Mit dem „Weiler Modell“ ist ein ganz besonderes Modell der Fachkräftegewinnung gestartet. Weitere Kommunen und Träger machen mit.
Wenn alles klappt, sollen 2027 Fachkräfte aus Indien ihre Ausbildung zum Erzieher beginnen. Dem voraus geht ein intensives Training in Sprache und Kultur und ein neunmonatiges Vorpraktikum mit weiteren Sprachkursen.
Das „Weiler Modell“ der Fachkräftegewinnung für den Erzieherberuf wurde im Weiler Rathaus auf Initiative von Oberbürgermeisterin Diana Stöcker ausgearbeitet. Impulsgeber für das Projekt ist der Weiler Metzgermeister Jogi Lederer. Er hat deutschlandweit Aufsehen erregt mit seiner Initiative, Fachkräfte aus Indien als Nachwuchs für das Metzgerhandwerk zu gewinnen. Die ersten zwölf haben vor 14 Tagen ihre Gesellenprüfung abgelegt.
Mit im Boot ist das Freiburger Unternehmen „India Works“ und die indische Personal-Recruiting-Agentur „Magic Billion“. Elf junge Inderinnen zwischen 20 und 30 Jahren werden im kommenden Jahr in die Region kommen, um in Kindergärten in städtischer Trägerschaft in Weil am Rhein (3), Grenzach-Wyhlen (2), Binzen (2) und Eimeldingen, oder bei der evangelischen Kirche (3) die dreijährige Ausbildung zur Erzieherin zu durchlaufen. Sie alle haben einen Highschool-Abschluss und eine Vorbildung im pädagogischen Bereich vorzuweisen.
Eine große Runde aller Beteiligten fand sich am Mittwoch im Weiler Kindergarten „Haus der kleinen Stühle“ ein, um die Initiative vorzustellen. Angesichts des Erziehermangels hierzulande überrascht es, zu hören, dass Aditi Banerjee, Geschäftsführerin von „Magic Billion“, mit bis zu hundert qualifizierten Bewerbern für jeden der Ausbildungsplätze rechnet. Rund 2000 Euro müssen diese aufbringen, um den Weg nach Deutschland antreten zu können. Die absolvierte B1-Sprachprüfung ist Pflicht.
Die Kandidatinnen müssten außerdem besondere Voraussetzungen erfüllen, erläutert Handirk von Ungern-Sternberg, Gründer und Geschäftsführer von „India Works“. In der Kindererziehung würden die Ansprüche, etwa an die Persönlichkeit oder die Sprachkenntnisse, besonders hoch angesetzt. Neben einem hohen Niveau der deutschen Sprache – B 2 bei Ausbildungsbeginn – sei eine zur Aufgabe passende Vorbildung Pflicht.
„Wir müssen auf die Akzeptanz in der Gesellschaft achten“, unterstreicht Ungern-Sternberg, der wie Stöcker darauf setzt, dass sich das „Weiler Modell“ zum Vorbild für andere Kommunen und Träger entwickeln wird. Schließlich fehlten bundesweit um die 30 000 bis 40 000 Erzieher.
Für die teilnehmenden Kommunen und Träger werden für das Auswahlverfahren in Indien, die Vorbereitung dort und die Einreise nach Deutschland 5000 Euro pro Auszubildendem fällig. Im Praktikumsjahr übernehmen die Träger die Kosten für eine Unterkunft in einer Wohngemeinschaft.
„Ungewohnte Wege der Nachwuchsgewinnung“
Auch wenn die Kita-Situation in Grenzach-Wyhlen nicht schlecht sei, mache man mit, so Marlen Geheeb, Fachbereichsleiterin Familie, Bildung und Soziales. Seit jeher schlage man dort ungewohnte Wege der Nachwuchsgewinnung ein, sei es mit Quereinsteigern oder Menschen aus anderen Ländern.
Andreas Schneucker, Bürgermeister von Binzen und Vorsitzender des Gemeindeverwaltungsverbands Vorderes Kandertal, geht es neben der Nachwuchsgewinnung auch um das Thema legale Migration und Arbeitsvermittlung. „Das ist genau der Weg, den wir gehen wollen“, sagt Schneucker mit Blick auf die Migrationspolitik der aktuellen Bundesregierung.
Die Frage: Was passiert, wenn die Erzieher nach der Ausbildung nicht bei uns bleiben?, steht bei den Entscheidungsträgern nicht an erster Stelle. „Dann haben wir eben geholfen, den Fachkräftemangel zu lindern“, sagt Schneucker. „Es geht darum, Druck vom Kessel zu nehmen“, sekundiert ihm Stöcker.
Mit 46 Kindertagesstätten ist das Evangelische Verwaltungs- und Serviceamt (VSA) der Kirchenbezirke Markgräflerland und Hochrhein der größte beteiligte Träger. Geschäftsführerin Claudia Greiner unterstützt den Ansatz, junge Leute aus dem Ausland für eine Erzieher-Ausbildung zu gewinnen. „Wir dürfen nicht immer nur jammern, wir müssen mutig sein und etwas tun“, sagt sie.
Mit im Boot ist auch Friederike Mehl, Leiterin der Abteilung Sozialpädagogik und Pflege der Mathilde-Planck-Schule in Lörrach, wo der schulische Teil der praxisintegrierten Ausbildung (PIA) angesiedelt ist. Dort seien noch Kapazitäten frei, betont sie. Es bedürfe aber weiterer Träger, die PIA-Verträge abschließen. Mehls Vorgängerin Gabriele Marx, eigentlich schon im Ruhestand, übernimmt die sozialpädagogische Begleitung der indischen Auszubildenden.
Für die Ausbildung braucht es erfahrene Teams
Das Thema einer guten Anleitung, aber auch einer Willkommenskultur für die Auszubildenden aus Übersee spricht Sandra Trefzer, Leiterin des „Hauses der kleinen Stühle“ an. Sie habe in ihrem großen Team viele erfahrene Mitarbeiterinnen, welche neu Hinzugekommene gut anleiten könnten. Dies sei aufwändig, könne aber in einem großen Team aufgefangen werden, wenn alle mitziehen. Denn: „Das muss von allen mitgetragen werden, damit es für die Ankommenden auch ein Willkommen wird.“