Bahn-Mitarbeiter und Bundespolizisten wurden laut Innenministerium im vergangenen Jahr häufiger Ziel von Straftaten. Auch in der ländlich geprägten Ortenau sahen sich Zugbegleiter, Beamte aber auch Reisende immer wieder Gewalttaten ausgesetzt.
Mit Pfefferspray besprüht, geschlagen oder beleidigt – Zugbegleiter, Bundespolizisten und Bahnreisende werden auch in der Ortenau immer wieder Opfer von Gewalt. Die Recherche ergibt allein für die vergangenen zwölf Monate 15 Mitteilungen der zuständigen Bundespolizei in Offenburg über Straftaten zum Nachteil der Bahn, deren Mitarbeiter, Reisenden oder Polizeibeamten.
Die miteinbezogenen Meldungen umfassen nur Vorfälle innerhalb von Zügen. Hinzu kommen noch solche auf Bahnsteigen oder „gefährliche Eingriffe in den Bahnverkehr“ – wenn etwa mutwillig Gegenstände auf Schienen gelegt werden.
Betroffen sind sowohl Züge der Bahn auf Rheintal- und Kinzigtalbahnstrecke, als auch S-Bahnen der Landesverkehrsgesellschaft SWEG.
Viele Konflikte entzünden sich an der Ticket-Kontrolle
Ein Blick in die Polizeimeldungen zeigt: Häufig eskaliert die Situation, wenn Zugbegleiter Schwarzfahrer erwischen. Die Bahn-Mitarbeiter wurden beleidigt, weggestoßen und bei einem Fall im Dezember in Achern gar mit Pfefferspray besprüht. Mehrfach musste die Polizei in den zurückliegenden Monaten auch eingreifen, wenn Passagiere sich nicht mehr sicher fühlten – etwa wegen pöbelnder, randalierender oder bedrohlich auftretender Fahrgäste. In einem Fall Mitte Dezember versuchte sich ein auf diese Weise aufgefallener Ukrainer dem Zugriff der Beamten mittels eines unvermittelten Kopfstoßes zu entziehen. In drei Fällen kam es 2024 zudem zu „exhibitionistischen Handlungen“.
Polizisten griffen auch mehrfach in Konflikte zwischen Fahrgästen ein. So gerieten Mitte Mai ein französischer und ein tunesischer Staatsangehöriger in einem Nachtzug zwischen Offenburg und Karlsruhe in Streit, wobei Pfefferspray zum Einsatz kam – beide wurden bei einem Nothalt in Rastatt aus dem Zug entfernt.
SWEG-Mitarbeiter erhalten Selbstverteidigungskurse
Ein 24-jähriger Afghane fügte Anfang Oktober einer Person in einem Zug in Appenweier mit einem Faustschlag ins Gesicht eine blutige Wunde zu. Mitte Oktober eskalierte ein Streit zwischen zwei Frauen in einem Zug zwischen Gengenbach und Offenburg. Eine der beiden zog ein Messer, verletzte ihre 44-jährige Kontrahentin und später eine weitere Frau am Arm, bevor sie flüchtete.
„Allgemein lässt sich sagen, dass Angriffe auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Glück selten vorkommen“, erklärt SWEG-Sprecher Christoph Meichsner auf Anfrage unserer Redaktion. Wenn es zu Angriffen komme, seien diese zumeist verbal – „doch auch Rempeleien, Stöße, Pfeffersprayattacken oder sogar Hundebisse sind zu verzeichnen“. Überdurchschnittlich viele Konfliktfälle habe es während der Corona-Pandemie gegeben, als Maskenpflicht bestand.
Übergriffe oder Sachbeschädigungen würden mithilfe von Videoaufnahmen aus den Zügen konsequent verfolgt. Mitarbeiter erhielten in regelmäßigen Abständen Schulungen und Trainings zu Deeskalation und Selbstverteidigung.
Außerdem seien in den Zügen der Ortenauer S-Bahn die Sicherheitsvorkehrungen zum Fahrplanwechsel 2023 nach Absprachen mit dem Land erhöht worden. „Seitdem sind mehr Zugbegleiter in den Zügen unterwegs und zudem Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma“, berichtet Meichsner.
Bahn antwortet auf Anfrage nur allgemein
Die Bahn antwortet auf eine Anfrage zur Rheintal- und Kinzigtalbahn derweil nur ganz allgemein. „Respektlosigkeiten und Angriffe nehmen überall zu, in Parks, auf Straßen und Plätzen genauso, wie in unseren Bahnhöfen und Zügen“, erklärt ein Sprecher gegenüber unserer Redaktion. Die Bahn versuche dem unter anderem damit zu begegnen, dass seit 2024 die „Kundenbetreuer im Nahverkehr“ auf freiwilliger Basis mit sogenannten Bodycams – kleinen am Körper getragenen Kameras – ausgerüstet werden.
Zudem baut das Unternehmen die Videoüberwachung an Bahnhöfen aus, setzt auf „Deeskalationstraining“ für Mitarbeiter und psychologische Betreuung. Nicht erwähnt wird in der Antwort der Bahn derweil der eigene Sicherheitsdienst „DB Sicherheit“, dessen Mitarbeiter in Zügen und auf Bahnhöfen zum Einsatz kommen.
Zahlen des Ministeriums
Bis Ende November wurden bundesweit insgesamt 2824 Straftaten zum Nachteil von Beschäftigten der Bahn und externer Dienstleister registriert. Zwischen 2021 und 2023 waren es im Gesamtjahr jeweils etwa 2650 Straftaten gewesen, bei denen Bahn-Mitarbeiter Geschädigte waren. Beleidigungen werden in dieser Statistik nicht aufgeführt, sondern unter anderem Körperverletzung, Bedrohung und Diebstahl. Zu bedenken gilt es, dass durch die Fußball-EM im Sommer einige Wochen lang besonders viele Menschen mit der Bahn unterwegs waren. In den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres wurden zudem 9705 Straftaten begangen, bei denen Bundespolizisten als Geschädigte in der Polizeilichen Eingangsstatistik der Bundespolizei auftauchen.