Fordert eine ÖPNV-Offensive: Bastian Kettner vom VCD Foto: VCD

Bastian Kettner, ÖPNV-Experte beim Verkehrsclub Deutschland, verspricht sich vom 9-Euro-Ticket einen „Schub“.

Herr Kettner, was würde es bedeuten, wenn das 9-Euro-Ticket am Freitag im Bundesrat doch noch scheitert?

 

Das wäre sehr schade, das Ticket könnte wie ein Stein im Wasser Kreise ziehen hin zu einer Verkehrswende. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot und wäre geeignet, mehr Menschen dazu zu bringen, den ÖPNV zu nutzen und gerade in den urbanen Räumen darauf hinzuweisen, dass wir dort gute Angebote haben. Wenn es scheitert, kann das gesamte Entlastungspaket so nicht kommen – auch nicht der Tankrabatt.

Der VCD ist der Ansicht, dass die Autofahrer von der Ampelregierung bevorzugt werden. Warum?

Der Autoverkehr hat Privilegien, im Entlastungspaket ist das auch wieder ablesbar. 3,15 Milliarden sind an Entlastung für die Autofahrer gedacht, aber nur 2,5 Milliarden für den ÖPNV und das 9-Euro-Ticket. Die Menschen schauen immer nur auf die Benzinkosten, aber die externen Kosten wie Gesundheitsgefahren, Unfallgeschehen und Kosten für Straßenerhaltung werden oft nicht mit einkalkuliert. Es gibt eine Untersuchung der Uni Kassel, wonach der Autoverkehr die Kommunen dreimal so viel kostet wie der ÖPNV. Privilegien müssen abgebaut werden – etwa, dass man ein Fahrzeug fast kostenlos im öffentlichen Raum abstellen kann oder für Jahresgebühren um die zehn Euro in deutschen Städten. In Amsterdam oder Kopenhagenzahlt man dafür dreistellige Beträge.

Zurück zum 9-Euro-Ticket. Wird es nicht eine Überfüllung auf touristischen Strecken geben, die potenzielle Neukunden wieder abschreckt?

Sicher wird es teilweise eine Überlastung geben, gerade an Wochenenden auf attraktiven Strecken. Deshalb empfehlen wir, ein verlängertes Wochenende zu nutzen, schon donnerstags zu starten und erst montags zurückzufahren. Langfristig kann die Aktion aber zeigen, dass Bedarf an einem massiven Ausbau der ÖPNV-Angebote besteht. Der Ausbau ist die Voraussetzung, dass bis 2030 eine Verdoppelung des ÖPNV gelingt. Das hatte sich die alte Bundesregierung auf die Fahnen geschrieben, auch Baden-Württemberg strebt es an.

Wird das 9-Euro-Ticket ein Strohfeuer sein?

Nein, erstmals nach langer Zeit wird die öffentliche Aufmerksamkeit auf den ÖPNV gelenkt – nach Jahren, in denen Bahnstrecken stillgelegt worden sind und das Angebot verknappt worden ist. Es ist ein erster Schritt in Richtung Verkehrswende. Natürlich ist bei der Ticket-Aktion nicht alles perfekt, und die drei Monate allein werden nicht reichen, um Menschen dazu zu bringen, ihr Auto abzuschaffen. Aber endlich setzen Bund und Länder Signale für die Relevanz, die dem ÖPNV zukommen sollte. Wir als VCD erwarten eine Mobilitätsgarantie: Jeder Ort mit 200 Einwohnern sollte mit dem ÖPNV im Ein-Stunden-Takt erreichbar sein, bundesweit. Das kann auch mit Anruf-Sammeltaxis gewährt werden.

Wie geht es nach den drei Monaten weiter?

Es muss auch danach günstige Anschlusstickets geben im ÖPNV. Wir brauchen Ideen für Zeitkarten im Preisbereich von 850 bis 1250 Euro im Jahr, die für größere Regionen gelten, etwa mehrere Bundesländer. Das 365-Euro-Ticket für junge Leute ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir brauchen verbundübergreifende Tickets und preisgünstige Sozialtickets für Hilfeempfänger, beispielsweise für 30 Euro im Monat. Dann bleiben etwa vom Arbeitslosengeld-II-Satz für Mobilität zehn Euro frei für andere Mobilitätsbedürfnisse.