Reinhard Karl auf dem Gipfel des Mount Everest Foto: Reinhard Karl

Der Heidelberger Bergsteiger Reinhard Karl war der erste Deutsche auf dem Gipfel des Mount Everest. 1982 starb er in einer Eislawine.

Heidelberg - Statt meiner Reise zum Licht und zum totalen Glück ist die totale Leere in meinen Kopf gekommen. Ein Horrortrip.“ Reinhard Karl wird diese Sätze für sein erstes Buch „Zeit zum Atmen“ niederschreiben. Sie sollen eine Ahnung davon vermitteln, in welchem Zustand er sich kurz vor Erreichen des Südgipfels auf 8710 Metern Höhe befand. Für alle, die sich noch nie in der sogenannten Todeszone bewegt haben, bleibt es unvorstellbar.

 

An der Seite des 31-jährigen Heidelbergers ist der Bergsteiger und Arzt Oswald Oelz, genannt Bulle. Eigentlich nimmt Karl an der österreichischen Expedition im Frühjahr 1978 nur als Fotograf teil, als „fünftes Rad am Wagen“, wie Oelz rückblickend erzählt. Jetzt steht Reinhard Karl kurz vor dem Gipfel des Mount Everest. Er wird der erste Deutsche sein, der den höchsten Berg der Welt erreicht.

Als die beiden Bergsteiger den Südgipfel hinter sich lassen, lösen sich die Wolken auf. Der Firngrat, der vor den Männern liegt, die als eines von mehreren Teams der Expedition nur zu zweit den Everest in Angriff genommen haben, ist stark überwechtet. Bis dahin ist es Karl, der mühsam die Spur durch den hohen Schnee gelegt hat. Doch er hat Probleme mit der Sauerstoffflasche und fällt auf den letzten Metern zurück.

Arm in Arm zum Gipfel

„Ich bewege mich plötzlich langsam wie eine Schnecke“, erinnert Karl sich später. Der Bergsteiger saugt mit aller Kraft nach Luft, doch es kommt zu wenig Sauerstoff in seinen Lungen an. Dann, wenige Meter vor dem Ziel, wartet der etwas ältere Österreicher Oelz auf den Deutschen. Oelz, der heute als Schweizer Staatsbürger in der Nähe von Zürich lebt, wird in die alpine Geschichte als der dritte Mensch eingehen, der die sogenannten Seven Summits, die höchsten Gipfel der sieben Kontinente bestiegen hat. „Geh du zuerst. Du hast fast alles gespurt“, bietet der Österreicher ihm an. Doch die beiden Alpinisten, die sich noch zu Anfang der dreimonatigen Expedition nicht grün waren, gehen die letzten Schritte „Arm in Arm“, wie Karl notiert.

Es ist der 11. Mai 1978, gegen zwölf Uhr mittags. Oswald Oelz und Reinhard Karl haben in der damals sagenhaft kurzen Zeit von sechs Stunden die letzte Etappe zwischen Lager vier auf dem Süd-Col des Mount Everest und dem Gipfel auf 8848 Metern Höhe bewältigt. „Ich bin glücklich, weil der Gipfel das Ende des qualvollen Steigens beinhaltet“, beschreibt Karl seine Gefühle auf dem höchsten Punkt der Erde. „Der Gipfel bedeutet, keinen Schritt mehr nach oben tun zu müssen.“

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Es sind Worte der Erschöpfung, nicht der Euphorie. Aus Nepal aufgestiegen, blicken Karl und Oelz hinunter nach Tibet, machen Gipfelfotos. Vielleicht vergiftet bereits in diesem Moment die Traurigkeit, die sich einstellt, wenn ein scheinbar unerreichbares Ziel nach unendlichen Mühen endlich erreicht ist, Karls Gefühle des Triumphes: „Ich ahne, dass auch der Everest nur ein Vorgipfel ist“, schreibt er voller tief empfundener Selbstzweifel über diesen Augenblick. „Den wirklichen Gipfel werde ich nie erreichen.“

