Vor die Mutter Gottes, in der Vitrine im Oratorium oberhalb der Sakristei der Wallfahrtskirche Maria Zell, wird die Kreuz-Schenkung von Ursula Staib ihren Platz bekommen. Darüber freut sich Peter Beck sehr. Foto: Sabine Hegele

Ursula Staib überlässt dem Kirchlein über Hechingen-Boll ein von ihrem Vater in Kriegsgefangenschaft gefertigtes Kreuz und arbeitet so ein Stück ihrer Familiengeschichte auf.

Die kleine Wallfahrtskirche Maria Zell oberhalb von Boll ist für sie ein „Kraftort“, den sie gerne und häufig besucht. Da fiel Ursula Staib die Entscheidung leicht, genau dort ein Stück ihrer Familiengeschichte hinter sich zu lassen: ein von ihrem Vater nach dem Zweiten Weltkrieg, in Kriegsgefangenschaft, handgefertigtes kleines Kreuz.

 

Es soll, versichert Peter Beck, langjähriger Vorsitzender des Fördervereins Maria Zell, einen Platz bei der Mutter Gottes bekommen, hinter Glas, im Oratorium über der Sakristei. Ergänzt um eine Beschreibung der Geschichte, die hinter dem Kreuz steckt.​

Schmuck aus Stahlrohren​

Die ist wahrlich eine sehr besondere. Der Vater von Ursula Staib, 1921 in Ostpreußen geboren, wurde mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ein Kriegsgefangenenlager hinter dem Ural verschleppt. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen dort waren fürchterlich; Helmut Figurski flüchtete sich in die Herstellung von Schmuck aus Stahlrohren und ähnlichem. Dieser diente auch als Tauschmittel.​ Zugleich war dem Vater bald klar, das Lager nur im Krankenstand (egal, ob tatsächlich oder vorgetäuscht krank) verlassen zu können – um noch ein „Leben danach“ zu haben. So fertigte er sich eine Gehhilfe in Form eines Stocks, in den er zusätzlich eine Aussparung einarbeitete. In dieser verwahrte er ein von ihm aus Rohrmaterial handgefertigtes kleines Kreuz.

​Tatsächlich konnte Helmut Figurski das Lager verlassen. Über das Rote Kreuz führte ihn sein Weg 1949 nach Tailfingen, wohin seine Mutter und die Schwester geflüchtet waren. Dort lernte er seine spätere Frau Helene kennen. Die war mit ihren Eltern aus Bayern auf die Schwäbische Alb übergesiedelt, weil der Vater, ein Möbelbauer, dort eine Arbeit in der Möbelindustrie fand.​

Geschenk zur Kommunion​

Bereits 1950 kam die Tochter Ursula zur Welt; zehn Jahre später verließ die Familie Tailfingen und baute sich in Balingen ein neues Leben auf. Der Vater starb 1998, die Mutter 2005. Ursula Staib ist noch heute in Balingen zuhause.​

Die traumatische Geschichte ihres Vaters hat sie ihr Leben lang begleitet. Zur Erstkommunion schenkte er ihr das von ihm in Gefangenschaft handgefertigte Kreuz. Getragen hat sie es in all den vergangenen Jahrzehnten kaum – dafür aber sicher verwahrt in einer Schmuckschatulle. Doch ist Ursula Staib den Spuren ihres Vaters auf vielen Reisen gefolgt.​

Auf den Spuren des Vaters​

Sie besuchte dessen Heimat Masuren und auch den Ural, wo es während und nach dem Zweiten Weltkrieg ein dichtes Netz von sowjetischen Kriegsgefangenenlagern gab, in denen Hunderttausende deutsche Soldaten und zivile Verschleppte zur Zwangsarbeit inhaftiert waren. Ursula Staib wollte ihren Vater besser verstehen lernen, denn er selbst habe nie viel über den Krieg erzählt, erinnert sie sich.​

Schatten auf der Familie​

Die „Kriegsgeschichte“ von Helmut Figurski hat dennoch all die Jahre wie ein Schatten aus Schwermut auf der Familie gelegen. Dessen Handarbeit jetzt der Wallfahrtskirche Maria Zell als Schenkung zu überlassen, nennt Ursula Staib „eine Art der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte“. Warum sie das Kreuz nicht an ihren Nachwuchs weitergeben möchte? „Weil meine Lebensgeschichte damit verbunden ist, aber nicht die meiner Kinder.“

Zu ihrer Kommunion bekam Ursula Staib (links) das von ihrem Vater in Kriegsgefangenschaft gefertigte Kreuz geschenkt. Foto: Sabine Hegele

​Mit dem Wallfahrtskirchlein hoch über Boll glaubt Ursula Staib den richtigen Ort gefunden zu haben für das Kreuz ihres Vaters. „Ich fühle das so.“ Peter Beck, zwar nicht mehr Vorsitzender des Fördervereins, aber immer noch verantwortlich für die Belange in und rund um Maria Zell, kann das gut nachvollziehen – und freut sich über die Gabe. Denn auch für ihn ist die Kirche ein besonderer Ort der Einkehr.​