Extravaganter Stuttgarter Mehr als 100 Schönheits-OPs – „Ich hätte gerne die größten Lippen der Welt“
Stefan Streubel aus Stuttgart will möglichst künstlich aussehen. Dafür lässt er sich regelmäßig operieren. Ist es die Risiken, den Hass und die Einsamkeit wert?
Stefan Streubel ließ sich den Magen verkleinern und Fett an Wangen und am Doppelkinn absaugen. Er ließ die Augen liften, die Zähne richten, die Haare transplantieren. Der Stuttgarter zählt seine Eingriffe auf, wie andere eine Einkaufsliste vorlesen: beiläufig, routiniert. Mehr als 100 Mal hat er sich aufspritzen und operieren lassen – bis zur Verwandlung: Aus dem Mann mit glatter Haut und dunklem Haar wurde der heutige Stefan Streubel: bunt, schrill, künstlich.
80.000 bis 90.000 Euro hat Stefan Streubel, 32 Jahre alt, nach eigener Schätzung für die Schönheitseingriffe ausgegeben. Er verdiene gut, sagt er. Streubel arbeitet bei einem großen Stuttgarter Unternehmen. Aber den Großteil der OPs finanziere er aus dem Erbe seines Opas.
Er hat sich die Lippen auch schon selbst aufgespritzt
Unter den Eingriffen waren einige größere unter Vollnarkose. Der Großteil waren sogenannte Filler aus Botox oder Hyaluronsäure. Sie werden unter die Haut gespritzt, machen sie glatter, die Lippen voller. Bei ihm eben Dutzende Male. Und jedes Mal ein Risiko, dass ein Blutgefäß verschlossen wird, ein Stückchen Gewebe abstirbt. Seine OP-Wünsche sind so extrem, dass er oft keine Chirurgin, keinen Chirurgen dafür findet. Auf dem Singlemarkt hat er es schwer. Online kriegt er Hasskommentare ab. Warum macht er trotzdem weiter?
Streubel war in verschiedensten TV-Formaten auf RTL, bei Stern TV und im ZDF, er trat in der US-amerikanischen Reality-TV-Serie „Verpfuscht – ein Fall für die Beauty Docs“ auf. Ihm wird auch vorgeworfen, das alles nur für die Öffentlichkeit zu machen. „Ich würde ohne genauso weitermachen“, sagt er dann. Und: „Ich mache das halt für mich.“ Aber was ist sein Ziel?
Der Wunsch nach den größten Lippen der Welt
„Ich möchte möglichst künstlich aussehen“, sagt Streubel. Und: „Ich hätte gerne die größten Lippen der Welt.“ Hinter den OPs stehe kein Leidensdruck, er habe sich vorher nicht hässlich gefunden. „Es ist einfach so, dass es mir ästhetisch gefällt“, sagt Streubel.
Man kann in Stefan Streubels Jugend nach Erklärungen suchen. In der Schulzeit in einem bayerischen Dorf sei er gemobbt worden, sagt Streubel. Er hing viel mit Mädchen ab. Er ist schwul. Ein leichtes Opfer. Schon mit 14 träumt er von einer Nasen-OP, er liebt Trash-TV-Sendungen, findet vielfach operierte Menschen toll: Michael Jackson, Jocelyn Wildenstein. „Vielleicht wollte ich bewundert werden, wie andere bewundert werden“, sagt Streubel. Heute meint er: Vielleicht will er einfach provozieren.
„Früher sahst du besser aus“, ist so ein Satz, den er vor allem von Frauen immer wieder höre. Aber es gehe ihm eben nicht darum, anderen zuzusagen. „Mir gefällt es besser so“, sagt er.
Schönheits-OPs – für ihn ein Hobby, eine Bereicherung
„Ich habe viele Vermutungen, was dahinter steckt, ich müsste mal zum Psychologen gehen“, sagt er – halbironisch. Gleichzeitig seien die Eingriffe, das Tüfteln an seinem Aussehen, eine Bereicherung, ein Hobby. Er mache das einfach gern. Und deswegen will er nicht zum Psychologen gehen. Warum sich das Hobby und den Spaß durch eine Diagnose ausreden lassen?
„Ich sehe mich als Kunstwerk“, sagt er. Die Bildhauer seien die Chirurgen, aber die Ideen kämen von ihm. Ein Ideal, ein Vorbild? Er nennt etwa Harald Glööckler und Jessica Alves – auch bekannt als menschliche Barbie – als Menschen, deren Weg an Schönheitsoperationen er bewundere. Nacheifern wolle er ihnen nicht, er will sein eigenes Kunstwerk schaffen.
