Der frühere Topmanager Jürgen Stackmann hat Aufs und Abs erlebt. Foto: Höfer/Jann Höfer

Jürgen Stackmann ist bei VW die Karriereleiter nach oben geklettert. Plötzlich kommt für den Topmanager das Aus. Heute unterrichtet er in Geislingen. Wie denkt er über die Zeit?

Nur der Himmel scheint dem Aufstieg von Jürgen Stackmann eine Grenze setzen zu können: Stackmann, Topmanager bei Volkswagen, fliegt im Januar 2018 mit dem VW-Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess in die USA, um den schillerndsten Unternehmer der Gegenwart zu treffen: Elon Musk. „Wir haben ihn gemeinsam bei seiner Raumfahrtfirma Space X besucht“, erinnert sich Stackmann. „Er wirkt ein bisschen hölzern als Typ, aber er ist ein brillanter Geist, der alles hinterfragt.“ Stackmann hat den Moment noch deutlich vor Augen: „Selfie mit Elon.“

 

Zweieinhalb Jahre später kommt für Stackmann das Aus. Im Juli 2020 endet sein Fünfjahresvertrag im Management von VW. „Eigentlich sollte ich Vorstandsvorsitzender von Skoda werden, das war mit Diess so abgestimmt“, erzählt der 61-Jährige. Stackmann blickt zu diesem Zeitpunkt auf eine langjährige Karriere in den höchsten Managementebenen zurück. Sein Vokabular: „Performance, Challenge“ – Leistung und Herausforderung. Für Stackmann, den Automanager, steht die Ampel immer auf Grün.

„Das war damals ein Schock“

Doch im Sommer 2020 bietet ihm der Konzern keinen weiteren Vertrag. Ampel auf Rot, Vollbremsung für Jürgen Stackmann. Zwei Jahre später sitzt er im zweiten Stock der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Geislingen, die zu einem Teil seines neuen Lebens geworden ist. Dunkelblauer Anzug, modischer Kurzschal, schwere Uhr am Handgelenk. „Das war damals ein Schock, ich hätte mir das nicht ausmalen können.“ Autos zu verkaufen, Strategien zu überlegen, Menschen dafür zu begeistern, das war doch sein Leben. Doch plötzlich: „Vor mir ein leerer Kalender, dich ruft keiner mehr an. Ich bin in ein Loch gefallen.“

Droge Auto, kalter Entzug. Nach einem Leben, das am Auto hängt.

Jürgen Stackmann kommt am 12. September 1961 als jüngstes von fünf Kindern in Buxtehude auf die Welt. Im Speckgürtel von Hamburg hat sein Großvater ein Textilhaus gegründet, das die Eltern zum größten Kaufhaus Buxtehudes ausbauen. „Das Kaufhaus war das große Baby der Familie, ich bin direkt daneben aufgewachsen.“ Später übernehmen zwei ältere Brüder das erste Haus am Platz, „da war für mich kein Platz mehr, und Buxtehude war mir ohnehin zu klein“.

Mit Martin Winterkorn im Privatflieger unterwegs

Jürgen Stackmann studiert Betriebswirtschaft, lernt bei der Bank und fängt dann in Köln bei Ford im Vertrieb an. Vertrieb und Verkauf, das passt zu Jürgen Stackmann, einem groß gewachsenen Mann, der oft lacht, der weiß, wie er Menschen für sich einnimmt. Stackmanns eigenes Kaufhaus wird immer größer, er steigt bei Ford zum Vertriebschef Deutschland auf, dann wechselt er 2010 zu VW in den Vorstand von Skoda.

„Bei diesem Wechsel habe ich mehrere Ebenen übersprungen“, erzählt er. Martin Winterkorn ist zu dieser Zeit Chef von Volkswagen. „Ich hatte seine volle Unterstützung. Ich hatte das Gefühl: Alles ist möglich.“ Und so scheint es zu kommen, auch privat. Jürgen Stackmann heiratet, bekommt zwei Töchter und zwei Söhne. Die Familie zieht für drei Jahre nach Prag, dann lädt Winterkorn seinen Vertrauten in den Privatflieger ein und fragt ihn, ob er Chef von Seat werden will.

