Da ist die Welt noch in Ordnung: Junior feiert Geburtstag. Als das jüngste Kind des Paares allerdings bei einem Autounfall getötet wird, kippt das Stück „Hokuspokus“ in eine düstere Stimmung. Foto: Veronika Zettler

Wenn Familie Flöz mit ihrem wortlosen Maskentheater kommt, ist der Burghof immer gut gefüllt.

Zwar tragen auch in der Produktion „Hokuspokus“ die Darsteller starre Masken, die aber im Lauf des Abends jede echte menschliche Mimik zu übertreffen scheinen. Ein geneigter Kopf, ein zaghafter Schritt, eine angedeutete Geste genügen, um ganze Gefühlswelten zu erschließen. Doch diesmal ist einiges anders. Links und rechts der Bühnenmitte sind Mitwirkende ohne Masken bei der Arbeit zu sehen, singend, musizierend, zeichnend. Die Welt der Figuren wird nicht nur gespielt, sondern parallel live erschaffen. „Hokuspokus“ ist damit noch stärker als frühere Arbeiten auch ein Stück darüber, wie Theater überhaupt funktioniert und aus leerem Raum eine eigene Wirklichkeit entsteht.

 

Schwere Bilder vom Werden und Vergehen

Im Zentrum steht eine Geschichte über Werden und Vergehen, buchstäblich vom ersten bis zum letzten Atemzug. Zunächst wirkt alles wie ein Schöpfungsszenario: Ein Mann und eine Frau finden sich im Garten Eden wieder, verwundert über ihr plötzliches Dasein – ein Motiv, das man aus früheren Produktionen kennt. Bald mutiert das archetypische Duo zu einem Paar der heutigen Zeit; eine Wohnung wird bezogen, eine Familie gegründet.

Vom Babygeschrei bis zu pubertären Eskapaden erlebt das Publikum das Familienleben mit seinen kleinen und größeren Alltagsdramen. Dann der Einschnitt: Das jüngste Kind stirbt bei einem Autounfall. Die Wand im Hintergrund zeigt das Maskenporträt des Jungen, das langsam, aber unbarmherzig von Blumen überwuchert wird.

Von da an kippt das Stück in eine schwere Stimmung, die es von manch früherem, leichterem Flöz‑Abend unterscheidet. Auf der Bühne entstehen Bilder gespenstischer Trauer und Einsamkeit, manche geradezu alptraumhaft: wenn die trauernde Mutter im schwarzen Mantel allein auf der Bühne steht, wie zur Salzsäule erstarrt. Oder wenn das Paar, gealtert und voller Gram, mit altmodischen Köfferchen aus der Wohnung zieht. Was als Archetyp des liebenden Paares begann, verdichtet sich zu einem archetypischen Schmerz, der über diese eine Familie hinausweist.

Spannend ist die Rolle von Michael Vogel, der vor rund 30 Jahren die Familie Flöz mitgegründet hat. Wie Jim Henson mit seinen Muppets tritt er hier als Schöpfer seiner Geschöpfe in Erscheinung. Unmaskiert betritt er immer wieder die Szenerie, reicht etwas herein, nimmt etwas weg, betrachtet sein Werk. Ganz wie die Masken wirkt er im jeweiligen Kontext mal witzig, mal unheilvoll – und erinnert zugleich daran, dass die Tragödie auf der Bühne zum Glück nur Theater ist.

Reaktionen von Rührung bis zu Kritik

Wäre Lessings bürgerliches Trauerspiel ein modernes Maskenstück, es sähe vielleicht aus wie „Hokuspokus“, das 2022 uraufgeführt wurde – eine Tragödie aus der Mitte des Alltags, erzählt in der Sprache der Körper. Eine kleine, präzise gezeichnete Doppel‑Szene mit einem Immobilienmakler, der die Wohnung der Familie anfangs übergibt und zum Schluss mit Blick auf Schäden an der Mietsache nüchtern weitervermarktet, bündelt dabei jene Kälte, die schon diese Dramenform ins Zentrum rückte.

Mit tosendem Applaus wird Familie Flöz verabschiedet. „Weltklasse, einfach Weltklasse“, sagt eine Frau mit Tränen in den Augen. Vereinzelt gibt es aber auch kritische Stimmen. Eine Zuschauerin findet, dass dem Stück der Hoffnungsfunke fehlt. „Mir war das viel zu depressiv.“