Ehemalige Automechaniker und 68er-Student

Reinhold Messner, der mit Peter Habeler drei Tage zuvor im Rahmen derselben Expedition als erster Mensch ohne künstlichen Sauerstoff auf den Mount Everest gestiegen war, soll über den Bergsteiger, Fotografen und Schriftsteller Reinhard Karl gesagt haben, dass er mit das Beste geschrieben hat, was über das Bergsteigen zu Papier gebracht wurde. Hinter Messners und Habelers Leistung, die durch die Weltpresse geht, wird die deutsche Erstbesteigung des Sagarmatha, wie der Mount Everest auf Nepalesisch heißt, dennoch in der Öffentlichkeit fast untergehen.

Karl, der ehemalige Automechaniker und 68er-Student, der den Ruf hat, ein Revoluzzer zu sein, gilt zu dieser Zeit schon als herausragender Bergfotograf. Sein höchster Gipfel, den er bis dato auf dem Konto hat, ist freilich lediglich der Mont Blanc, knapp 4000 Meter niedriger als der Everest. Dass er ein herausragender Kletterer ist, ist in der Szene bekannt: Ein Jahr zuvor, 1977, hat er mit dem in Nördlingen geborenen Bergsteiger Helmut Kiene in den sogenannten Pumprissen im Wilden Kaiser die erste Kletterroute in den Alpen bezwungen, die mit dem Schwierigkeitsgrad 7 bewertet ist.

Innerhalb der Everest-Expedition, die der Österreicher Wolfgang Nairz leitet, ist Karl als einziger Deutscher neben den österreichischen Bergsteigern und dem Südtiroler Reinhold Messner zunächst ein Außenseiter. „Er hat es am Anfang nicht leicht gehabt als Deutscher, als Piefke, bei uns zu bestehen“, erinnert sich Nairz im Dokumentarfilm „Wirklich oben bist du nie“. Den Bergfilm über das Leben Reinhard Karls hat der Alpinist Harald Weiß erst im Laufe des vergangenen Jahres gedreht. Familienmitglieder von Karl kommen darin zu Wort, seine Schwestern, seine Frau Eva Altmeier, alte Freunde aus Heidelberg sowie viele Bergsteiger, mit denen Karl zwischen Patagonien und dem Himalaya unterwegs war. Die Deutschen Alpenvereinssektionen Schwaben und Stuttgart werden den Film zur Erinnerung an Reinhard Karl am 21. November in einer Sondervorführung im Stuttgarter Lichtspielhaus Atelier am Bollwerk zeigen.

Eine große Chance

Dass der Heidelberger überhaupt an der österreichischen Expedition teilnehmen durfte, so erfährt man aus der Dokumentation, war mutmaßlich Reinhold Messner zu verdanken. Der weltbekannte Alpinist hatte der deutschen Illustrierten „Bunte“, die von der Expedition berichten wollte, Karl als exklusiven Bergfotografen empfohlen. Dass die Zeitschrift die Expedition in diesem Fall finanziell unterstützte, eröffnete dem jungen Heidelberger schließlich den Weg auf das Dach der Welt. „Ich habe sofort gesagt, wenn das Glück es positiv mit uns meint, dann wird er auch den Gipfel erreichen“, sagt Messner über Karl im Gespräch mit dem Filmemacher.

