Die Fastenzeit geht zu Ende: Für viele Menschen heißt das, nicht mehr auf Süßigkeiten oder Alkohol verzichten zu müssen. Warum aber gerade der Verzicht nicht mehr das moderne Fasten abbildet, erklärt Fastenleiter Alwin Rager vom Kneipp-Verein Hechingen.
Am Ostersonntag endet die 40-tägige Fastenzeit, die traditionell am Aschermittwoch beginnt. Auch für viele Hechinger heißt das, endlich nicht mehr auf Alkohol, Schokolade oder Fleisch verzichten zu müssen.
Spätestens hier widerspricht Alwin Rager, 2. Vorsitzender und Fastenleiter beim Kneipp-Verein Hechingen. Für ihn stellt der Fokus auf Verzicht in der Fastenzeit einen veralteten Ansatz dar. Er sagt: „Fasten bedeutet nicht Verzicht. Fasten heißt Nicht-Essen“, so Rager im Gespräch mit unserer Redaktion. Er hat seine Ausbildung zum Fastenleiter an der Sebastian-Kneipp-Akademie in Bad Wörishofen absolviert und bietet in Hechingen seit fünf Jahren Kurse zum Fasten an.
Rager führt den modernen Fastenansatz wie folgt aus: Der Körper wechsle tagsüber zwischen einem Essens- und Nichtessens-Modus. Dieser Rhythmus stamme noch aus der Zeit der Neandertaler und habe sich im Grunde bis heute nicht verändert. Das heißt: Nimmt der Mensch Nahrung zu sich, ist er ab der Essensaufnahme bis zum Abschluss der Verdauung in der Essensphase. Je nach Nahrung dauert die Essensphase zwischen zwei und vier Stunden. Schließlich seien Grießbrei und Schweinebraten unterschiedlich aufwendig zu verstoffwechseln.
Kaffee ist in Nichtessenszeit ausdrücklich erlaubt
Nach dieser Essensphase kommt der Körper in den Nichtessensmodus, der Stoffwechsel fährt herunter und der Körper geht in den Fastenmodus. „Diese Nichtessenszeiten sind essenziell und machen das moderne Fasten aus“, erläutert Alwin Rager. Wichtig sei, in dieser Nichtessensphase viel Wasser zu trinken und sich zu bewegen, um den Stoffwechsel in Gang zu halten. Auch Kaffee ist ob seiner Polyphenole, die den Stoffwechsel anregen, ausdrücklich erlaubt.
Eine lange Nichtessenszeit garantiert beispielsweise die 8:16-Intervallfastenmethode, die auch Rager schon praktiziert hat. Dabei wird 16 Stunden am Stück gefastet, danach acht Stunden normal gegessen.
Prinzipiell bedeute Fasten, lange Nichtessenszeit einzuhalten und den Körper mit Ballaststoffen, Proteinen und gesunden Fetten zu versorgen. Dann genüge es auch, täglich nur 800 Kilokalorien zu sich zu nehmen. „Mehr ist es nicht“, betont Rager. Habe man abends doch mal starken Hunger, empfiehlt er einen Kräutertee, der das Hungergefühl bändige.
Leichteres Körpergefühl und sinkender Blutdruck
Die positiven Folgen des Fastens seien körperlich unmittelbar spürbar: „Man fühlt sich leichter, der Blutdruck sinkt. Bei regelmäßigem Intervallfasten kann sogar eine Fettleber abgebaut werden“, spricht der Fastenleiter die Vorteile des modernen Fastens an. Ganz im Gegenteil dazu stehe der alte Fastenansatz, der den Fokus auf die Darmentleerung legt: „Diese Methodik verursacht im Körper Stress, es kommt zu Kopfschmerzen und Übelkeit“, sagt Alwin Rager. Sprich: „Der Körper fühlt sich krank.“
Dieser Paradigmenwechsel hin zum Fasten für das Mikrobiom sei wissenschaftlich belegt und anerkannt. Eine weitere Erkenntnis: „Fasten ist jeden Tag aufs Neue möglich.“ Statt eines strikten Zeitraums wie die 40 Tage zwischen Aschermittwoch und Ostern, empfiehlt Rager perspektivisch erfolgreichere Zyklen. Zum Beispiel: Fünf Tage die Woche Intervallfasten, am Wochenende dafür nicht. „Was spricht dagegen, sich einmal die Woche etwas zu gönnen?“ So sei es auch leichter, das Intervallfasten langfristig in den Alltag zu verankern.
Beim Kneipp-Verein Hechingen gebe es auch die Überlegung, unter dem Jahr Kurse zum Fasten anzubieten. Denn: Fasten sei eben gerade nicht nur zwischen Fasnet und Ostern sinnvoll.