Baustellen prägen derzeit in und um Ernstmühl das Bild – so wie hier in Bad Liebenzell. Foto: Fritsch

Es ist ein Desaster mit Ankündigung: Gleich zwei Straßensperrungen nehmen das kleine Ernstmühl derzeit kräftig in die Zange. Die Anwohner müssen lange Umwege in Kauf nehmen – besonders wenn sie nach Bad Liebenzell wollen.

Calw-Ernstmühl - "Wohin ich mal sieben Minuten gebraucht habe, brauche ich jetzt 40 Minuten", klagt Sandra Maceira ihr Leid. Sie wohnt in Ernstmühl und muss regelmäßig zur Physio-Therapie nach Bad Liebenzell. Mit dem Auto ist das eine kurze Strecke – eigentlich. Doch seit ­Juni ist die Bundesstraße nach Bad Liebenzell wegen Straßenbauarbeiten gesperrt. Die Straße ist zwar mittlerweile fertig. Freigegeben werden kann die Strecke aber nicht. Denn es wird noch immer an einer Brücke gearbeitet (wir berichteten).

Für die Ernstmühler bedeutete das bisher einen Umweg über Hirsau und Ottenbronn. Doch damit ist nun Schluss. Denn seit dem 23. August wird die Ortsdurchfahrt in Hirsau saniert. Der Weg nach Ottenbronn ist versperrt. Die einzigen verbleibenden Routen führen daher über Althengstett oder Oberreichenbach. Ein Umweg, der mehr als viermal so lange dauert wie die ursprüngliche Strecke.

Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. "Die Kilometerzahlen sind viel mehr. Wer zahlt uns das alles?", fragt Maceira. "Ich komme mir vor wie im Lockdown. Ich fahre wenig raus, weil ich immer diesen Umweg nehmen muss."

Bus nur alle 50 Minuten

Auch in Sachen öffentliche Verkehrsmittel sieht es eher düster aus – und das nicht erst seit der Baustelle. Zwar gibt es in Ernstmühl eine Bushaltestelle, doch der Bus fährt bis auf einige Ausnahmen nur alle 50 Minuten.

Der erste Bus kommt erst um 6.16 Uhr. Und auch abends wird es schwierig. Der letzte Bus nach Bad Liebenzell geht um 15.46 Uhr. Der letzte zurück kommt um 18 Uhr an. Ein riesiges Problem für Maceiras Tochter, die in Pforzheim Früh- und Spätschichten schieben muss. "Der öffentliche Nahverkehr kommt nicht in den Zeiten, wo sie ihn braucht", kritisiert Maceira. Sie selbst könne den Bus auch deshalb nicht nutzen, weil er nicht behindertengerecht sei.

Bleibt noch die Kulturbahn. Doch da sieht es auch nicht besser aus. Denn der Zug fährt zwar durch Ernstmühl – hält dort aber nicht an. "Die Bahn fährt an uns vorbei. Dabei haben wir genug Platz für eine Haltestelle", ärgert sich Maceira. Um einsteigen zu können, müssen die Ernstmühler erst nach Hirsau fahren. Doch da wartet das nächste Problem: "In Hirsau am Bahnhof gibt es nur zwei Parkplätze und die sind befristet", erklärt Maceira. Länger als zwei Stunden dürfe man dort nicht parken.

Doch so leicht lassen sich die Ernstmühler dann doch nicht einkesseln. Denn es gibt einige Schleichwege. So führt eine landwirtschaftliche Straße an der Nagold entlang bis nach Bad Liebenzell. Und auch die alte Umleitung über Ottenbronn ist über einen Waldweg zu erreichen.

Manche Ernstmühler fahren auch direkt über die Baustelle. Die Brücke, an der noch gebaut wird, lasse sich über eine Privatstraße umfahren, verrät Maceira. Für sie selbst seien diese Schleichwege aber keine Option: "Ich traue mich nicht, da die Polizei schon oft dasteht."

Doch offenbar sind nicht nur die Ernstmühler auf den Schleichwegen unterwegs, sondern auch viele Autofahrer aus Calw, wie Maceira beobachtet hat. "Viele wissen nichts von der Baustelle", bedauert sie.

Mit der Straßensperrung in Ernstmühl konfrontiert, suchten dann viele Autofahrer nach alternativen Wegen nach Bad Liebenzell. Ein Autofahrer habe sich sogar schon mit einem Wohnwagen nach Ernstmühl verirrt – ausgerechnet in eine Straße, in der er nur schlecht wenden konnte. "Der hat bei uns geklingelt und nach dem Weg gefragt", erzählt Maceira. Schuld an der Misere sei das Navi gewesen, das den Mann trotz Straßensperrungen nach Ernstmühl geleitet habe.

E-Mail an den OB

Angesichts dieser chaotischen Zustände hat Maceira eine E-Mail an Calws Oberbürgermeister Florian Kling (SPD) geschrieben. Ihre Bitte: Die Stadt solle aus den illegalen Schleichwegen eine offizielle Umleitung machen. Doch Kling musste Maceira enttäuschen. Die Straßen seien nicht breit genug, als dass zwei Autos aneinander vorbeikommen würden. Deshalb könnten sie nicht als Umleitung ausgeschildert werden.

Doch dafür hat Maceira eine einfache Lösung parat: Die Schleichwege könnten als Einbahnstraße ausgeschildert werden – zumindest als Umleitung für die Ernstmühler. Für den einen Weg bräuchte man dann zwar länger als für den anderen – aber dennoch: "Das wäre für uns viel einfacher." Auch schlägt Maceira vor, für die Dauer der Baustelle eine provisorische Bahnhaltestelle in Ernstmühl einzurichten.

Dass bis zum Ende der Sommerferien der erste Bauabschnitt in Hirsau fertig wird und somit die Route über Ottenbronn wieder frei ist, bezweifelt Maceira. Für sie ist klar: "Ich glaube keinem Politiker mehr."