Kitas müssen heute vieles sein: Ein Ort zum Spielen und Lernen. Ein Ort, wo Kinder stabile Beziehungen finden und all das mitbekommen, was sie für die Schule brauchen. Aber wie sie diese Ziele erreichen, dafür gibt es zu wenig verbindliche Standards, sagen Experten.
Stuttgart/Pforzheim - Morgenkreis in der städtischen Kita Haidach in Pforzheim. Die Kinder und Erzieherinnen zählen durch. Wer aus der Gruppe ist heute alles da? „Leo, Alysia, Laif…“ Aber auch: Welche Kinder sind nicht da? „Emma, Fynn und Matteo.“ Ihre Namen werden ebenfalls genannt. „Die Kinder erfahren so: Ich bin nicht vergessen, wenn ich mal nicht in die Kita komme“, erklärt Annette Kraft, die Leiterin. „Sie erfahren so auch Anerkennung.“
Es sind solche kleinen Alltagsszenen, in denen sich die großen pädagogischen Leitlinien ausdrücken, nach denen in der Kita Haidach gearbeitet wird. Zum Beispiel beim Mittagessen: In der städtischen Einrichtung dürfen sich die Kinder ausschöpfen, entscheiden, was sie essen und wie viel davon.
Selbstwirksamkeit, nennt sich das im Fachjargon. Oder auch: Autonomie und Verantwortung für den eigenen Körper lernen.
Jedes dritte Kleinkind im Land besucht eine Kita
Die Betreuung in frühester Kindheit hat in den vergangenen Jahren einen enormen Bedeutungszuwachs erhalten. In Baden-Württemberg hat sich die Zahl der Kinder unter drei Jahren, die in einer Kita betreut werden, seit 2005 mehr als versiebenfacht. 2020 besuchte jedes dritte Kleinkind eine solche Einrichtung, 85 Prozent von ihnen ganztags. Auch bei den Über-Dreijährigen ist der Halbtagskindergarten ein aussterbendes Modell.
Längst sind die Einrichtungen zentral für die Entwicklung eines Kindes geworden und ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die Bildungsgerechtigkeit. Sprachdefizite sollen hier ebenso erkannt und aufgefangen werden wie motorische oder soziale Rückstände. Kinder sollen spielen und sich entfalten und die grundlegenden kognitiven und sozialen Fähigkeiten lernen, die sie reif für die Schule machen und alles, was danach kommt.
Vielzahl von Trägern und Konzepten
Kurz: Kitas sollen „gelingendes Aufwachsen in schwierigen Zeiten“ ermöglichen. So formulierte es Nataliya Soultania, Leiterin des Forums für frühkindliche Bildung Baden-Württemberg (FFB) kürzlich. „Die frühkindliche Bildung ist elementar für die Persönlichkeitsentwicklung und eine gute Schullaufbahn. In allen Einrichtungen sollen die Kinder in ihrer Entwicklung bestmöglich gefördert werden“, sagt auch Volker Schebesta, zuständiger Staatssekretär im Kultusministerium. Das Land investiere bis Ende 2022 mit dem Pakt für gute Bildung und Betreuung sowie dem Gute-Kita-Gesetz 800 Millionen Euro im frühkindlichen Bereich.
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Aber bei all dieser Einigkeit über die Aufgaben: Wie und auf welcher Grundlage Kitas ihnen gerecht werden, was also eine gute Kita ausmacht, das ist schon weniger klar. Die Kita-Landschaft, die von den Kommunen organisiert wird, ist geprägt von einer Vielzahl an Trägern und Konzepten. Es gibt kommunale, kirchliche und private Einrichtungen. Es gibt Waldorf oder Montessori-Kitas, Waldkindergärten, die mit offenem Konzept oder solche, die mit Lerngeschichten arbeiten. Es gibt Kitas, in denen der Ganztagsplatz unter 200 Euro pro Monat kostet und andere, die knapp 1000 Euro verlangen. Anders als bei Schulen, für die der Lehrplan ein klares Programm vorgibt, gilt für Kitas ein Orientierungsplan. Er nennt unter anderem Entwicklungsfelder wie Körper, Sinne, Sprache, Werte, liefert dazu Wissen für den Alltag. Und er vermittelt die grundsätzliche Sicht vom Kind, das sich selbstbestimmt und frei entwickelt – und nicht von außen entwickelt wird.
