Das Handwerk hat es derzeit nicht leicht. Auch im Kreis Rottweil werden immer Fachkräfte gesucht. (Symbolfoto) Foto: MIND AND I - stock.adobe.com

Geschäftsführer gehen in Rente, Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt – das Handwerk steht vor Herausforderungen. Ist die Lage auch im Kreis Rottweil so akut?

Freie Ausbildungsstellen und auch offene Stellen sind keine Neuheiten auf dem Arbeitsmarkt. Erst vor Kurzem berichtete auch der Branchenverband ZDH, dass im Handwerk etwa 200 000 Fachkräfte fehlen. Außerdem sollen etwa 60 000 Stellen im Laufe des Jahres vor allem altersbedingt wegfallen. Die Zahl der Insolvenzen ist zudem so hoch wie die letzten zehn Jahre nicht mehr, berichtet die Deutsche Presseagentur. Hohe Kosten und schwache Nachfrage setzten vielen Betrieben zu. Betrifft dies auch den Kreis Rottweil?

 

Im Kreis Rottweil gibt es rund 2100 Handwerksbetriebe mit etwa 11 000 Beschäftigten und 580 Auszubildenden, zeigt Petra Schlitt-Kuhnt von der Handwerkskammer Konstanz auf Nachfrage unserer Redaktion auf. Flächendeckend seien Fachkräfte im Handwerk gesucht. Nicht nur im Bereich Digitalisierung und KI, auch für die Herausforderungen der Energiewende, die Modernisierung von Gebäuden und Verkehrsinfrastruktur werde Handwerk gebraucht, sagt die Sprecherin der Handwerkskammer.

Etwa 1,9 Arbeitssuchende auf eine Stelle

Laut einer Engpassanalyse der Arbeitsagentur können in den Berufsgruppen Sanitär-Heizungs- und Klimatechnik, Elektriker, Mechatroniker, Metzger, Klempner, Augenoptiker, Hörakustiker und Straßenbauer nicht so schnell geeignete Fachkräfte gefunden werden. Das decke etwa die Berufsgruppen, die über die Online-Ausbildungsplatzbörse der Handwerkskammer offene Stellen eintragen, bestätigt Schlitt-Kuhnt.

In der jüngsten Umfrage der Kammer unter den Betrieben kamen im September 2025 im Handwerk 1,9 Arbeitssuchende auf eine offene Stelle. Im Vorjahr waren es nur 1,7 Arbeitssuchende auf eine offene Stelle. Es sei also leichter geworden Stellen zu besetzen, resümiert die Sprecherin.

Die Ausbildungsstatistik zeige stabile Zahlen für den Landkreis Rottweil: Jährlich starten zwischen 220 und 260 junge Menschen eine Ausbildung im Handwerk – 2025 waren es 233.

Über die Hälfte der Betriebsinhaber über 55 Jahre

Ein größeres Problem stellen die altersbedingten Ausfälle dar. Rund ein Drittel der Betriebsinhaber sei 60 Jahre und älter, rund die Hälfte sei mehr als 55 Jahre alt, berichtet Schlitt-Kuhnt. Das bedeute, dass in den kommenden Jahren zahlreiche Unternehmen übergeben würden. „Die Suche nach geeigneten Übernehmern gestaltet sich allerdings immer schwieriger“, sagt sie. Die Handwerkskammer unterstütze deshalb mit dem Landesförderprojekt „Next Generation Handwerk“ potenzielle Übernehmer durch mehr Beratung und indem man Partner zusammenbringe. Außerdem setze sich die Handwerkskammer für eine breitgefächerte Berufsorientierung an allen Schulen ein, die das Handwerk im Fokus haben. „Erfreulicherweise ist das Ansehen des Handwerks gestiegen“, freut sich Petra Schlitt-Kuhnt.

Doch sagen das die Betriebe vor Ort auch? Rainer Keller, Geschäftsführer des gleichnamigen Holzbauunternehmens, sieht die Situation kritischer. Viele Bauherren seien in Kurzarbeit oder in einem Insolvenzverfahren. Zu hohe Bauzinsen und auch die allgemeinen Preissteigerungen würden den Unternehmen zu schaffen machen. „Der Normalbürger und Normalverdiener kann sich das schlichtweg nicht mehr leisten“, sagt er.

Erfahrene Altgesellen fehlten

Fachkräftemangel gebe es eigentlich immer. Gute Fachkräfte würden auf Grund von Weiterbildungen, Aufstieg oder Studium meist nicht allzu lange bleiben. Es fehle an erfahrenen Altgesellen, da die Arbeit körperlich sehr anstrengend sei und viele sich einen weniger beanspruchenden Job, beispielsweise bei einem Bauhof oder als Fahrer, suchen würden, so Keller. „Ich selbst kenne keinen einzigen Zimmerer, der es im Beruf bis zur Regelaltersgrenze geschafft hat, um in Rente zu gehen.“ Er vermutet daher, dass es in den kommenden Jahren nicht mehr altersbedingte Ausfälle gebe als ohnehin schon.

Immerhin bessere sich die Nachfrage nach Ausbildungsstellen. Lange Jahre sei die Situation „sehr bescheiden“ gewesen. Nun hätten sie wieder einen Azubi im ersten Lehrjahr und einen Bewerber für das kommende Ausbildungsjahr, der im September starte, erzählt Keller.