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Die Trabers mit ihren Familienzweigen in Baden und Brandenburg zählen zu den besten Hochseilartisten der Welt. Am Rand des Abgrunds jagen sie nach immer neuen Weltrekorden.

Die Trabers mit ihren Familienzweigen in Baden und Brandenburg zählen zu den besten Hochseilartisten der Welt. Am Rand des Abgrunds jagen sie nach immer neuen Weltrekorden - doch ab und zu stürzt einer dabei ab.

Johann. Immer wieder Johann. Da mag Falko noch so lange auf der Kitzbüheler Gondelbahn herumspazieren und Jessica, die Großnichte aus Oranienburg, sich zehnmal die Augen verbinden lassen. Die Herzen fliegen Johann zu. Keiner aus der weit verzweigten Dynastie erntet derzeit mehr Bewunderung.

 

"Traberblut ist keine Buttermilch", sagt der gern, und an diesem Wochenende beweist er es wieder allen. Da steigt der 25-Jährige täglich auf das Hochseil an den Hamburger Landungsbrücken und rast auf dem Motorrad mit seiner Schwester Katharina bis zum alten Elbtunnel. Das Publikum ist aus dem Häuschen.

Aber warum eigentlich? Wegen einer vergleichsweise harmlosen Show, wie sie die anderen Clanmitglieder schon seit langem beherrschen? Nein. Weil Johann Traber jun. für die Geschichte einer wundersamen Heilung steht.

Sie begann 2006 nur wenige hundert Meter entfernt, am Jungfernstieg. Johann hatte sich auf einer kleinen Plattform in 52 Meter Höhe gerade in den Handstand gedrückt, als plötzlich die Mastspitze brach und ihn mit in die Tiefe riss. Mehr tot als lebendig hing er am Sicherungsseil, denn sein Kopf war zertrümmert. Gut drei Jahre ist das nun her, und die Ärzte demonstrieren seither an dem Artisten ihre ganze Kunst. Erst kürzlich haben sie ihn um 500 Gramm Titanschrauben und Nägel erleichtert.

Doch schon nach einem Jahr saß Johann wieder im Balance-Trapez seines Hochseilmotorrads und raste mit seinem Vater in den Münchner Himmel. "Mein Comeback", sagte er damals, und seither versteht es Vater Johann glänzend, immer neue Comebacks für seinen Sohn zu inszenieren. Wie jetzt in Hamburg. "Er will Danke sagen und zeigen, dass er wieder da ist", sagt er und fügt hinzu: "Er macht alles freiwillig."

Sogar ein Stück am Masten, von dem er fast zu Tode gestürzt wäre, klettert der Junior hinauf. Obwohl ihm das Sprechen, Sehen und Gehen seit dem Unfall schwerfällt. Den Handstand auf dem Peitschenmasten drückt zwar seither seine Schwester Anna. Doch den meisten Beifall erhält Johann.

"Ich finde das o.k. für ihn, so gerät er nicht in Vergessenheit", sagt Falko Traber am Telefon. Er ist der Onkel von Johann jun. und selbst Hochseilartist - und zwar einer der weltbesten. In Breisach, nur wenige Kilometer von seinem Bruder Johann entfernt, betreibt der fast 50-Jährige sein eigenes Unternehmen - das ist Zweig Nummer zwei der jahrhundertealten Dynastie.

Eigentlich sollte Falko ja zu Ehren seines Neffen in Hamburg auftreten. Doch er kann nicht, in Dortmund muss er selbst aufs Seil. Ganz unglücklich scheint er darüber nicht zu sein. Denn wenn er am Telefon über seine Verwandten spricht, wird er einsilbig. "Ich will meinem Bruder nicht schaden", druckst er herum, "die Auftritte sind für Johanns Heilung wahrscheinlich wichtig." Doch dann sagt er in fast brutaler Nüchternheit: "Es wird nie mehr so, wie's mal war." Soll heißen: wie vor dem Unfall, als Johann jun. auf dem Weg zur Perfektion war. Einer, der auch die Königsdisziplin beherrschte, das Balancieren auf dem Schrägseil. Einer, der nervenstark, charmant und geschäftstüchtig war - und damit Garant für die Altersvorsorge seiner Familie, die seit 1799 Seiltänzer hervorbringt. Letzteres ist wichtig, denn reich ist bisher keiner davon geworden. Trotz fabelhafter Weltrekorde.

Auf großen Schwarz-Weiß-Fotos sind sie verewigt, sie hängen in Glasrahmen in Trabers Haus am Kaiserstuhl. Wie Onkel Alfredo 1928 die Niagarafälle überquert. Wie er zusammen mit Onkel Henry 1953 auf der Zugspitze den Höhenweltrekord aufstellt. Wie Falco über die Seilbahn in Rio de Janeiro balanciert. Und natürlich die waghalsigen Aktionen von Johann, dem ältesten der drei Traber-Brüder. Noch als 51-Jähriger fuhr er mit dem Smart den Stuttgarter Fernsehturm hoch, um auf dem Autodach einen Handstand zu drücken.

Charly, der Jüngste, ist mittlerweile gestorben. Er sei der Talentierteste von allen gewesen, heißt es. Doch auf dem Höhepunkt brach er seine Karriere ab, als er plötzlich mit der Kniekehle im Seil über dem Abgrund hing. Das hat er wohl psychisch nie verkraftet. "Wer heute im Geschäft bleiben will, muss immer wagemutigere Aktionen zeigen", sagt Johann senior. Auch wenn es das Leben kostet.

Im Mai 1996 zum Beispiel stürzte der Artistenkollege Lutz Schreyer im BadenBadener Kurpark tödlich ab, als er einen Weltrekord von Falko filmte. Und im August 2004 verlor Karl Traber bei einer Motorradaktion das Gleichgewicht - daraufhin beendete er seine Karriere.

Damit sind wir beim dritten Zweig der eigentlich alemannischen Sippe angelangt, und der sprießt in Ostdeutschland. Lange vor dem Krieg hat ein Familienmitglied die Artistentradition nach Brandenburg gebracht. Karl Traber führt sie dort heute fort - oder vielmehr seine drei Töchter Jessica, Jennifer und Joanna.

Bis vor kurzem ist auch noch seine Ex-Frau Peggy, eine frühere Raubtierdompteurin, aufs Seil gestiegen. Sie hat diese Kunst erst als Erwachsene erlernt, aber das bis zur Perfektion.

Dennoch haben die Brandenburger bei ihren West-Verwandten nie Anerkennung gefunden. Ja, es kam sogar zu einem Rechtsstreit um den Namen Traber.

"Den haben wir in zwei Generationen weltberühmt gemacht, und nun profitieren die anderen Trabers davon und kopieren uns", zürnt Falko. Dabei sind das noch die freundlichsten Worte. "Wenn man näher hinkommt, sieht man den Unterschied", sagt er abfällig, "das ist wie beim Imitat einer teuren Brille." Vielleicht schafft es ja die junge Generation, zu der auch Falkos Nachwuchs gehört, die Gräben zu überwinden.

Darf man in dieser Familie überhaupt einen anderen Beruf ergreifen als den des Artisten? "Wenn man kein Talent hat", sagt Johann Traber. So wie Großonkel Alfons zum Beispiel. Der hat das Seiltanzen zwar auch probiert, doch schon als Junge wieder aufgegeben. Heute lebt er als Kfz-Meister im Breisgau. Für Johann Traber junior ist das undenkbar.