Verbraucher stöhnen über hohe Strompreise, während Energiekonzerne wie EnBW und RWE hohe Profite verkünden. Ein schwäbischer Stromrebell dreht den Spieß jetzt um.
Mittwochvormittag in einem Konferenzraum in Stuttgart, der neue EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos steht vor einer kinogroßen Leinwand, die eine heile Energiewelt zeigt. In der Ferne ragen Windräder in den blauen Himmel, eine kilometerlange Stromleitung durchzieht die Landschaft aus grünen Wiesen, auf denen Solarpanels das Licht der Sonne in saubere Energie umwandeln. Ebenso glänzend sind die Zahlen, die der neue Chef von Deutschlands drittgrößtem Stromerzeuger verkündet. Der große Energieversorger aus Baden-Württemberg hat 2023 Milliardengewinne eingefahren. Das bereinigte Ergebnis stieg im siebten Jahr in Folge – um gut 60 Prozent auf 6,37 Milliarden Euro.
Die EnBW ist kein Einzelfall. Deutschlands größte Energiekonzerne ziehen dieser Tage ihre Jahresbilanzen für 2023 – und die sind außergewöhnlich. Die Energiekrise bedeutet für die großen Energieversorger nicht, dass ihre Gewinne schrumpfen. Im Gegenteil: Kraftwerksriese RWE meldet einen bereinigten Gewinn von gut 4,5 Milliarden Euro nach Steuern, 39 Prozent mehr als im Vorjahr. Der große Netzbetreiber und Versorger Eon verbucht knapp 3,1 Milliarden Euro Profit unter dem Strich, ein Anstieg um zwölf Prozent. Sogar Deutschlands größter Gashändler Uniper, den der Bund 2022 noch vor der Pleite retten musste, machte 4,4 Milliarden Euro Gewinn.
Schwäbischer Stromrebell mischt Energiebranche auf
All das passiert in Zeiten, in denen teure Energiekosten Haushalten und Unternehmen in Deutschland zu schaffen machen. Denn auch wenn EnBW-Chef Stamatelopoulos Bezahlbarkeit zu den wichtigsten Zielen der Energieversorgung zählt und bekundet, das Interesse der Verbraucher bei der Energiewende im Blick zu haben, müssen diese schon bald höhere Rechnungen bezahlen. Der Karlsruher Konzern hatte angekündigt, die Strompreise zum 1. April um 15,9 Prozent anzuheben. Stamatelopoulos erklärte das mit gestiegenen Netzentgelten und hohen Beschaffungskosten aus dem Krisenjahr 2022.
Doch ein schwäbischer Stromrebell lässt diese Begründung nicht durchgehen: „Meines Erachtens ist die Preiserhöhung nicht nachvollziehbar, da die Einkaufspreise seit letztem Jahr um etwa 6 Cent gefallen sind“, hält Jungunternehmer Tobias Hirt dagegen. Auch die gestiegenen Netzentgelte würden den Strompreis-Schock nicht rechtfertigen, sagt der 33-jährige Gründer, der in Berlin den Öko-Stromversorger „Fairster“ gegründet hat – und mit seinem Geschäftsmodell die Energiebranche aufmischt.
Fairster ist Deutschlands erster gemeinnütziger Energieversorger
Seit Anfang des Jahres ist das Start-up auf dem Markt und versorgt im ganzen Land inzwischen knapp 1500 Lieferstellen mit Strom. Zu den Kunden gehören neben Privathaushalten auch kleine, mittlere und große Unternehmen. Das Besondere: Der aus dem Landkreis Rottweil stammende Schwabe verdient als Geschäftsführer kein Gehalt. Mehr noch: Seine Firma verzichtet komplett auf Gewinne – und zahlt die Überschüsse aus dem Stromgeschäft stattdessen an die Kunden zurück.
Wie ist das möglich? „Anstatt von einer Energiekrise zu profitieren, liegt unser Fokus darauf, die Bedürfnisse unserer Kunden zu erfüllen“, sagt Energie-Enthusiast Hirt. Seinen Lebensunterhalt verdient der junge Unternehmer mit seinem anderen Start-up: „Meine erste Firma Veneko ist profitabel und sorgt für das Einkommen von meinen Mitarbeitenden und mir“, sagt er.
Tobias Hirt kämpft gegen schwarze Schafe der Branche
Der Legal-Tech-Dienstleister Veneko prüft im Auftrag von Stromkunden Preissteigerungen und Rechnungen auf ihre Rechtmäßigkeit. „Zusätzlich verwalten wir seit 2014 die Energiekosten von 2000 kleinen, mittelständischen und großen Unternehmen und kümmern uns um die Beschaffung“, fügt Hirt hinzu. „ Hieraus kommt auch meine Expertise bezüglich des Energiemarktes.“ Veneko hilft Verbrauchern, sich gegen illegitimes Marktverhalten von Energieversorgern zu wehren. Gegen schwarze Schafe der Branche geht Hirt bis vors Gericht. Für die Kunden entstehen dabei keine Kosten – nur im Erfolgsfall zahlen sie 33 Prozent Provision.
Während sich andere Energieversorger bei ihren Beschaffungskosten wegen ihrer Wettbewerber nicht in die Karten schauen lassen, verspricht Fairster seinen Kunden komplette Transparenz über die Ein- und Verkaufspreise. Lediglich für Verwaltung, Abwicklung, Website-Kosten und Kundenservice berechnet das Unternehmen fünf Prozent Aufschlag auf die Einkaufspreise.
So viel kostet der Strom in Stuttgart
„Unsere Beschaffungsstrategie ist denkbar simpel und hat sich bei der Verwaltung unserer Kunden bei Veneko über Jahre bewährt“, betont Hirt. „Ich halte täglich den Börsenpreis im Blick und beschaffe bei niedrigen Preisen langfristig und überhöhten Preisen kurzfristig falls notwendig.“ Die Energie bekommt er ohne Zwischenhändler direkt bei Ökostromproduzenten wie Windparkbetreibern. Für seine Kunden zahle sich das aus, rechnet Hirt vor. So hätten diese in den Jahren der Energiekrise von 2020 bis 2024 nur etwa ein Drittel der durchschnittlichen Marktpreise für Strom berappen müssen.
Der Strompreis hängt vom Wohnort ab. Im Großraum Stuttgart zahlen Verbraucher bei Fairster aktuell einen Arbeitspreis von 29,96 Cent/kWh, der Grundpreis liegt bei 72,22 Euro im Jahr. Im Vergleich dazu zahlen Bestandskunden der EnBW nach der Preiserhöhung ab dem 1. April satte elf mehr im Arbeitspreis und 136 Euro mehr im Jahr im Grundpreis, berichtet Hirt.
Dass Kunden bei Hirts „Fairster“ aktuell günstig wegkommen, bestätigt auch Verivox. Das Vergleichsportal rechnet vor: In Stuttgart zahlt ein Drei-Personen-Haushalt mit einem jährlichen Stromverbrauch von 4000 Kilowattstunden (kWh) 1270,62 Euro Jahr. Im Vergleich: Im Grundversorgungstarif der EnBW werden 1877,44 Euro fällig.