Es gibt Studien, bei denen die durchschnittliche Sex-Dauer gemessen wurde – ohne Vor- und Nachspiel. Foto: imago/Nomad Soul

Glaubt man Studien, ist der durchschnittliche Sex nach ein paar Minuten vorbei. Eine Stuttgarter Sexologin erklärt, wie viel die Dauer mit gutem Sex zu tun hat.

Manchmal müssen Menschen im Sinne der Wissenschaft mit einer Stoppuhr miteinander schlafen. Forscher der australischen Universität von Queensland schickten für eine Studie 500 Paare aus verschiedenen Ländern gemeinsam ins Bett und stoppten die Zeit. Das Ergebnis: Der Sex, gemessen vom Beginn der Penetration bis zur Ejakulation, dauert durchschnittlich 5,4 Minuten, heißt es in der Studie, die bereits 2005 erschien, aber immer noch zu den umfassendsten zählt. Der kürzeste für die Studie notierte Akt dauerte 33 Sekunden, der längste 44 Minuten. Neben leichten Unterschieden zwischen verschiedenen Nationen stellte man außerdem fest, dass 18- bis 30-Jährige länger durchhielten (6,5 Minuten) als Über-50-Jährige (4,3 Minuten). Andere Studien zur normalen Erektionsdauer kommen auf einen Durchschnittswert von 9 Minuten.

 

Wie lange dauert im Durchschnitt guter Sex?

Ob die durchschnittlich 5,4 Minuten als gut empfunden werden, darüber trifft die Studie keine Aussage. Aber der Wert liegt in dem Bereich, den eine Umfrage der Pennsylvania State University unter US-amerikanischen und kanadischen Sexualtherapeutinnen und -therapeuten ergab: Befriedigender Sex dauere demnach zwischen drei und 13 Minuten, so die Erhebung. Wobei von drei bis sieben Minuten als angemessen bewertet wurde und von sieben bis 13 Minuten als wünschenswert. Befragt man ausschließlich Frauen, sind die Zeiträume etwas länger: In einer Studie mit 645 Frauen aus 20 Ländern dauerte es zwischen sechs und 20 Minuten zum Höhepunkt – allerdings erlebten zwei Drittel der Frauen im Erhebungszeitpunkt gar keinen Orgasmus. Aber lassen sich daraus Schlüsse über die „richtige“ Dauer von Sex ziehen?

„Drei bis fünf Minuten wären vielleicht ab einem gewissen Erregungsstatus interessant“, also wenn man vor dem Sex schon sehr erregt sei, sagt die Stuttgarter klinische Sexologin Filomena Lorenz. „Aber in dieser Zeit vom Anfang bis zum Orgasmus zu kommen, ist eine Höchstleistung für eine Frau“, sagt Lorenz. Und auch bei Männern sei die Frage, ob es sich wirklich um Genuss und erfüllte Sexualität handle, wenn sie in dieser Zeit ejakulierten.

Mehr als die normale Erektionsdauer – Lust ist wie ein Kuchenrezept

Sie verstehe das Bedürfnis, normal sein zu wollen, sagt Filomena Lorenz. Auch bei ihr in der Praxis drehe sich vieles etwa um die Frage: „Bin ich denn normal, wenn ich nicht zum Orgasmus komme, oder wenn ich länger brauche?“ Wir hätten Bilder und Drehbücher in unseren Köpfen, die von Pornografie geprägt seien, sagt Lorenz. Aber Normen und Erwartungen seien wenig hilfreich, um erfüllte Sexualität zu erleben. „Und die Realität ist, dass die Menschen Frust haben.“ Wie kommt man davon weg?

„Wenn ich abgespeichert habe, abends um zehn sollte ich noch mal Lust haben, aber eigentlich bin ich viel zu gestresst von meinem Tag, dann wird das nicht funktionieren. Deswegen geht es darum, einen Raum zu gestalten, wo Lust aufkommen kann. Das ist wie ein Kuchenrezept, es braucht bestimmte Zutaten. Welche Berührungen tun einem gut? Was brauchen Sie, um sich einlassen zu können? Also: Muss der Mann rasiert sein, die Zähne geputzt haben? Und was braucht er, damit Lust aufkommen kann? Jeder muss selbst Verantwortung übernehmen, um das zu gestalten“, sagt Filomena Lorenz.

„Das Ziel ist, dass Mann und Frau den jeweils anderen begehren und auch sich selbst als Mensch begehrt fühlen können“, sagt Filomena Lorenz. Es sei wichtig, möglichst viele Optionen für diesen Lustraum zu kennen – Sex-Toys, erotische Wäsche, Spiele – und darüber zu reden, was man davon umsetzen oder erleben wolle.

Eine Forschungsreise hin zu gutem Sex

Was bedeutet das unter dem Strich für die richtige Dauer von Sex? Filomena Lorenz sagt, kurzer „Espresso-Sex“ könne zwischendurch wunderbar sein. Und es könne andererseits auch zu lange dauern. „Wenn man zwei Stunden Sex hat aber sich anderthalb davon langweilt, wird man das nicht wiederholen“, sagt die Stuttgarterin. Was für jemanden die richtige dauer von Sex sei, sei individuell. „Es gibt keine normale Dauer von Sex. Finden Sie in Ihrem Lebensabschnitt heraus, wer Sie als sexuelles Wesen sind, wer Sie in Ihrem Körper sein können, und dann gehen Sie auf Forschungsreise, um das sexuelle Buffet zu erweitern und zum Genuss zu finden“, erklärt sie.