Beim Tumorboard im Klinikum Stuttgart beraten Ärzte aller Fachrichtungen über das Therapiekonzept eines Patienten. Foto:  

Durch stete Qualitätssicherung können Ärzte die Heilungschancen vieler Tumorpatienten deutlich verbessern. Entscheidend dabei ist, die richtige Klinik zu finden – wie der Fall eines Stuttgarter Krebspatienten zeigt.

Seine erste Krebsdiagnose erhielt Thomas Berg wenige Jahre vor seiner Pensionierung. Wegen Verdachts auf einen Leistenbruch wurde er ins Krankenhaus überwiesen, erzählt der Stuttgarter Pensionär, der seinen wahren Namen nicht veröffentlichen möchte. Doch bei der Beule in der Leistengegend handelte es sich um ein Lymphom, eine Form des Lymphdrüsenkrebses. Berg wurde daraufhin in das Stuttgart-Cancer-Center – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl (SCC) geschickt, das dem Klinikum Stuttgart angegliedert ist – nichts ahnend, dass er in diesem zertifizierten Krebszentrum die nächsten neun Jahre regelmäßig ein- und ausgehen würde.

 

Berg beschreibt sich gern mit dem leichthin gesagten Satz „außen hui, innen pfui“. Insgesamt drei Tumorarten sind bislang in seinem Körper gewuchert – neben dem Lymphdrüsenkrebs erkrankte der 71-Jährige wenig später an Hautkrebs und schließlich noch an Darmkrebs. „Von den ersten beiden Krebsarten gelte ich als nahezu geheilt“, sagt Berg. Nur der Darmkrebs hält sich hartnäckig. In wenigen Tagen steht die nächste Operation an. Es wird sich zeigen, wie es dann weitergeht, sagt Berg.

In Kliniken mit Zertifikat haben Patienten einen Überlebensvorteil

Er vertraut seinen Onkologen – und deren Erfahrung. „In all den kritischen Situationen, die ich schon zu überstehen hatte, fühlte ich mich stets gut aufgehoben.“ Immer sei ein Netzwerk von Ärzten da gewesen, die ihn sicher durch die Therapie geführt hätten.

Solche Netzwerke können ein Überlebensvorteil sein. Das zeigt eine umfassende Studie zu acht Tumorarten, die mehr als eine Millionen Behandlungsdaten über acht Jahre analysiert. Die Prognose vieler Tumorpatienten lässt sich demnach verbessern, wenn diese in zertifizierten Krebszentren behandelt werden. So ist bei Gebärmutterhalskrebs das Sterberisiko im Vergleich zu Kliniken ohne Zertifikat fast 26 Prozent geringer, bei Lungenkrebs ist es 15 Prozent niedriger.

Im Fachbereich der Onkologie gibt es laufend neue Studien und Therapien

Für die Qualitätssicherung ist unter anderem die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) zuständig: Mehr als 1800 solcher Zentren sind von ihr ausgezeichnet. In Baden-Württemberg sind es 267, in Stuttgart gibt es mehr als 30: im Marienhospital, im Diakonieklinikum und im Robert-Bosch-Krankenhaus, das Kooperationspartner des Uniklinikums Tübingen und damit Teil des Onkologischen Spitzenzentrums Südwest ist. Auch das SCC am Klinikum Stuttgart nimmt eine Vorreiterstellung ein: Die im Jahr 2012 gegründete Einrichtung beherbergt als nicht-universitäre Klinik 18 zertifizierte Zentren.

