EZB-Zentrale in Frankfurt am Main Foto: dpa/Boris Roessler

Regierungskrisen in Deutschland und Frankreich, Zolldrohungen aus den USA: Die EZB muss inmitten politischer Unsicherheiten ihren geldpolitischen Kurs abstecken.

Im Juni leitete die Europäische Zentralbank (EZB) die geldpolitische Wende ein – dreimal senkten die Währungshüter die Leitzinsen seitdem. An diesem Donnerstag dürften sie ihre Geldpolitik zum vierten Mal lockern. Die Inflation ist inzwischen wieder weitgehend unter Kontrolle und die schwache Konjunktur kann Anschub gebrauchen.

 

Vereinzelte Spekulationen auf XL-Zinssenkung

Die meisten Ökonomen rechnen mit einer Zinssenkung um einen Viertelprozentpunkt. Damit würde der derzeit als zentraler Leitzins geltende Einlagensatz für überschüssige Mittel, die Banken bei der EZB parken, von 3,25 Prozent auf 3,00 Prozent fallen.

Vereinzelt spekulieren Händler sogar auf eine XL-Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt. Entscheidend dafür sind gesunkene Inflationserwartungen. So signalisierte ein wichtiger Indikator zuletzt, dass Investoren erstmals seit Langem wieder die Wahrscheinlichkeit sehen, dass die Teuerungsrate in den kommenden Jahren unter dem EZB-Zielwert von zwei Prozent liegen könnte.

„Größerer Schritt würde den Markt überraschen“

Angesichts des mauen Wirtschaftsausblicks und zunehmender Risiken durch Protektionismus und Zolldrohungen des designierten US-Präsidenten Donald Trump dürften die Notenbanker um EZB-Chefin Christine Lagarde größere Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur diskutieren. Vorerst deutet aber wenig auf eine Abkehr vom Kurs kleiner und vorsichtiger Zinssenkungen hin.

„Ein größerer Schritt würde den Markt überraschen, was nicht zum Selbstverständnis der EZB passt“, erklärt Experte Michael Herzum von der Fondsgesellschaft Union Investment. Es bestehe auch kein Grund zur Eile, – zumindest noch nicht. „Sollte sich das Wachstum stärker abschwächen und droht die Inflation deutlicher unter die Zielmarke von zwei Prozent zu rutschen, dürfte ein Senkungsschritt über einen halben Prozentpunkt im ersten Quartal 2025 folgen.“ Besonders aus den USA drohe Gegenwind, warnt Herzum. „Die von Donald Trump und seiner Politik ausgehende Verunsicherung trübt die Wachstumsaussichten Europas.“

Sorgen um Frankreich

Allerdings gibt es in Europa auch genug eigene Probleme, die der EZB das Leben schwer machen. Mit Deutschland und Frankreich sind die größten Volkswirtschaften im Währungsraum durch Regierungskrisen gelähmt. Angesichts hoher französischer Staatsschulden stieg die Nervosität am Anleihemarkt bereits. Auch wenn die aktuelle Lage nicht mit der Eurokrise von 2012 vergleichbar ist, dürfte Christine Lagarde gefragt werden, ob die Notenbank Frankreich notfalls am Anleihemarkt zur Hilfe zur Seite springt.

Mit Spannung erwarten Anleger zudem die aktualisierten Wirtschaftsprojektionen der EZB-Ökonomen. Diese Daten können wichtige Hinweise auf die Zinsentwicklung im kommenden Jahr liefern. „Wir erwarten, dass die EZB ihre Wachstums- und Inflationsprognosen nach unten revidiert“, schreiben die Analysten Hugo Le Damany und François Cabau vom Vermögensverwalter Axa Investment Managers. Es sei deshalb gut möglich, dass die Europäische Zentralbank 2025 auf eine expansivere Geldpolitik umsteuern müsse.