Eine Sex-Affäre mit einer Zwölfjährigen und Opfer, die nach Jahrzehnten unter Tränen von den schlimmen Taten berichten: Im Villinger Missbrauchsfall kommen immer mehr erschreckende Details ans Tageslicht.
Wie viele Opfer hat es am Ende tatsächlich gegeben? Diese Frage wird in der Verhandlung gegen einen 68-Jährigen aus Villingen wohl nie umfassend geklärt sein. Deutlich wird beim Landgericht Konstanz aber, mit welchen traumatischen Belastungen die Frauen teilweise noch Jahrzehnte später zu kämpfen haben.
Der geständige 68-Jährige hat sich laut Anklage über Jahre an seiner Enkelin und später an der Enkelin seiner Lebensgefährtin vergangen – über 200-fach. Er ist bereits zweimal wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft.
Die aktuellen, äußerst gründlichen Ermittlungen des Kriminalkommissariats Villingen zeigen: Der 68-Jährige soll wohl seit fast 40 Jahren sexuelle Gewalt an Kindern ausüben – wobei die meisten Taten verjährt sind. Teils in Videovernehmungen oder bei Gericht berichten die Frauen, zeitweise unter Tränen, von den zurückliegenden Übergriffen.
Der erste dokumentierte Missbrauch geht demnach auf das Jahr 1986 zurück und geschah im familiären Umfeld der ersten Frau des Angeklagten. „Er hat mir öfter in den Schritt gegriffen“, sagt die Frau, die damals etwa elf Jahre alt war. Bei jeder Gelegenheit habe sie der damals 29-Jährige angefasst – sei es, wenn sie auf seinem Schoß saß oder während dem Autofahren. In einem Fall kam es laut ihrer Aussage sogar zum sexuellen Missbrauch.
Zwei Cousinen gehören zu den Opfern
Als Mädchen habe sie damals ihrer Mutter von den Übergriffen erzählt, die es wiederum der damaligen Frau des Angeklagten berichtete. „Aber darüber ist nicht geredet worden“, erzählt das Opfer und ergänzt: „Ich finde es schlimm, dass es so weiter gegangen ist.“ Die Taten seien „prägend für das Leben“ gewesen.
Auch ihre Cousine (heute 45) berichtet von Missbrauch im Kindesalter. Die Mutter habe aus Angst vor dem Ehemann geschwiegen. In der Familie seien die Taten „lange ein Tabuthema“ gewesen. Bis heute leidet die Frau.
Umfeld reagierte ein ums andere Mal nicht
Nächstes Opfer: eine damalige Freundin der jüngsten Tochter des Angeklagten. Die mittlerweile 21-Jährige erzählt in einer Videovernehmung von einem sexuellen Übergriff als sie zwölf Jahre alt war. Als die Tochter des Angeklagten und sie sich auf Matratzen im Wohnzimmer schlafen gelegt hätten, „hat er sich neben mich gelegt und mich angefangen zu streicheln“. Sie sei unter Schock wie erstarrt gewesen: „Ich habe so getan, als wenn ich schliefe und gehofft, er hört dann auf.“
Und das Umfeld? Es reagiert ihren Angaben zufolge nicht. Ihr Vater habe sie nicht ernst genommen, und die Tochter des Angeklagten glaubte ihr nicht. Dabei hatte bereits eine weitere Freundin einen sexuellen Übergriff angezeigt, während sie bei den nächtlichen Taten an der Enkelin des Angeklagten in nächster Nähe war.
Als 53-Jähriger mit Mädchen geschlafen
Eine heute 27-Jährige – gleichzeitig die Mutter des letztbekannten Opfers, das 2024 in Unterkirnach mehrfach missbraucht wurde – gibt einen sexuellen Übergriff im Sommer 2018 zu Protokoll. Der Angeklagte habe ihr in die Hose gefasst und dann versucht, sie zu missbrauchen. Warum sie in der Folge dennoch ihre Tochter zu dem 68-Jährigen ließ, blieb allerdings offen.
Bezeichnend für das offenbar manipulative Wesen des Angeklagten ist ein durchaus verstörender Fall einer heute ebenfalls 27-Jährigen. Den Angeklagten habe sie auf den Fahrten von der Schule als Aushilfsbusfahrer kennengelernt, im Alter von zwölf Jahren (damals war der Angeklagte 53 Jahre alt) sei es zum Sex mit ihm gekommen. Der Richter fragt im Gerichtssaal: „Einvernehmlich?“ – Antwort: „Ja schon – ich habe es halt mitgemacht.“
Mehrere Jahre ging dieses ungleiche und zugleich strafbare sexuelle Verhältnis, bei dem teilweise auch die Kinder des Angeklagten im Haus gewesen sein sollen. Ein im Jahr 2012 eröffnetes Strafverfahren in dieser Sache verlief im Sande. Wieder einmal kam der 68-Jährige ungeschoren davon.