An diesem Mittwoch (18 Uhr) kämpft der VfB Stuttgart beim 1. FC Nürnberg um den Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals. Aufseiten der Franken drückt einer die Daumen, der 28 Jahre lang maßgeblich die Geschicke beim VfB bestimmt hat.
Während seiner langen Zeit beim VfB Stuttgart bemühte Stefan Heim gerne das Bild von einem Haus. Mit einem soliden Fundament als Basis, auf dem die Stockwerke – ergo die Zukunft – eines Vereins errichtet würden. In blumigen Worten präsentierte der langjährige VfB-Finanzvorstand auf Mitgliederversammlungen die Kassenlage – dafür war Heim bekannt. 28 Jahre lang, ehe die als Datenskandal in die VfB-Geschichte eingegangene unerlaubte Weitergabe von Mitgliederdaten den 53-Jährigen aus dem Amt spülte. Anfang 2022 erfolgte die einvernehmliche Trennung. Wobei der Verein klarstellte, dass Heim selbst keine Daten rechtswidrig weitergegeben habe. Als Trennungsgrund wurde lediglich die „organisatorische Verantwortung“ für fehlende technische Vorkehrungen zur Vermeidung einer Datenweitergabe angeführt.
Schnee von gestern. Heim hat das Kapitel und die Vergangenheit abgehakt, der VfB aktuell andere Probleme. Im Juli 2022 heuerte der frühere Finanzvorstand beim 1. FC Nürnberg an. Als „Leiter der Stabsstelle Stadionentwicklung“. Der Auftrag: Heim soll für den Club ein neues Stadion bauen. Dabei ist sich der Meister der bildhaften Sprache treu geblieben: „Wir können Rennen auf dem Norisring nicht mit einem in die Jahre gekommenen VW Golf gewinnen“, sagt Heim, um den Standortnachteil in Nürnberg durch das Max-Morlock-Stadion (Fassungsvermögen: 50 000 Fans) zu verdeutlichen.
Die 1928 errichtete und zuletzt zur WM 2006 modernisierte Arena hat reichlich Staub angesetzt. Eine Laufbahn hat sie auch noch, was so gar nicht mehr in die Zeit passt. 30 Millionen Euro wären nötig, um nur den Istzustand zu erhalten. Bei der Anzahl der Business-Seats belegt der Club Platz 17 – in der zweiten Liga. Nur der SV Sandhausen hat noch weniger. Der aktuell Letzte der zweiten Liga denkt ebenfalls über ein neues Stadion nach.
Machbarkeitsstudie prüft Um- oder Neubau
Weshalb in Nürnberg nun eine 300 000 Euro teure Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben wurde, die mögliche Optionen prüfen soll. Ein Komplettumbau oder ein Neubau sind zwei von mehreren Optionen, die untersucht werden. Als nächstes ist der Stadtrat gefragt. Die Ergebnisse stehen noch nicht fest. Klar ist für Heim nur, dass etwas passieren muss: „Sonst wird der 1. FC Nürnberg dauerhaft abgehängt.“
Sein Credo lautet: „Eine gute Infrastruktur bietet keine Garantie für Erfolg. Sie ist aber eine Voraussetzung für Erfolg.“ Zur Verdeutlichung geht Heim zurück in die Anfänge professionellen Fußballs. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt der Ronhof im benachbarten Fürth als modernster Standort Deutschlands. Ehe der Rivale aus Nürnberg nachzog und ein noch größeres und besseres Stadion baute. Die Folge: fünf deutsche Meisterschaften binnen acht Jahren.
Wie Heim über den Umbau der Mercedes-Benz-Arena denkt
Nun lassen sich die Verhältnisse von vor hundert Jahren nicht auf die Jetztzeit übertragen. Das zeigt das Beispiel Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart, Heims frühere Wirkungsstätte. An deren Umbau zur WM 2006 hat der gebürtige Reutlinger genauso mitgewirkt wie an den Plänen zum 130 Millionen Euro teuren Neubau der Haupttribüne, die zur kommenden Saison fertiggestellt sein soll. Mit seinem Stadion müsste der VfB eigentlich Dauergast in der Champions League sein. Stattdessen pendelt er zwischen erster und zweiter Liga. Und stürzt nun womöglich erneut ins Verderben, weil er ständig seine besten Spieler verkaufen muss, um die Finanzen im Lot zu halten. Da hilft auch kein exklusiver Tunnelclub, wie ihn der VfB derzeit baut.
„Der Tunnelclub wird flutschen“, entgegnet Heim und erinnert an die Hamburger Elbphilharmonie, die sich trotz anfänglicher Bedenken zur Touristenattraktion entwickelt hat. Heim weiter: „Natürlich sind Investitionen immer auch mit Risiken verbunden.“ In Stuttgart sind die Kosten aus dem Ruder gelaufen – von 70 auf nun 130 Millionen Euro. Heim führt dies auf „unvorhersehbare Faktoren wie die Baupreissteigerung und die Zinsentwicklung“ zurück. Eine schwierige Konstellation, gesteht der Finanzfachmann ein. Dennoch bleibt er dabei: Wer nicht wagt, der nichts gewinnt.
Der Schwabe Heim ist jetzt ein Cluberer
An diesem Mittwoch (18 Uhr) stehen sich die beiden wankenden Traditionsclubs im Viertelfinale des DFB-Pokals gegenüber. Endlich wieder die große Bühne, das Max-Morlock-Stadion ist ausverkauft, es geht um drei Millionen Euro Einnahmen. Heim, der seinem Ex-Club im Herzen immer noch eng verbunden ist, wünscht sich für seinen aktuellen Verein ein „Weiterkommen im Elfmeterschießen“. Und natürlich, dass beide Clubs am Ende die Liga halten. Der 53-Jährige legt Wert auf die Feststellung, dass er und der VfB im Guten auseinandergegangen seien. Zum Abschied gab’s Leberkäsweckle für alle Mitarbeiter.
Doch jetzt ist der Schwabe ein gefühlter Franke. In der Nürnberger Südstadt hat Heim eine Wohnung bezogen, genau mittig zwischen dem Clubzentrum am Valznerweiher und dem Rathaus. Den beiden Orten, zwischen denen der Nürnberger Stadionbaumeister am häufigsten pendelt. „Wie in einem Berliner Kiez“, fühlt sich der 53-Jährige, der einen hat, der auf ihn aufpasst: „Mein Nachbar ist ein vor Kraft strotzender Cluberer. Mit dem passiert mir nichts,“ erzählt Heim und lacht.
In sechs Jahren, so der ambitionierte Plan des Nürnberger Bürgermeisters Christian Vogel, könnte die neue Arena fertiggestellt sein. Ein Länderspiel beim DFB ist bereits angemeldet. Laut Heim soll der Gegner nichts weniger als ein „echter Kracher“ sein.