„Da schrillen bei Chirurgen alle Alarmglocken“
Dass Klienten ihren Körper und ihr Gesicht als Kunstwerk begreifen, ist auch bei Schönheitschirurgen und -chirurginnen nicht alltäglich. Alexander Schönborn, Präsident der Vereinigung der deutschen ästhetisch-plastischen Chirurgen (VDÄPC), sagt: „Solche Anfragen sind die absolute Ausnahme.“ Meist störe die Menschen eine konkrete Sache – hängende Augenlider, Fett am Bauch, solche Dinge. Er suche dann einen Weg, um den Wunsch mit überschaubarem Risiko zu erfüllen.
Als wir Schönborn die Eingriffe von Stefan Streubel schildern, spricht er von Beliebigkeit. Aus der Kombination an Eingriffen könne er auf kein klares Ziel schließen. „Da würden bei unseren Chirurgen alle Alarmglocken schrillen“, sagt er. Für ihn sei wichtig, den zugrunde liegenden ästhetischen Wunsch zu verstehen. „Natürlichkeit ist eine der wichtigsten Kriterien überhaupt, die wir bei der Planung einer OP haben“, sagt er außerdem. Würde sich Stefan Streubel bei ihm mit einem Wunsch nach noch größeren Lippen und künstlicherem Aussehen melden, würde er ihn wohl ablehnen, sagt Schönborn.
Er riskiert auch mal eine absterbende Lippe
Genau das erlebt Streubel immer wieder. Nicht alle wollen seine vollen Lippen weiter aufspritzen, wie einen Ballon, der kurz vorm Platzen steht. Dann sucht er sich schnell jemand anderen. Man kann erahnen, dass er schon ein paar Ärzte verschlissen hat. „Es gab schon ein paar Konfliktsituationen“, sagt er. Früher hat er seine Lippen auch mal selbst aufgespritzt – ein Vorgang, bei dem man schnell in der Notaufnahme landen kann. Aber auch professionelle Eingriffe sind nicht ohne Risiko.
Stefan Streubel kann aus dem Stegreif erklären, wie es zu verschlossenen Blutgefäßen und Nekrosen kommt – ein Stück Lippe, ein bisschen Nase stirbt dann ab. Er kennt die Risiken, er bestreitet sie nicht. Er spürt sie selbst: Seine Zähne schmerzen nach den Eingriffen regelmäßig. Seit einem Jahr hat er außerdem eine neurologische Erkrankung, und er meint, es sei nicht auszuschließen, dass sie mit den vielen Vollnarkosen durch die OPs zusammenhänge.
Risiko? Das gehen doch auch Extremsportler ein
Man kann immer wieder auf die Risiken eingehen, nachfragen, und man hört jedes Mal: „Das ist es mir wert.“ Eine OP würde ihm auch einen Dopaminkick geben, ein Glücksgefühl. Er vergleicht sich mit Extremsportlern: Ein Leben mit dem Risiko, mit der Möglichkeit des schweren Schadens. „Ich bin ein Mensch, der denkt: Ich habe immer Glück, mir passiert so etwas nicht“, sagt er. Und er zieht einen Vergleich: Fallschirmspringern würde auch nicht jedes Mal das Risiko vorgeworfen werden, das sie eingehen. Er will sich nicht ständig rechtfertigen.
Er sieht sich nicht als Vorbild, nicht als Auslöser dafür, dass andere Schönheits-OPs machen lassen. Sein Instagram-Profil sei auch kein Aufklärungskanal, eher ein Lifestyle-Blog. Er will sein Ding machen, Risiken hin oder her: „Ich möchte nicht mit 80 im Bett liegen und bereuen, nicht das gemacht zu haben, was mir wichtig war.“
„Ich will natürlich geliebt werden“
Daraus leitet er eine Haltung ab: „Wir haben alle nur ein Leben und wir sollten alle so sein lassen, wie sie wollen – solange sie niemandem wehtun“, sagt Streubel. Dass er online oft Hasskommentare abbekommt, hat er gelernt zu akzeptieren. Er würde auch mit Hatern – Leute, die diese Kommentare hinterlassen – einen Kaffee trinken gehen, um zu verstehen, was dahinter steckt. „Ich bin ein herzensguter Mensch und begegne allen Menschen offen“, sagt er.
Einsamkeit aber, sein dauerndes Single-Dasein, bleibt ein Thema. „Ich will natürlich geliebt werden. Ich weiß auch, ich entspreche immer weniger dem gängigen Schönheitsideal. Aber wenn mich jemand nicht will, wie ich bin, ist das sein Pech“, so Streubel. Und: „Meine OPs sind mein Lebensweg und ich werde mich nie für irgendeinen Typen anpassen.“