Am Adlereck soll der Tunnel im Süden seinen Anfang nehmen. Foto: Klormann

Die Kernstadt von Verkehr entlasten – das soll der Calwer Tunnel leisten. Das dürfte allerdings noch dauern: Das Regierungspräsidium Karlsruhe rechnet im allerbesten Fall damit, dass dies Ende der 2020er-Jahre der Fall sein dürfte. Realistischer scheint aber eher eine noch spätere Fertigstellung.

Calw - Wann wird das erste Fahrzeug den rund 580 Meter langen Calwer Tunnel durchqueren, der eines Tages vom Adlereck zur Esso-Tankstelle führen soll? Wie hoch werden die Kosten mittlerweile geschätzt? Was passiert dann mit der Bischofstraße? Auf diese und weitere Fragen präsentierten Nicolai Deveaux (Sachgebietsleiter) und Jürgen Skarke (Präsident der Abteilung Mobilität, Verkehr, Straßen, des Regierungspräsidiums Karlsruhe) in der jüngsten Sitzung des Calwer Gemeinderats Antworten.

 

Mindestens seit den 1990er-Jahren gibt es Pläne und Überlegungen, die Kernstadt (vor allem den nördlichen Teil der Bahnhof- sowie die Bischofstraße) mittels eines Tunnels vom Verkehr zu entlasten. 2003 wurde das Projekt erstmals als "Maßnahme des vordringlichen Bedarfs" in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen. 2016 wurde diese Einstufung nochmals bestätigt.

Im Calwer Gemeinderat war zuletzt Ende Januar 2019 über das Projekt beraten worden; damals wurde beschlossen, den Knotenpunkt Bahnhofstraße/Stuttgarter Straße am Adlereck im Zuge des Tunnelbaus zum Kreisverkehr umzubauen. Und schon damals hatte einer der Räte sich gewundert, dass sich das Vorhaben stetig weiter nach hinten zu schieben scheine.

Baubeginn im besten Fall in 2025

Eine Vertreterin des Regierungspräsidiums hatte in jener Sitzung erklärt, dass Calw hier kein Einzelfall sei. Planungen würden immer anspruchsvoller, die geforderten Unterlagen immer umfangreicher. Zudem fehle es an allen Ecken an Fachpersonal. Fakt sind in jedem Fall die Verzögerungen: Im Frühjahr 2018 hatte die Stadtverwaltung im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet, dass im besten Fall zwischen Ende 2019 und Ende 2020 das Baurecht stehen könne. Daraus wurde bekanntlich nichts.

Aktuell, so erklärte Sachgebietsleiter Deveaux dem Gemeinderat, sehe der Plan vor, Ende des Jahres den Vorentwurf fertigzustellen. Danach stehe eine Prüfung durch Land und Bund an, bevor frühestens Ende 2022 – oder auch erst 2023 – das Planfeststellungsverfahren beginne. Bis dieses abgeschlossen und tatsächlich mit dem Bau begonnen werden könne, sei das Jahr 2025 angebrochen – im besten Fall. Möglicherweise dauere es auch länger. "Da haben wir noch einige Jahre vor der Brust", räumte Abteilungspräsident Skarke ein. Die Bauzeit wiederum, schätzt Deveaux, betrage drei bis fünf Jahre.

Wer besonders zuversichtlich ist, darf also frühestens auf das Jahr 2028 hoffen. Dann sollte aber nichts mehr dazwischenkommen – beispielsweise eine Klage. Eine solche, so meinte Skarke auf Nachfrage von Jürgen Ott (Gemeinsam für Calw), dürfte eine Verzögerung von einem bis zwei Jahre mit sich bringen. Müssen mehrere Instanzen durchlaufen werden entsprechend unkalkulierbar länger. "Dann würde ich vorschlagen, es klagt keiner", scherzte Oberbürgermeister Florian Kling.

Kosten steigen

Auch günstiger ist das Projekt im Laufe der Jahre nicht geworden. So geht eine Schätzung aus dem Jahr 2014 noch von rund 30,5 Millionen Euro aus. Mittlerweile würden die Kosten aufgrund steigender Baupreise eher in einer Größenordnung um die 37,6 Millionen Euro veranschlagt, erklärte Sachgebietsleiter Deveaux. Hinzu kommen weitere Maßnahmen wie der Abbruch des Badischen Hofs, der allein schon mit 3,6 bis 3,9 Millionen Euro zu Buche schlagen würden. Unterm Strich stehe am Ende somit wohl eine Summe von mehr als 40 Millionen Euro.

