Warum ein Mensch auf seine Kinder schießt, ist die Frage, die derzeit viele bewegt – eine Frage, auf die auch die Kolumnistin keine Antwort hat. Den Stab über einen Menschen zu brechen – das ist freilich schnell passiert. Doch wer weiß schon wirklich, wozu pure Verzweiflung einen treiben kann?
Die Worte wiederzufinden nach Geschehnissen wie am vergangenen Sonntag in Lautlingen, ist schwer. Über kaum ein anderes Thema sprechen die Menschen in der Region Albstadt dieser Tage so viel wie über die Familientragödie, bei der ein 63-Jähriger seinen Sohn und seine Schwiegermutter getötet, seine Frau und seine Tochter schwer verletzt haben soll.
Das Interesse unserer Leser an den Berichten über die Tragödie, ihre Folgen und die noch laufenden Ermittlungen ist riesig. Gleichwohl ist in jedem Gespräch mit Lesern und in vielen Leserkommentaren zu unseren Berichten spürbar, dass es niemandem darum geht, seine Neugier zu befriedigen. Es ist die große Anteilnahme am Schicksal der Familie, die alle bewegt. Jene, die den getöteten 24-jährigen, eines der größten politischen Talente der Region Albstadt, kannten und vielleicht sogar mit ihm zusammengearbeitet haben in seiner Partei und deren Jugendorganisation, sind dankbar für Berichte, in denen seine politischen Freunde und Mitstreiter aus anderen Parteien zu Wort kommen – weil sie ihre Wertschätzung in bewegende Worte fassen. Schon aufgrund dieser großen Anteilnahme schreiben wir über solche Geschehnisse – nicht um Sensationsgier zu befriedigen.
Andere Gründe gäbe es genug
Das tun Reporter von Boulevard-Blättern, die dann tagelang alle Leute befragen, die ihren Weg kreuzen, und an Türen klingeln. Sie kommen in einen Ort, in dem sie vermutlich zuvor nie waren, wenngleich alleine das Stauffenbergschloss, die Gedenkstätte und die Musikhistorische Sammlung Jehle auch den weitesten Weg rechtfertigten. Sie schreiben in Erstmeldungen von einem Amok-Lauf und zeigen an den folgenden Tagen Fotos von den betroffenen Familienmitgliedern – auch den noch lebenden.
Das Internet vergisst nichts
Die Heimatzeitung vor Ort tut das nicht. Denn wir kennen die Betroffenen, ihre Freunde, ihre Arbeitskollegen und ihre politischen Mitstreiter. Uns in der Lokalredaktion ist es nicht egal, wie die überlebenden Familienmitglieder mit dieser Tragödie fertig werden – und dass es für sie nicht besser wird, wenn ihre Fotos für die nächsten Gott weiß wie viele Jahre im Internet kursieren. Die Gesichter der Überlebenden mögen verpixelt sein. Doch ihre Namen stehen dabei. Das Internet vergisst nichts.
Wie weit darf Berichterstattung über solche Geschehnisse gehen? Das ist eine Frage, die wir uns in den vergangenen Jahren leider viel zu oft stellen mussten: Der Mord am betagten Ehepaar in der Beethovenstraße 2014, das Tötungsdelikt eines Mannes an seinem Bruder in der Silvesternacht kaum zehn Monate danach, die Mutter mehrerer Kinder in Winterlingen, die durch die Hand ihres Mannes starb, und schließlich der grausame Doppelmord im Dezember 2022 haben die Menschen in der Region entsetzt und erschüttert.
Die Frage nach dem „Warum?“ ist es, die diesmal noch viel öfter gestellt wird als damals. Auf seine eigenen Kinder zu schießen, ist etwas, was niemand nachvollziehen kann. Trotzdem ist es bei den meisten nicht Wut, nicht Aggression, die dem 63-Jährigen entgegengebracht wird, sondern vor allem Ratlosigkeit. Sehr oft mit dem Zusatz: „Man weiß es halt nicht, was dahinter steckt.“
Für all jene, die nie in einer psychischen Ausnahmesituation, noch nie am Rande echter Verzweiflung waren – sei es nun aus finanziellen oder emotionalen Gründen –, ist es kaum möglich, sich in die Lage eines Menschen zu versetzen, der auf seine Kinder schießt. In der Bibel gibt es eine bekannte Stelle zu diesem Aspekt von Schuld und Sühne. Als Jesus jene, die eine „Sünderin“ steinigen wollen, dazu auffordert: „Wer von Euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“ Auch ein mutmaßlicher Täter verdient zuweilen unser Mit-Leid.