Doch es gab wohl auch noch einen zweiten Grund, weshalb Messner den Deutschen bei der Expedition am höchsten Berg der Erde dabeihaben wollte: Denn der Südtiroler wollte mithilfe des baden-württembergischen Bergsteigers 1978 auch seinem Intimfeind, dem deutschen Expeditionsleiter Karl Herligkoffer, die „Trophäe“ des ersten Deutschen auf dem Mount Everest direkt vor der Nase wegschnappen: Herligkoffer plante, noch im Herbst desselben Jahres eine Gruppe von deutschen Bergsteigern auf den höchsten Punkt der Erde zu führen. Tatsächlich gelang es bei dieser Expedition dann auch drei deutschen Alpinisten, den Gipfel zu besteigen, darunter Hans Engl ohne Zuhilfenahme von Sauerstoffflaschen. Dass Messner damals die Hoffnung hatte, Karl würde im Rahmen der Nairz-Expedition schon im Frühjahr desselben Jahres den Everestgipfel erreichen, gibt der Südtiroler in Weiß‘ Bergfilm offen zu: Herligkoffer habe sich das „nicht verdient“, sagt er. Der deutsche Expeditionsleiter Herligkoffer hatte 1970 die inzwischen legendäre Besteigung des 8125 Meter hohen Nanga Parbat organisiert, bei der Messners Bruder Günther ums Leben kam und in deren Folge mehrere Prozesse geführt wurden.

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Zwei Jahre nach der Everest-Besteigung schickt Karl sein erstes Buch „Erlebnis Berg: Zeit zum Atmen“, das heute, über 40 Jahre nach seinem Erscheinen, längst vergriffen ist und zu den Klassikern der Bergliteratur gehört, mit einer Widmung an Oswald Oelz. Er bringt darin seinen Wunsch zum Ausdruck, dass beide, Oelz und Karl, noch einmal gemeinsam einen Berg besteigen.

Schicksalhafte Entscheidung

Was 1982 dann auch geschieht. Reinhard Karl erreicht eine Einladung, an einer Expedition auf den Cho Oyu teilzunehmen. Der Berg auf der Grenze von Nepal zu Tibet ist mit einer aktuell vermessenen Höhe von 8188 Metern der sechsthöchste der Welt. „Reinhard hatte damals auch ein Angebot, als Fotograf mit dem Forschungsschiff Polarstern in die Antarktis zu fahren“, erzählt Karls damalige Frau, Eva Altmeier. „Er hat sich für den Cho Oyu entschieden.“ Ihre Geste, die sie bei diesen Worten macht, bringt die ganze Schicksalhaftigkeit dieser Entscheidung zum Ausdruck.

Neben Oelz und Karl sind der Bergsteiger Rudolf Mayr und erneut auch Wolfgang Nairz an der Besteigung im April und Mai 1982 beteiligt. Oelz muss bald mit einem lebensgefährlichen Hirnödem ausgeflogen werden, Mayr bricht wegen Zahnschmerzen die Expedition ab. Die Bergsteiger sind bereits über einen Monat lang vor Ort und Erkunden das Terrain, pendeln zwischen Basislager und Lager 2 auf rund 6700 Metern Höhe hin und her. Es gilt, eine Schönwetterphase abzuwarten, die sich nicht einstellen will.

Dann, am 19. Mai, etwa um fünf Uhr morgens, so berichtet Nairz, der mit Reinhard Karl in Lager 2 im Zelt liegt, ist Karl gerade mit Teekochen beschäftigt, als sich eine Eislawine löst. Es sei ein Donnern zu hören gewesen, erinnert sich Nairz. Kurz darauf wird das Zelt unter den Eisbrocken begraben. Nairz ist schwer am Bein verletzt. Für Reinhard Karl kommt jede Rettung zu spät. Der erste Deutsche, der den Mount Everest bezwungen hat und der Zeit seines Lebens über Sinn und Unsinn des Extrembergsteigens nachgedacht hat, wird von den Eisbrocken erschlagen.

Erinnerung an den Bergsteiger-Philosophen

Heute steht in Sichtweite des Cho Oyu bei Gokyo in Nepal eine kleine Gedenk-Chörte, die an Reinhard Karl erinnert, der einst am Battert bei Baden-Baden das Klettern erlernt hat. Eine Tafel trägt als Inschrift ein Zitat des Bergsteigers: „Wirklich oben bist du nie“ , ist dort zu lesen. „Trotzdem bin ich bei meinem Umweg über die Berge viel weiter gekommen, als wenn ich den flachen Pfaden gefolgt wäre.“

Jetzt, am 3. November 2021, wäre Reinhard Karl 75 Jahre alt geworden.