Kaddu Sebunya geißelt das europäische Konzept von Artenschutz. Foto: AWF

Die Europäer hätten die lokale Bevölkerung vertrieben, um Wildparks zu schaffen und dort zu jagen, sagt Kaddu Sebunya, Vorsitzender der African Wildlife Foundation. Er kritisiert aber auch die afrikanischen Regierungen.

Herr Sebunya, warum hat es so lange gedauert, bis es zu diesem ersten afrikanischen Schutzgebiet-Kongress, dem African Protected Areas Congress, kam?

 

Naturschutz in Afrika wurde bislang nicht von Afrikanern, sondern ausschließlich von internationalen Nichtregierungsorganisationen definiert und zu 70 Prozent von ausländischen Regierungen finanziert. Es war für uns immer eine Sache der anderen.

Wie kam das?

Das herrschende Konzept für Naturschutz stammt noch aus der Kolonialzeit. Damals vertrieben die Europäer die lokale Bevölkerung von dem Land, das sie für wilde Tiere reservierten, und ließen es von bewaffneten Rangern bewachen. Afrikanische Jäger wurden über Nacht zu Wilderern, die Parks für ausländische Touristen angelegt. So stieß man die Afrikaner vor den Kopf.

Dabei waren es die Kolonialisten, die große Teile der afrikanischen Tierwelt abknallten.

Richtig. Trotzdem sollten wir die Schuld nicht allein den Kolonialisten zuschieben. Afrikas Regierungen hatten genug Zeit, etwas zu ändern. Aber sie taten es nicht.

Europäer sind überzeugt, dass Afrikaner mit wilden Tieren in ständigem Konflikt leben und man die Tiere in erster Linie vor afrikanischen Wilderern schützen muss.

Dabei haben Afrikaner ihre Umwelt über Jahrtausende hinweg erfolgreich gemanagt und erhalten. Es ist kein Zufall, dass Afrika über ein Drittel des Artenreichtums der Welt verfügt. Das ist unserer Verbundenheit mit der Natur zuzuschreiben. Unsere Familienclans werden mit Tieren in Zusammenhang gebracht. Das Totem meiner Familie sind die schwarz-weißen Stummelaffen, meine Mutter kommt aus einem Vogel-Clan, meine Frau aus einem Rinder-Clan. Wir betrachteten Wasserfälle als Götter – bis die Europäer kamen und uns sagten, dass unsere Götter die falschen sind.

Warum legten die Kolonialisten Wildparks wie „Festungen“ an?

Weil sie in erster Linie als Jagdgebiete für Europäer betrachtet wurden. Auf Kisuali nennt man sie noch heute „Mamas Land“ – mit Mama ist die britische Königin gemeint. Ich habe noch kein Naturschutzgebiet in Deutschland gesehen, das von bewaffneten Rangern bewacht wird. Dort haben sie höchstens einen Block und einen Kugelschreiber.

Die „Festungen“ sollen aber auch dem Schutz der außerhalb des Parks lebenden Menschen vor wilden Tieren dienen.

Dieses Thema beschäftigt die von mir geleitete African Wildlife Foundation seit 60 Jahren. Das Zusammenleben zwischen Menschen und wilden Tieren ist gar nicht so schwierig, es braucht aber Zeit. Ziel des Naturschutzes darf nicht die bloße Erhöhung der Zahl der Löwen oder Elefanten sein. Der Maßstab für Erfolg muss das Zusammenleben von Menschen und Tieren werden. Für uns ist ein Erfolg, wenn ein Afrikaner einen Leoparden für wertvoller als sein Huhn hält. Die Kosten für die Schule oder die Braut können mit Hühnern, aber nicht mit Leoparden beglichen werden. Warum sollte man die Raubkatze dann mögen?

Viele Organisation fordern, 30 Prozent der gesamten Erdoberfläche zu Schutzgebieten zu erklären. Ist das überhaupt sinnvoll, wenn es auf die Koexistenz der Menschen mit wilden Tieren ankommt?

Wir werden auch künftig Schutzgebiete brauchen – als Anker für ökonomische Entwicklung. Die Wirtschaft der Region muss auf die Parks abgestimmt werden. Wir haben hier in Ruanda einen Wirtschaftszweig für Bambus aufgebaut, weil Gorillas diese Sträucher lieben.

Kaum ein afrikanischer Wildpark ist profitabel. Sie müssen subventioniert werden. Von wem?

Auf unserem Kongress wurde ein panafrikanischer Fonds zur Finanzierung der Schutzgebiete angeregt. In ihn können alle einzahlen, die zum Schutz der Natur beitragen wollen. Bisher standen dafür nur internationale Organisationen wie der WWF zur Verfügung.