Manfred Holz, Gründungsmitglieder der Fairtrade-Bewegung, bringt die Auszeichnung nach Calw.
„Durch sein Engagement für den Fairen Handel vor Ort setzt der Landkreis Calw ein konkretes Zeichen für eine gerechtere Welt und leistet einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen von benachteiligten Produzentengruppen im globalen Süden.“ Dieser Text ist auf einer Urkunde zu lesen, mit der sich der Landkreis Calw nun schmücken darf: Der Landkreis ist „Fairtrade-Kreis“.
Beitrag gegen die Armut
Manfred Holz, Gründungsmitglied der deutschen Fairtrade-Bewegung, reiste von seinem Heimatort Neuss nach Calw, um das Dokument zu überreichen. „Fairtrade“ (fairer Handel) sei mehr als ein Produktsiegel, so Holz. Es sei eine globale Bewegung, die stetig wächst. „Solidarität muss ein moderner Begriff sein.“ Als reiche Industrienation „stehen wir alle gemeinsam in der Pflicht, unseren ganz konkreten Beitrag für den Frieden und gegen die Armut zu leisten. „Denn die Reichen werden immer reicher – die Armen zahlreicher.“
Er wisse aus Statistiken, dass viele Menschen das Fairtrade-Siegel kennen und es für vertrauenswürdig hielten. Fairtrade-Produkte würden von den Menschen für gleich gut oder sogar besser beurteilt.
Holz, Ehrenbotschafter der Fairtrade-Bewegung, erkennt eine positive, dynamische Bewegung. Er sieht deshalb hoffnungsvoll in die Zukunft. 2024 stieg in Deutschland der Umsatz um 13 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. In diesem noch nicht abgelaufenen Jahr ist die Drei-Milliarden-Grenze bereits überschritten. Jeder Bundesbürger konsumiert somit faire 34 Euro. Doch lägen die Nachbarländer Frankreich (50 Euro), Österreich (66 Euro), Schweiz (112 Euro) noch deutlich vorne.
„Kaufen ist eine ethische Haltung – wir müssen einfacher leben, damit einfach alle überleben. So gesehen ist fairer Handel keine Spende oder ein Almosen. Durch den nachhaltigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität vor Ort bekämpfen wir aktiv eine der Fluchtursachen.“ Holz appellierte: „Kaufen wir nur Bio, fair, regional und saisonal. So sorgen wir dafür, dass diejenigen, die uns täglich den Tisch decken, auch selbst satt werden.“ Und: „Das gilt auch für unsere eigenen Bauern, Bäcker, Winzer und Fischer.“
Um wie der Kreis Calw ein Fairtrade-Kreis zu werden, sind bestimmte Kriterien zu erfüllen. Die positiven Ergebnisse moderierte der Sprecher der Steuerungsgruppe Reinhard Kafka. Sämtliche Vorgaben und Anforderungsprofile, die auf der Einwohnerzahl basieren, waren gemeinsam mit verschiedenen Akteuren (Geschäfte, Hotels, Gaststätten, Schulen, Kirchen) zu erfüllen. Alle Kriterien wurden im Kreis deutlich übertroffen.
Kafka ging ebenfalls auf Widersprüche im Kaufverhalten ein. Am Beispiel einer Jeans, die online für neun Euro angeboten wurde, zeigte er das Dilemma auf. Angesichts der vielen Beteiligten, die mitverdienen wollen (alleine der Staat kassiere durch die Mehrwertsteuer 1,71 Euro), „braucht man keine Bilanzen zu verstehen, um zu erahnen, dass für Arbeiterinnen in Baumwollplantagen, Färbereien und Schneidereien nicht viel übrig bleiben kann“. Es seien circa 13 Cent pro Akteur. Somit müsse der Baumwollbauer, damit er 50 Euro Umsatz macht, Baumwolle für 390 Jeans ernten. „Wie viele Jeans müsste somit eine Näherin fertigstellen, um den deutschen Mindestlohn von 12,82 Euro in der Stunde zu erzielen?“, fragte Kafka.
In der Champions League
Der erste Landesbeamte Frank Wiehe sowie seine Kollegin Sandra Hinke, die den Antragsprozess verantwortlich begleitete, erfuhren bei der Ehrung von Manfred Holz, dass der Landkreis nun gemeinsam mit London, Madrid, Paris, Rom und weiteren Weltstädten „in der Champions League beurkundeter Fairtrade-Metropolen mitspielt“.
Eine Nummer kleiner geht es auch: Von 931 Städten und Gemeinden in Deutschland sind im Landkreis Calw bereits Bad Herrenalb, Bad Liebenzell, Bad Wildbad, Altensteig und Nagold urkundlich ausgezeichnete Fair-Trade-Towns.