Motivations- und Konzentrationsdefizite, Müdigkeit, Angst und auch Depressionen können Folgen einer psychischen Belastung am Arbeitsplatz sein. Im zweiten Teil des Berichts erklären Experten was Arbeitgeber und Arbeitnehmer dagegen tun können.
Ein Mitarbeiter geht in Rente, die Stelle wird nicht nachbesetzt. Nun landet die Arbeit auf den verbliebenen Schreibtischen. Bei Fragen ist der Chef schwer erreichbar, denn: Auch er steht unter Zeitdruck und hat immer weniger Zeit für die Probleme seiner Mitarbeiter, die Kommunikation leidet.
Das ist ein fiktives Beispiel, wie sich anhaltender Stress, Personalmangel und Leistungsdruck auf ein Unternehmen auswirken kann. Folgen sind Qualitäts- und Leistungsrückgang, Motivationsdefizite und im schlimmsten Fall psychische Erkrankungen mit langen Ausfällen. Doch wie kann diese Negativspirale gestoppt werden?
Facharzt für Arbeits- und Allgemeinmedizi Dr. Olaf Otto aus Starzach und Diplom Arbeits- und Organisationspsychologin Antje Nikiel zeigen, was Arbeitnehmer und Arbeitgeber tun können, damit es nicht so weit kommt. Das ist der zweite und letzte Teil zum Thema „psychische Belastungen in Unternehmen“. Im ersten Teil ging es um die Hauptursachen und welche Folgen diese mit sich bringen.
Das können Arbeitgeber tun
Das Problem in Unternehmen seien nicht zwingend die Krankheitstage, sondern „Menschen, die da sind, aber nicht zu 100 Prozent arbeiten können“, zeigt Antje Nikiel auf. Wichtig sei es hierbei frühzeitig zu erkennen, wenn sich ein Mitarbeiter zurückzieht und miteinander darüber zu sprechen.
„Kommunikation funktioniert vor allem durch zuhören, dann kommen auch Kompromisse raus“, ist sich die Psychologin sicher.„Kommunikation ist wichtig, aber auch ein Zeitfresser“, weiß Nikiel, „Lieber viele kurze Gespräche, als Zwei-Stunden-Konferenzen.“
Offene Kommunikationskultur Konflikte werden in der heutigen Gesellschaft häufig als negativ wahrgenommen und die Kompromissfähigkeit sei zurückgegangen, so Nikiel. Daher sei es besonders wichtig, ein gutes Netz mit offener Kommunikationskultur im Unternehmen zu haben. Die Mitarbeiter sollten keine Hemmungen haben, über ihre Probleme mit der Geschäftsführung oder den zuständigen Personen, wie dem Betriebsrat, zu sprechen.
Dies könne gelingen, wenn wichtige Kontaktpersonen, wie der Betriebsrat, regelmäßig darauf aufmerksam machen, dass es Angebote gibt und sich Zeit nehmen, die Menschen kennenzulernen. Eventuell würde auch ein Hinweis am Schwarzenbrett helfen, so Nikiel.
Analysieren Im ersten Schritt müssten die Unternehmen analysieren, wo es Probleme gebe, so Olaf Otto. Dabei sollten möglichst alle Mitarbeiter miteinbezogen werden, zum Beispiel durch Fragebögen. Dadurch könnten Defizite ausfindig gemacht werden.
Häufig wüssten die Unternehmen schon, an welchen Problemen es liege, doch dann tue sich nichts mehr, erklärt Otto mit Bedauern. Daher sei es besonders wichtig „nicht nur Absichtserklärungen zu machen, sondern für die Mitarbeiter spürbare Schritte“.
Unterstützung suchen Allerdings fühlten sich Führungskräfte oftmals hilflos, so die Psychologin. Aber: „Weggucken ist keine Option“, so die Experten. Daher sollten sich auch Führungskräfte Unterstützung suchen. Dabei helfen Schulungen für Führungskräfte, Bewegungs- und Entspannungsangebote oder auch Unterstützung durch arbeitspsychologische Beratungen, berichtet Nikiel. Auch Netzwerke zu Rehaträgern und externer Hilfe seien hilfreich.
Gerade in Zeiten von Personalmangel, Stellenabbau und schwieriger wirtschaftlicher Lage, müssten diese Netzwerke und Strukturen gepflegt werden. Denn in den meisten Fällen werde als erstes am Personal gespart, stellen die Experten fest.
Probleme frühzeitig angehen Otto appelliert daher an die Unternehmen, dass sie frühzeitig Lösungen suchen sollten. Viele Probleme könnten im Vorfeld verhindert werden, wie zum Beispiel durch Nachfolgeplanungen bei Renteneintritten. „Agieren ist besser als Reagieren“, ist sich der Mediziner sicher, „Wenn die Leute zufrieden sind, werden sie weniger krank und bleiben im Betrieb.“
Das können Arbeitnehmer tun
Doch was können Arbeitnehmer tun, wenn sie nicht zufrieden sind? Wenn Mitarbeiter merken, dass sie häufig schlapp sind, die Motivation fehlt und sie sich immer weiter zurückziehen, sollte schleunigst gehandelt werden.
Eigene Ressourcen pflegen Dabei müssen die eigenen Ressourcen gepflegt werden, so die Psychologin. So wie ein Auto getankt und gepflegt werden möchte, sollten auch die Arbeitnehmer auf ihre Pausen achten, Hobbies und soziale Kontakte pflegen, sowie auf Sport und Ernährung achten.
Themen gemeinsam besprechen Dieser Ausgleich sei besonders in stressigen Zeiten wichtig. Die Kommunikation mit Kollegen und den Führungspersonen sollte dabei nicht vernachlässigt werden. Themen sollten gemeinsam frühzeitig angegangen werden, nicht erst im Extremfall, so Nikiel.
Fazit Somit stellt sich als Fazit heraus: Eine offene Kommunikationsstruktur mit frühzeitigen und spürbare Problemlösungen ist essenziell. Eine Kombination aus Umgebung, Strukturen durch den Arbeitgeber und der persönlichen Faktoren können die Negativspirale stoppen oder verhindern. Antje Nikiel:„Je früher die Spirale durchbrochen wird, desto weniger negative Auswirkungen hat sie.“
Zusammenfassung Teil 1
Hintergrund
Die Studien der DAK-Gesundheit und der „IGES“ zeigen, dass die Krankheitstage auf Grund von psychischen Belastungen drastisch steigen. Die Hauptgründe lassen sich in drei Kategorien einordnen – Gesellschaft (Wirtschaftslage, Fachkräftemangel, Entlassungen, Generationenwechsel), Kontext des Unternehmens (Strukturen im Unternehmen, Kommunikationskultur, Lärm) und persönliche Faktoren (Stressresistenz, persönliche Probleme, Leistungsfähigkeit), so Psychologin Antje Nikiel und Arbeits- und Allgemeinmediziner Olaf Otto in einem Gespräch mit unserer Redaktion.
Auswirkungen
Die Folgen seien körperlich oftmals Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder auch Herzkreislaufprobleme. Psychisch können die Belastungen zu Angststörungen und Depressionen führen. Ein Warnsignal sei der Rückzug aus dem sozialen Leben, so die Experten. Eine Erkrankung entstehe meist aus mehreren Faktoren über einen längeren Zeitraum.