleiter – ebenfalls in Rot gekleidet.

Diese Farbe trägt natürlich auch der Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos). Er hat eines der begehrten Pokal-Shirts ergattert und mischt sich am Samstag am Breitscheidplatz unter die gut 5000 Menschen, die sich beim offiziellen SC-Fanhock eingefunden haben. "Berlin ist rot...", schreibt Horn auf seinem Instagram-Kanal. Sein Eindruck trügt nicht, längst prägen die Freiburg-Fans das Berliner Stadtbild. Überall hört man Gesänge, die Euphorie liegt förmlich in der Luft, schon zur Mittagszeit ist die Stimmung finalreif.

Auch Sportclub-Präsident Eberhard Fugmann zeigt sich beeindruckt von dem, was die Fans leisten. "Ich war schon oft in Berlin, aber sowas habe ich noch nie erlebt. Die Stadt ist fest im Freiburger Hand", ruft er in das Mikrofon, die Menge grölt. Kurz darauf dröhnt die SC-Hymne aus den Boxen am Breitscheidplatz. Sofort gehen Tausende Schals in die Höhe. "Ich habe irgendwie nicht das Gefühl, dass ich in Berlin bin, sondern eher in Freiburg vor einem Heimspiel", sagt ein junger Mann. Als dann auch noch der Bus mit den Spielern am Breitscheidplatz vorbei fährt, kocht die Stimmung fast über.

10.000 Menschen machen sich zu Fuß auf den Weg ins Stadion

Einige U-Bahn-Stationen näher in Richtung Olympiastadion, am Theodor-Heuss-Platz, beginnt dann um 16 Uhr das inoffiziell Highlight der Vorbereitungen auf das große Finale. Die organisierte Fanszene hat zum gemeinsamen Marsch zum Stadion eingeladen, mindestens 10 .000 Menschen – alle in Rot gekleidet – sind ihr gefolgt. Die legendären Berliner Spätis und Tankstellen im Umkreis sind in Windeseile ausverkauft, schon vor dem Start des Fanmarschs werden die ersten bengalischen Feuer gezündet.

Als sich die Menschenmenge – eskortiert von zahlenreichen Polizisten – in Bewegung setzt, kommt es zu Szenen, die man sonst höchstens beim Ruhrgebiet-Derby zwischen Dortmund und Schalke beobachten kann. Die Karawane, nach dem Spiel wird Christian Streich genau dieses Wort für die Fans in Berlin nutzen, zieht durch die Straße – und nimmt gefühlt überhaupt kein Ende mehr. Singend und hüpfend laufen die Fans friedlich in Richtung Olympiastadion und verwandeln so die Straße in eine rote Partymeile.

Am Schauplatz des Finals angekommen, beginnt die Party so richtig – das Fan-Duell geht bis zum Ende des Spiels klar an Freiburg. Mit einer Choreographie wird subtil, aber dennoch bestimmt, Kritik am Gegner geübt, der im deutschen Fußball wie kein Zweiter für Kapitalismus und die Aushebelung der 50+1-Regelung steht. Auch auf dem Rasen kommt die Stimmung an. Egal welcher Spieler nach der bitteren Niederlage vor ein Mikrofon tritt, alle loben und danken den Fans. "Wenn man in die Kurve geschaut hat und die Bilder aus der Stadt gesehen hat, war es unglaublich, was die Fans abgerissen haben", sagte Kapitän Christian Günter bei "Sky". "Sie hätten es verdient gehabt, weil auch sie heute die Besseren waren", sagte der Tennenbronner weiter.

Frau Streich berichtet ihrem Mann vom Treiben in der Hauptstadt

Keiner wollte ihm widersprechen. Auch SC-Trainer Christian Streich nicht, der nach dem Spiel minutenlang von der Kurve gefeiert wurde und dabei teilweise ungläubig ins weite Runde schaute. "Es geht nur darum, dass das passiert ist. Es war so toll, was hier alles abgegangen ist", sagte er. "Wenn du dir das bewahren könntest in diesem Verein, wir wachsen natürlich brutal. Das wäre mein größter Wunsch, da verzichte ich gerne auf einen Pokalsieg – auch wenn es schwerfällt", sagte Streich, der von seiner Frau über das Treiben in den Zügen aus dem Süden und in der Hauptstadt informiert wurde. "Da haben sich Leute nach zehn, zwölf Jahren wieder getroffen, Leute, die in einer anderen Stadt wohnen. Toll", sagte Streich.

Wie seiner Frau ging es einigen. Immer wieder trafen sich zufällig Menschen, die unabhängig voneinander nach Berlin gereist waren und sich dann im Getümmel um den Hals fielen. "Ich treffe hier mehr Menschen, als im Europa-Park-Stadion", sagte ein Südbadener leicht ungläubig kurz bevor er mit 30.000 anderen ins Olympiastadion ging. Dort feierten die Freiburger Fans ihre Mannschaft auch noch lange nach dem extrem bitteren Ende im Elfmeterschießen.

Dass die Leipziger Spieler zu diesem Zeitpunkt schon längst wieder aus ihrer Fankurve am Marathon-Tor in Richtung Rasen gegangen waren, war nicht mehr als eine Randnotiz. Denn das Fan-Duell hatten die Freiburger schon lange vorher – in den Straßen Berlins und im geschichtsträchtigen Olympiastadion – gewonnen. Auch wenn es am Ende keinen Titel zu feiern gab.

Info: Auch im Europa-Park fiebern Tausende Fans mit

Party im Park: Der Europa-Park in Rust (Ortenaukreis) als Unterstützer der Freiburger Kicker ließ es sich nicht nehmen, zum Pokalfinale eine große Freiluft-Party für die Fußballfans vor Ort zu organisieren. Im Innenhof des Hotels "Colosseo" hatten sich am Samstagabend rund 2200 Fans eingefunden, um beim Spiel leidenschaftlich mitzufiebern. Leipzig-Fans wurden dort nicht gesichtet. Es war nach dem Public Viewing in Freiburg auf dem Messegelände mit mehr als 10 000 Zuschauern die wohl größte Fan-Feier im Land.