Es sei ein großer Kraftakt, sagt Gerald Illerhaus, der Ärztliche Direktor des SCC und Leiter des Onkologischen Zentrums. In der Onkologie gibt es stets neue Studienergebnisse und Therapiemöglichkeiten. „Um auf dem neusten Stand zu bleiben, muss man sich ständig mit der Materie beschäftigen.“

Kontrolle geschieht durch unabhängige Gutachter

Der direkte Wissenstransfer aus der Wissenschaft in den Klinikalltag ist Berg zugute gekommen: Als sein Lymphom sich in eine höchst aggressive Form wandelte, konnte ihm in kürzester Zeit eine Hochdosis-Chemo verabreicht werden. Auch die daraufhin nötige Stammzelltherapie wurde im Klinikum vorgenommen. In einer nicht zertifizierten Klinik hätte der Pensionär für diese spezielle das Krankenhaus wechseln müssen. „Das wäre für mich aber eine zusätzliche Belastung gewesen“, ist sich Berg rückblickend sicher.

Diese ssicherheit zu garantieren, ist für die onkologischen Teams mit viel Aufwand verbunden: Jedes Jahr kontrollieren von der DKG unabhängige Gutachter, ob die Klinik die Vorgaben einhält. Alle nötigen Fachabteilungen müssen vorhanden sein. Wöchentlich finden Tumorkonferenzen statt, in denen Onkologen, Chirurgen, Strahlentherapeuten und Radiologen einen Therapieplan für die Patienten erstellen.

Patienten gehen in kleineren Kliniken ohne Nachweis ein höheres Risiko ein

Mittlerweile lassen sich 56 Prozent aller Krebspatienten in zertifizierten Zentren behandeln. Nicht genug, wie neben Illerhaus auch andere Experten betonen: Schließlich bedeute dies im Umkehrschluss, dass sich immer noch knapp jeder zweite Erkrankte in kleineren Kliniken behandeln lässt, die ihre Eignung nicht nachgewiesen haben. „Dort besteht aber das Risiko, dass sie von Chirurgen operiert werden, die kaum Routine in den ausgefeilten Operationsverfahren haben“, befürchtet Illerhaus. Denn Krankenhäuser, die Krebsbehandlungen vornehmen, sind generell nicht verpflichtet, sich dem Zertifizierungsprozess zu unterziehen.

Das allerdings könnte sich bald ändern: In ihrer dritten Stellungnahme zur Krankenhausreform schlägt die Regierungskommission vor, dass onkologische Versorgung in Zukunft in zertifizierten Zentren erfolgen soll. Bis dahin sind Patienten gefordert, die Regie über die eigene Krebsbehandlung zu übernehmen: Die Expertise der Zentren nutzen – so lautet der Rat der DKG. Studien haben gezeigt: Je länger ein Zentrum zertifiziert ist, desto besser ist es. Doch Qualität ist nicht alles, ergänzt Berg: „Es braucht auch ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.“ Das habe sich in den vergangenen neun Jahren sehr gefestigt. „Ich weiß, ich muss jetzt wieder kämpfen – aber ich weiß auch, ich bin nicht allein.“

Experten informieren Krebspatienten und Angehörige am 6. Mai

Jubiläum
Das Stuttgart- Cancer-Center (SCC) – Tumorzentrum Eva-Mayr-Stihl wurde vor nahezu einem Jahrzehnt gegründet. In der Einrichtung vereinigt das Klinikum Stuttgart alle Fachrichtungen im Bereich der Krebsmedizin und wird von der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung jährlich mit rund vier Millionen Euro unterstützt. Mehr als 11 000 Krebspatienten erhalten dort jährlich ihre Behandlung. Diese umfasst nicht nur onkologische Therapien, sondern wird ergänzt durch psychologische Betreuung, Bewegungs- und Kunstangebote sowie Konzepte aus dem Bereich der Ernährungs- aber auch aus der Komplementärmedizin.

Patiententag
Anlässlich des zehnjährigen Bestehens veranstaltet das SCC am Samstag, 6. Mai, einen Patiententag. Von 9 bis 15 Uhr können sich Krebserkrankte und Angehörige anhand von Vorträgen und Workshops über Therapien und Angebote der Krebsmedizin informieren. Auch das Thema Selbsthilfe wird Teil der Veranstaltung sein. Weitere Infos gibt es im Netz.