Haben wir genug Spiele mit Geheimsprache?
Für Praktikerinnen wie Annette Kraft von der Haidach-Kita, ist der Orientierungsplan, der zuletzt 2011 überarbeitet wurde, durchaus eine wichtige Basis ihrer Arbeit. „Wenn man ihn kennt, kann man immer wieder Abläufe und Materialien daraufhin überprüfen, ob sie den Leitlinien gerecht werden“, sagt Kraft. In der Praxis heißt das schon mal: „Wir gehen durchs Haus und fragen uns, ob wir Spiele machen, in denen das Thema Geheimsprachen vorkommt, in denen Kinder eigene Wörter erfinden können“, sagt Kraft.
Aber die Kita-Leiterin benennt auch die Grenzen des Orientierungsplans. „Nicht alle Erzieherinnen haben die Inhalte immer präsent, dafür bräuchte es mehr Fortbildungen.“ Außerdem fehle Verbindlichkeit. Das habe zwar Vorteile: „Jede Kita muss ja Angebote finden, die zu ihren Räumen, Kindern und Personal passt“, sagt Kraft. „Wenn im Orientierungsplan zum Beispiel stehen würde, dass Kinder mittags Zähne putzen müssen, ginge das bei uns gar nicht, weil unsere Waschräume zu klein sind.“ Andererseits fehle Verlässlichkeit. „Ich fände es wichtig, dass auch für Außenstehende klar ist: Es ist nicht beliebig, was in den Kitas passiert.“
„Undurchsichtig, was geleistet wird“
Kritisch sieht auch Stefan Faas den Orientierungsplan: „Es ist derzeit von außen undurchsichtig, was in den Kitas geleistet wird “ und inwieweit sie ihrer „elementarbildenden Funktion“ umfänglich gerecht werden, sagt der Professor für Pädagogik der Frühen Kindheit an der Pädagogischen Hochschule (PH) Schwäbisch Gmünd. Er meint nicht, dass Kitas generell schlechte Arbeit machen – und es gibt auch Träger, die ihre Einrichtungen evaluieren. Aber Faas wünscht sich grundlegende Standards für alle, die überprüfbar sind. „In Berlin werden Kitas alle fünf Jahre von externen Anbietern evaluiert“, sagt Faas. Etwas Ähnliches könnte er sich auch für Baden-Württemberg vorstellen, aber mit einheitlichen Kriterien, was in Berlin fehle. Der Pädagoge betont, er wolle nicht die Autonomie der Kitas beschneiden oder unterschiedliche Konzepte abschaffen.
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Kein „Zulieferbetrieb für die Schule“
Auch mit Buchstabenlernen und dem Lösen von Rechenaufgaben haben seine Vorstellungen nichts zu tun. Kita sei „kein Zulieferbetrieb für die Schule“. Aber es müsse klar sein, dass ein guter Kindergarten den ganzen Tag spielerische Anreize schaffe, die Kindern helfen, Sprache, Feinmotorik oder ein mathematisches Vorstellungsvermögen zu entwickeln. „Kinder lernen zum Beispiel Sprache, indem man mit ihnen spricht, ihnen vorliest, sie im Spiel erzählen lässt.“
Auch die Landesregierung hat das Thema erkannt. Der zehn Jahre alte Orientierungsplan wurde zuletzt zusammen mit Fachkräften aufwendig evaluiert. Ein Ergebnis: Auch viele Erzieherinnen wünschen sich messbare Kriterien. Manche könnten sich sogar eine Art Qualitätssiegel vorstellen. Der Orientierungsplan soll bis 2023 überarbeitet werden. Staatssekretär Schebesta hat angekündigt, mehr Verbindlichkeit zu schaffen.
Vieles scheitert am Fachkräftemangel
Experte Stefan Faas macht aber klar: Im Zentrum einer guten Kita stehen die Bindungen zwischen Kindern und Fachkräften. Und die müssen Zeit haben, um zu erkennen, wo welches Kind vielleicht etwas aufholen muss. Bei zwei Erzieherinnen in einer Gruppe mit 20 Kindern, wie das oft Standard ist, werde das schwierig. Auch ein noch so guter Orientierungsplan bringt eben wenig, wenn Menschen fehlen, die ihn umsetzen.
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