Die Kosten für die Maßnahme trägt indes der Bund – inklusive des vorgesehenen Kreisverkehr-Baus am Adlereck. Die Stadt Calw ist bislang aber bereits kräftig in Vorleistung gegangen. Knapp 1,3 Millionen Euro seien schon geflossen, berichtete Andreas Quentin, Leiter des Fachbereichs Planen, Bauen und Verkehr bei der Stadtverwaltung, auf Nachfrage von Ott. Geld, dass die Stadt allerdings wieder vom Bund erstattet bekommen dürfte.

Die größte Verkehrsveränderung wird nach dem Tunnelbau bekanntermaßen in der Bischofstraße zu erwarten sein. Diese soll, ähnlich wie der Marktplatz in der Kernstadt, mittels beweglicher Poller abgesperrt werden. Ein Durchkommen gebe es dann nur noch für Rettungskräfte oder Busse, so Deveaux. Und für Anlieger, wie Kling auf Nachfrage von Christoph Perrot (Freie Wähler) mitteilte. Lediglich für den Fall einer Tunnelsperrung müsste die Bischofstraße geöffnet werden, um als Umleitungsstrecke herzuhalten, erklärte Deveaux.

Mehr Fahrzeuge in Zukunft

Wer aus Richtung Hirsau oder Wimberg in die Stadt will, soll unter normalen Umständen dann aber nur noch über den Tunnel, den künftigen Kreisverkehr am Adlereck und die Bahnhofstraße dorthin gelangen können. Einer möglichen Öffnung der Bischofstraße für Kernstadtbesucher, wie sie Oliver Höfle (Gemeinsam für Calw) in den Raum stellte, stand OB Kling ablehnend gegenüber. "Mir ist ehrlich gesagt schon beide Seiten Busverkehr zu viel", meinte der Rathauschef.

Prognosen gehen davon aus, dass die Verkehrsmengen weiter zunehmen werden. Sind derzeit rund 19.400 Fahrzeuge pro Tag in der Bischofstraße und etwa 22.400 in der nördlichen Bahnhofstraße unterwegs, so sei bis zum Jahr 2035 ohne Tunnel mit fast 23.000 Fahrzeugen in der Bischofstraße und mehr als 26.000 in der nördlichen Bahnhofstraße zu rechnen. Der Tunnel soll davon etwa 22.500 Fahrzeuge "ableiten" können.

Allerdings, so erklärte Sachgebietsleiter Deveaux in der Sitzung, sei auch der Tunnel künftig nur dann ausreichend leistungsfähig, wenn zudem ein anderes großes Projekt Wirklichkeit werde: die Südostumfahrung, die von der B  463 nahe des Calwer Postfrachtzentrums zum Landratsamt gebaut werden soll. Diese Strecke nehme rund 3000 bis 4000 Fahrzeuge aus der Innenstadt.

Beim Tunnelportal im Norden müssen Badischer Hof und das dahinter liegende Wohnhaus weichen und der Hang gesichert werden. In den Tunnel selbst soll dort jeweils nur eine Spur hinein- und hinausführen; Richtung Stadtausgang werden sich die Fahrbahnen für Abbiegemöglichkeiten Richtung Wimberg aber voraussichtlich weiterhin auseinanderfächern.

Im Süden, beim Adlereck, sollen zwei Spuren hinaus- und eine hineinführen. Dort muss zudem der Gartenweg ausgebaut werden, weil die Hengstetter Steige durch den Tunneleingang abgeschnitten und zur Sackgasse mit Wendehammer wird.

Barrierefrei nicht überall möglich

In die Lange Steige kommt man aus Richtung Krankenhaus am Adlereck nur noch über eine Runde im geplanten Kreisverkehr bei der Bahnhofstraße.

Für Fahrzeuge scheint insofern alles bedacht worden zu sein. Irmhild Mannsfeld (Neue Liste Calw) fürchtete allerdings, dass Radfahrer und Fußgänger zu kurz kommen könnten. Denn diese müssen, gerade beim Südportal, teils mehrere Straßen und Fahrspuren überqueren, um beispielsweise von der Bahnhofstraße zur Hengstetter Steige zu gelangen – von Treppen ganz zu schweigen. "Die vielen Kreuzungspunkte halte ich für recht gefährlich, wenn die Sache nicht beampelt ist", sorgte sie sich. "Dieses Tunnelprojekt ist ein Jahrhundertprojekt", bekräftigte sie. Daher müsse es für alle Verkehrsteilnehmer funktionieren. Sei das nicht einfach, ungefährlich und bequem möglich, würden die Wege auch nicht genutzt.

In einer Hinsicht musste Deveaux Mannsfeld enttäuschen: Barrierefrei sei zumindest mancherorts "nichts möglich" – beispielsweise bei einer vorgesehenen Treppe Richtung Hengstetter Steige. "In Calw können wir die Topografie nicht glattbügeln", bedauerte der Sachgebietsleiter. Für die Straßenquerung seien aber überall Verkehrsinseln und Ampeln geplant.