Die Arztsuche treibt viele Familien im Schwarzwald-Baar-Kreis derzeit an den Rand des Wahnsinns. Doch ganz besonders betroffen sind jene, die ein „besonderes“ Kind haben.
Anna-Maria Milia aus Villingen-Schwenningen und ihr Mann Alessandro haben neben zwei Jungs ohne Beeinträchtigungen auch ein solch besonderes Kind: die kleine, bald zweijährige Giuna.
Bislang wussten sie die Kleine bei ihrem Kinderarzt in guten Händen – doch dann müssen sie sich plötzlich auf die Suche nach einem neuen Kinderarzt machen und stellen fest: Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.
Eine Diagnose mit Konsequenzen
Ergotherapie, Physiotherapie, Neuroorthopädie und weitere kompliziert klingende Behandlungen, die Liste an Therapien für Giuna, die die dreifache Mama aus dem Oberzentrum aufzählt, ist lang. Genauso wie die der Fachärzte, die die Familie mit ihrem „besonderen Kind“, wie sie die Behinderung viel lieber liebevoll umschreibt, konsultiert.
Nach der Diagnose Cerebralparese für das kleine Mädchen stand für die Milias fest: Ihre Tochter soll so früh wie möglich bestmöglich gefördert werden, um die Chancen zu steigern, dass Giuna eines Tages vielleicht trotzdem gehen kann und die Einschränkungen im Alltag für sie so gering wie möglich ausfallen. Und klar ist: Ein behindertes Kind benötigt ein Mehrfaches an Untersuchungen, Rezepten und Überweisungen als ein Kind ohne Handicap.
Branche im Ausnahmezustand
Wie Tausende andere so waren auch die Milias Patienten bei dem Schwenninger Kinderarzt Stefan Röser. Der vielbeachtete Rückzug des Mediziners als Kassenarzt traf auch sie. „Ich mache Herrn Röser trotzdem keinen Vorwurf“, beeilt sich Anna-Maria Milia im Gespräch mit unserer Redaktion zu betonen. Den Schritt könne sie nachvollziehen – das Bild des von Raum zu Raum hetzenden Kinderarztes und der überfüllten Praxis hat sie noch gut vor Augen. Dennoch: Die Milias hatten plötzlich ein Problem – und aufgrund der Frequenz, in der sie mit einem behinderten Kind zum Arzt müssen und der vielen teuren, notwendigen Medikamente und Behandlungen ist das Selbstzahlen für sie keine Option. Im Gespräch schildert sie die nervenaufreibende Suche nach einem neuen Arzt, vor der aktuell unzählige Familien in der Region ebenfalls stehen.
Not macht die Familien erfinderisch
Anna-Maria Milia hängte sich schon früh nach Bekanntwerden von Rösers Ausstieg als Arzt für Kassenpatienten ans Telefon. Wählte Telefonnummer um Telefonnummer, nur um häufig schon beim Abhorchen des Anrufbeantworter-Textes zu vernehmen, dass diese und jene Praxis leider keine Patienten der Praxis Röser in Schwenningen mehr aufnehme.
Ihr Plan B: Sie griff zur Tastatur und schrieb Briefe an diverse Ärzte. Darin schilderte sie Giunas Situation, die Schwierigkeit, einen Arzt zu finden und die gleichzeitige Dringlichkeit, da die Kleine wegen der Cerebralparese, einer Bewegungsstörung, die mit Muskelsteife einher geht, besonderer Aufmerksamkeit und medizinischen Zuwendung bedürfe. Irgendwann konnten die Milias es beinahe nicht mehr lesen: Ärzte drückten ihr Bedauern aus, aber – leider – könnten auch sie Giuna nicht als Patientin aufnehmen.
Die Familie ist verzweifelt. „Ich bin auf keinen der Ärzte böse“, betont sie abermals, „aber ich war hilflos“, gesteht Anna-Maria Milia dann.
In ihrem Whats-App-Status auf dem Handy teilte die rührige Mutter ihre Sorge und bat um Tipps, falls irgendwer irgendeinen Arzt kenne, der in seiner Patientenkartei womöglich noch ein freies Plätzchen für die kleine Giuna habe. Doch die Antworten, die sie erhielt, spiegelten stattdessen wider, dass die Milias und Giuna in großer Gesellschaft sind: „Ganz vielen geht es genauso!“
Deshalb gehen viele zur Notaufnahme
Ein Tipp, den sie immer wieder erhielt und eine Praxis, die demzufolge in der Not der Familien recht weit verbreitet zu sein scheint: „Wenn Du niemanden findest, dann geht doch zur Notaufnahme, die müssen Euch ja nehmen.“
Doch Anna-Maria Milia schüttelt den Kopf – einerseits sei das schließlich nicht der Sinne der Notaufnahme, andererseits sei das bei einem Kind mit Behinderung, das regelmäßig Behandlungen und Rezepte sowie Überweisungen benötigt, ohnehin keine Dauerlösung. Ebenso häufig genannt und ebenso wenig eine Option: „Geh’ doch abends zur Notfallpraxis“ – „das kann doch keine Option auf Dauer sein“, findet Milia.
MVZ im Nachbarkreis keine Option mehr
Und auch auf das MVZ in Spaichingen verwiesen manche. Doch selbst das Medizinische Versorgungszentrum im Nachbarlandkreis, das schon für viele Patienten aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis eine Option war, nehme derzeit niemanden mehr auf.
Endlich: Auf einen ihrer Briefe und durch „Vitamin B“ erhält die Familie schließlich dann doch eine Zusage – „allerdings nur für Giuna, für meine beiden Jungs muss ich weitersuchen“. Die Hoffnung bleibt, dass Giunas größere Brüder vielleicht schon beim Hausarzt der Eltern unterkommen – „aber die Hausärzte sind ja oft auch schon voll“.
Wo das System ernsthaft krankt
Mit ihrer Schilderung gab die Mutter aus der Doppelstadt jedoch nicht nur Einblick in das schier ausweglose Unterfangen für viele Familien aus der Region aktuell, sondern legte sie den Finger auch in eine tiefe Wunde des Gesundheitssystems: Familien, die diese Suche nach Kinderarzt für ein behindertes Kind betreiben, stoßen in ihrer ohnehin ausweglosen Situation an Grenzen, die manche, mit weniger Hartnäckigkeit und ohne Vitamin B, vermutlich nicht überwinden können und fühlen sich infolge dessen im Stich gelassen.