Eine Puppe liegt in einer niedergebrannten Gegend in einem Kriegsgebiet. (Symbol-Foto) Foto: © Valerius Geng – stock.adobe.com

Kinder in den Kriegsgebieten – wie nehmen sie die Geschehnisse wahr? Welche Folgen hat der Krieg auf ihre Psyche und wie steht es um die Kinder in Deutschland?

Horb - Über diese Fragen hat unsere Redaktion sowohl mit Monika Lehmann, Kinder- und Jugendlichenpsychologin in Horb, als auch mit Diplomsozialpädagogin und Traumatherapeutin Silke Fiedler gesprochen, die für die psychologische Beratungsstelle in Horb tätig ist.

 

Zunächst kann festgehalten werden, dass die Kinder in der Ukraine die Zustände sehr individuell wahrnehmen, denn Fiedler und Lehmann sind sich einig: Das Umfeld und der Umgang mit den Geschehnissen sind entscheidend. So sei die Wahrnehmung der Kinder nicht nur davon abhängig, wie nah sie sich geografisch am Krieg befinden, sondern auch wie ihre Familien und Bezugspersonen damit umgehen.

Mütter dürfen nicht selbst in Panik verfallen

Es sei wichtig, den Kindern die Wahrheit zu vermitteln, sagt Fiedler. Man dürfe die Kinder nicht belügen, sondern müsse ihnen ein Gefühl von Sicherheit geben. Dazu gehöre, dass Bezugspersonen wie Mütter ruhig blieben und nicht selbst in Panik verfielen. Die Kinder, die nun flüchten müssen, würden aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen. Sie müssten ihre Freunde zurücklassen und es sei nun wesentlich, "wie die Eltern auch die Kinder auffangen". Dies sei laut Fiedler entscheidend dafür, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Kind an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkranke.

Psychische Krankheit kann viele Gesichter haben

Das Wort "Trauma" wird von vielen auch im Alltag genutzt – Kinderpsychologin Lehmann ist es wichtig, greifbar zu machen, was dieser Begriff tatsächlich bedeutet. Erinnerungen seien Belastungen, die immer hochkochen könnten. Menschen, die ein Trauma haben, seien mit den Gedanken "ich möchte das nicht mehr erleben" und "ich vermeide viele Sachen, damit ich da nie wieder reinkomme" geschlagen. Dabei würden bestimmte Orte, Geräusche oder Gedanken vermieden.

Durch derartige Stressoren könne folglich eine posttraumatische Belastungsstörung entstehen, welche sich dann ganz unterschiedlich niederschlagen könne. Manche würden unter Flashbacks leiden, andere grenzverletzendes oder aggressives Verhalten zu Tage legen: "Das hat ganz, ganz viele Gesichter" meint Lehmann.

Kleinkinder verstehen Krieg und Tod nicht

Ob die Kinder ein Trauma vom Krieg davontragen? Das werde individuell sein: "Je älter die Kinder werden, desto mehr realisieren sie." Kleinkinder begreifen demnach zwar nicht, was Krieg und Tod bedeutet, erleben aber die Unsicherheit, von der sie umgeben sind. Kinder unter drei Jahren hätten kein Zeitgefühl, nähmen aber auch die Signale und Trigger war, die auf sie einwirken.

Doch wie steht es um die Kinder in Deutschland? Man solle die Kinder schützen und sich als Elternteil oder Lehrer Zeit nehmen, die Informationen aufzuarbeiten, meint Lehmann. Außerdem verweist sie auf kinderfreundliche Nachrichtensendungen. Ebenso wie in der Ukraine, wirke es sich bei uns in Deutschland wesentlich auf die Kinder aus, wie die Eltern und Bezugspersonen auf die aktuelle Situation reagierten. Werde das Gefühl eines Ausnahmezustands vermittelt, so würden auch Ängste geschürt.

Lehmanns ukrainische Nachbarin erzählt vom Krieg

Indes sorgt sich Lehmanns ukrainische Nachbarin Olga Rudik, die vor über 20 Jahren nach Deutschland kam und nun auch Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine bei sich aufgenommen hat, täglich um ihre Verwandtschaft und Freunde, die sich derzeit im Kriegsgebiet in der Ukraine befinden. Sie erzählte uns im Gespräch von dem Sohn einer dieser Freundinnen: "Immer, wenn die Sirenen in Kiew laut werden, sagt er ›Verstecken!‹". Er begreife nicht was Krieg ist, renne jedoch vor den Geräuschen weg.