Ein Leben in der Autoblase

Stackmann sagt noch im Flieger zu. Im nüchternen Besprechungsraum der Hochschule in Geislingen blitzen seine Augen, wenn er von den Höhepunkten seiner Karriere erzählt. Er erinnert sich, wie er mit seiner Frau das gesellschaftliche Parkett in Barcelona erobert hat. Dort, wo früher Seat nur „als deutsches Ufo“ bekannt gewesen sei. „Wir haben die wichtigen Familien zu uns ins Werk eingeladen.“ Ein Karriereschritt folgt für Stackmann auf den anderen. „Die Familie ist immer mitgezogen. Eine meiner Töchter hat sechs internationale Schulen besucht.“

Stackmann entwickelt mit seinen Teams neue Automodelle, nutzt Chancen auf neuen Absatzmärkten. Verkaufen, verkaufen, verkaufen – der Kaufhaussohn aus Buxtehude denkt in den Kategorien Umsatz und Gewinn. „Ein Leben in der Autoblase.“ Die zerplatzt von einem Tag auf den anderen. Am 20. September tritt Martin Winterkorn vor die Kameras und gesteht, dass VW beim Abgas manipuliert hat.

„Geht dein Vater auch in den Knast?“

Stackmann erlebt Dieselgate in den nächsten Monaten hautnah mit, auch wenn er als Vertriebschef nicht an der Operation Tricksen und Täuschen beteiligt war. Er lebt in Wolfsburg, seine Kinder gehen zur Schule, die Klassenkameraden fragen: „Geht dein Vater auch in den Knast?“ Volkswagen habe viel Häme abbekommen, sagt der heutige Ex-Manager. „Aber VW war auch arrogant.“ Wenn er über diese Zeit spricht, redet Jürgen Stackmann nicht von „wir“, erst wieder, wenn er sich daran erinnert, „wie wir die Mannschaft dort wieder aus der Lethargie rausgerissen haben“.

Viele Bilder ziehen an Jürgen Stackmann vorüber, wenn er über seine vielen Karrierestationen spricht. Über die Zeit, als Deutschland noch ein stolzes Autoland war, bevor alles zu zerbrechen drohte. Nach dem Abschied von VW „habe ich drei Monate meine Wunden geleckt“. Ein Alphatier, das man aus Wolfsburg vertrieben hatte. Dann kommt ein Anruf von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Geislingen-Nürtingen. Ob er nicht den Führungskräften von morgen sein Wissen aus der Praxis vermitteln wolle?

Den Kaffee kocht der Ex-Manager wieder selbst

Stackmann will. Die auf Social Media geposteten Fotos aus seinem neuen Leben zeigen ihn gemeinsam mit Studentinnen und Studenten vor einer Treppe im Hochschulgebäude. Der frühere Entscheider lernt wieder, „selbst zu arbeiten“, wie er spöttisch bemerkt. Wie geht das noch mal mit den Folien für seine Vorträge, wenn das kein Assistent mehr für ihn übernimmt? Stackmann richtet sich in der Zeit danach ein – ohne Vorstandsbüro, den Kaffee kocht er jetzt selbst.

Seinen Studenten bringt er bei, wie das Geschäft funktioniert, aber auch, dass Gewissheiten von heute morgen falsch sein können. Er hat es selbst erlebt. „Unser Konsumverhalten wird die Welt killen, wenn wir uns nicht ändern“, sagt er. „Ich blicke mit großer Ernüchterung auf das Bild, das die Mobilität heute abgibt.“ Der Automann hat seinen Horizont erweitert, inzwischen arbeitet er auch für das Institute for Future Mobility in St. Gallen. Seitdem redet er über Nachhaltigkeit, vernetzte Mobilität und darüber, dass Menschen ihre Gewohnheiten ändern müssten, weil sonst der Klimakollaps drohe.

Wie Stackmann über Mercedes denkt

Doch die Seiten habe er nicht gewechselt, sagt Stackmann. „Sinnvolle Mobilität heißt für mich nicht: Auto weg.“ Von der Seitenlinie aus beobachtet Jürgen Stackmann, was bei VW, Porsche oder Mercedes passiert. „Ich halte deren Luxusstrategie für den richtigen Weg. Früher war ein Mercedes doch immer die Marke, auf die man ein Leben lang hingearbeitet hat.“ Das sei zwischenzeitlich für ihn nicht mehr so klar erkennbar gewesen.

Die Autobauer lernen vieles neu, genau wie Jürgen Stackmann selbst, der sich nicht von seinem Lebensthema abgewandt hat, aber einen Schritt zurückgetreten ist. „Das Zusammenleben mit meiner Frau und meiner Familie hat in all den Jahren gelitten.“ Stackmann war es gewohnt, jeden Tag Entscheidungen zu treffen – aber nur im Job. „Heute kann ich auch Entscheidungen in der Familie wieder selbst treffen.“ In seinem Leben nach Wolfsburg.